Netzwelt-Ticker Wales zieht bei Wikia Search den Stecker

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales beklagt und begründet das Aus für sein Suchmaschinenprojekt Wikia Search, Honda steuert mit Gedankenkraft Roboter und die Telekom will den Ausbau von Breitbandnetzen einstellen. Das und mehr im Überblick.


Die Finanzkrise stürmt um die Welt und bläst auch Wunderkindern des Webs kräftig ins Gesicht. Zum Beispiel Wikipedia-Erfinder Jimmy Wales, der gestern die Beerdigung seiner Mitmach-Suchmaschine Wikia Search ankündigte. Die schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien der Hauptgrund, die zu dem schmerzlichen Schritt geführt hätten, er hänge mit ganzem Herzen an dem Projekt.

Jimmy Wales: Scheiterte mit dem Versuch, das Wiki-Prinzip auf eine Suchmaschine zu übertragen
Getty Images

Jimmy Wales: Scheiterte mit dem Versuch, das Wiki-Prinzip auf eine Suchmaschine zu übertragen

Allerdings ist der Hinweis auf die negativen ökonomischen Bedingungen möglicherweise nur ein Teil der Wahrheit. Wikia Search ist nie so recht in die Puschen gekommen. Während sich auf den Seiten anderer Wikia-Projekte monatlich bis zu 30 Millionen Besucher tummelten, sollen sich im letzten halben Jahr durchschnittlich nur 10.000 User zu Wikia Search verirrt haben. Und diesen betrüblichen Trend hätte wohl auch noch soviel geduldiges Zuwarten nicht mehr ändern können, so Wales zu "Cnet". Damit ist neben Microsofts Encarta schon das zweite, wenn auch völlig anders konzipierte Wissensmaschinenkonzept gescheitert.

Eines Tages aber werde er zum Projekt "zurückkehren, wenn die Wirtschaftslage besser ist", so Wales. Denn nach wie vor glaube er an eine offene Suche, anders als Google, das seine Suchalgorithmen und Methoden streng geheim gehalten würde.

Honda erfindet Roboter mit Gedankensteuerung

Es ist die Meldung, die heute um die Welt geht, und den deutlichsten Geruch von Entendaunen mit sich bringt: Honda will eine auf EEG-Messungen basierende Steuerung für den Asimo-Robot entwickelt haben. Was daran misstrauisch macht, ist vor allem die angeblich erreichte Treffsicherheit des quasi-telepathischen Steuerungsverfahrens - und der quietschdoofe Versuchsaufbau, mit dem uns Honda von der Echtheit überzeugen will.

Unsere Einschätzung: Ein netter Aprilscherz. So einfach ist das nicht, Hirnströme in Roboter-Befehle zu übersetzen. Falls wir da falschliegen, leisten wir am Donnerstag gern Abbitte.

Google macht jetzt Vorschläge auf Deutsch

Mal wieder eine Erleichterung für faule Zeitgenossen und solche, die es eilig haben: Googles Feature Suggest gibt's jetzt auch auf Deutsch. Beim Eintippen eines Wortes auf der Suchmaschinen-Startseite klappt sofort ein Fenster mit Vorschlägen auf, das außerdem noch die wahrscheinliche Zahl der Ergebnisse auflistet.

Lästiges Detail: Das Feature überschreibt die Vorschläge, die die Autovervollständigung sonst für Formularfelder ausgibt, zum Beispiel im Firefox. Zwar lässt sich das über die Einstellungen deaktivieren, wer allerdings sicherheitsbewusst ist und stets seine Cookies löscht, muss nun jedes Mal am Schräubchen drehen, um den alten Zustand wieder zu erhalten. Schade.

Richter vs. Medienkompetenz: Auch indirekte Links sind strafbar

Beim Landgericht Karlsruhe urteilen Juristen streng nach Gesetzeslage. Über mögliche Konsequenzen und Weiterung ihrer Sprüche scheinen sie sich nicht immer Gedanken zu machen. Denn nach ihrem Urteil sind Linkketten, egal wie lang, ein ausreichender Grund für eine Hausdurchsuchung.

Die erlebte ein Blogger, weil er auf eine Seite verlinkt hatte, die sich kritisch mit den dänischen Sperrlisten zur Zähmung von Pädophilen beschäftigt und die dazu ihrerseits einen Link zu Wikileaks und dort veröffentlichen Listen gesetzt hatte. Dessen Domaininhaber bekam ebenfalls schon Besuch von der Polizei, hier wie dort mit der Begründung, durch die Links würden Nutzer zu kinderpornografischen Angeboten weitergeführt und das sei strafbar.

In seinem Beschluss vom 23.03.2009 entschied das LG Karlsruhe, "aufgrund der netzartigen Struktur des WORLD WIDE WEB ist jeder einzelne Link im Sinne der conditio-sine-qua-non-Formel kausal für die Verbreitung krimineller Inhalte, auch wenn diese erst über eine Kette von Links anderer Anbieter erreichbar sind" ( Pdf).

Wie sehr dieser Schuss nach hinten losgehen kann, demonstrieren die Richter übrigens gleich selbst: Denn dummerweise landet der Surfer auch von der Web-Präsenz der Karlsruher Landesrichter nach einigen Schritten auf direktem Wege bei Wikileaks. Man darf gespannt sein, was die mit Sicherheit bevorstehende polizeiliche Hausdurchsuchung bei den Robenträgern so alles zutage fördern wird.

Telekom beleidigt: Nach Gebührensenkung keine Breitband-Investitionen

Gestern teilte die Bundesnetzagentur mit, die Deutsche Telekom dürfe die Durchleitungsgebühren für die "letzte Meile" nicht erhöhen. Diese Gebühren werden für Wettbewerber fällig, die ihre Gespräche auch durch das Telekom-eigene letzte Leitungsstück bringen wollen. Der Betrag sinkt ab dem heutigen 1. April von bisher 10,50 Euro pro Anschluss und Monat um 30 Cent.

Der Rosa Riese reagierte auf das Scheitern seiner Forderungen, das Entgelt sogar auf 12,90 Euro zu erhöhen, ziemlich verschnupft. Wenn es nicht mehr Geld für die Nutzung der Teilnehmeranschlussleitung (TAL) gebe, dann sei eben Schluss mit dem weiteren Ausbau von Breitbandnetzen in städtischen Räumen und der Erschließung des platten Landes. Da seien jetzt eben die Wettbewerber gefragt. Die Telekom habe jedenfalls kein Geld mehr für entsprechende Investitionen übrig.

EU installiert europäischen Telko-Regulator

Währenddessen kommen aus Brüssel Nachrichten, die die Telekom ebenfalls nicht jubeln lassen werden. Die EU-Kommission und das europäische Parlament haben sich auf ein Telekommunikationspaket geeinigt, das die Einrichtung einer kontinentalen Regulierungsbehörde vorsieht.

Diese Dienststelle mit dem sperrigen Namen "Body of European Regulators for Electronic Communications" (BEREC) soll sämtliche 27 nationalen Regulierungsbehörden in der EU ersetzen. Die Behörde soll möglichst kommissionsnah installiert werden. Und das entlockt den Verantwortlichen der deutschen Telekom, die regelmäßig mit EU-Kommissarin Viviane Reding im Clinch liegt, ganz sicher kein Lächeln.

Außerdem:

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.