Netzwelt-Ticker Windows XP lebt länger

Microsoft Betriebssystem-Opa Windows XP wird erneut eine Lebensverlängerung gewährt. Außerdem im Überblick: Porno-Links beim britischen Innenministerium, Gerüchte um Filmverhandlungen bei YouTube und Blinde protestieren für mehr Sprachausgabe.


Viele Computerbesitzer schwören auf Windows XP, ein Betriebssystem mit vielen Fehlern - an die man sich aber längst gewöhnt hat. Für Microsoft hingegen ist XP ein Fluch, blockiert es doch seit Jahren den Markt für Vista. Die alte Software ist so erfolgreich, dass ihr Nachfolger an ihm scheitert.

Windows XP: Noch mindestens bis 2010 auf Netbooks vorinstalliert
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Windows XP: Noch mindestens bis 2010 auf Netbooks vorinstalliert

Aus dieser ulkigen Rangelei versuchte sich Microsoft in den vergangenen Monaten mit der Einführung des Vista-Nachfolgers Windows 7 als Beta-Version zu winden. Vista erschien in dessen Lichtschein nur noch als Pausen-Clown im Betriebssystem-Zirkus. Jetzt setzte Redmond noch einen drauf und verlängerte eine exklusive OEM-Lizenz für XP an Computerhersteller Hewlett-Packard (HP) bis zum April 2010. Spätestens zu diesem Zeitpunkt, erklärt TGDaily die Problematik, wird XP auf dem heißen Netbook-Markt mit Windows 7 konkurrieren.

Denn es ist unwahrscheinlich, meint TGDaily, dass HP die XP-Software auf etwas anderem als Netbooks einsetzen will. Dafür eignet sich der OS-Opa nämlich ausgezeichnet - genau wie Windows 7.

Was hat Microsoft vor? Den Netbook-Markt mit "Windows" zu markieren, selbst wenn's ein Uralt-Windows ist? Dabei läuft zumindest in den USA laut einer neuen Studie bereits auf 96 Prozent aller Netbooks ein Microsoft-Betriebssystem.

Doch der Netbook-Markt liegt vor allem in Westeuropa, 80 Prozent aller Netbooks werden hier verkauft. Europa aber darf zurecht als offener gegenüber Alternativen gelten und somit für Microsoft als latent gefährdetes Revier. Bei den Netbooks aber mühen sich nicht nur verschiedenste Linux-Derivate bis hin zum Google-Betriebssystem Android darum, Boden gut zu machen - viele Tüftler haben sogar bereits das Apple-Betriebssystem Mac OS X auf ihren Mini-Laptops installieren können. Grund genug, per Lizenzverlängerung weiter einen Windows-Platzhalter im Markt zu halten, bis Win 7 soweit ist.

Egal, was hinter der XP-Verlängerung steckt: Interessant ist, dass Microsoft Windows XP einfach nicht totkriegt. Laut der Netz-Vermesser von Net Applications dominiert XP den weltweiten Betriebssystem-Markt mit einem Marktanteil von 63 Prozent, Windows Vista bringt es auf gerade einmal 23 Prozent. Das ist aber immer noch gewaltig, verglichen mit dem Apple-Marktanteil von etwa zehn Prozent.

Shocking: Pornos beim britischen Innenministerium

Die Homepage des britischen Innenministeriums hat am Montag kurzzeitig auf eine japanische Pornoseite verwiesen. Hacker hatten dafür den Inhalt einer verlinkten Website manipuliert, wie ein Behördensprecher der Nachrichtenagentur AFP sagte. Das Ministerium sei durch den Rundfunksender BBC auf den fehlerhaften Link aufmerksam gemacht worden und habe diesen sofort von der Homepage genommen. Es wurden Ermittlungen eingeleitet.
AFP

Gerüchte: Sony und Google führen Filmverhandlungen

YouTube ist unter Druck. Videowebsites wie Hulu machen Googles Videoportal Konkurrenz mit Serien- und Filmstreams in hoher Qualität. YouTube hat es wider Erwarten nicht geschafft, aus den vielen Hobbyfilmen Kapital zu schlagen, schreibt rote Zahlen, verliert angeblich eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr.

Anscheinend setzt die Mutterfirma Google nun auch auf hochqualitative Film- und Fernsehunterhaltung - erste Gehversuche unternahm YouTube bereits, indem es sich zum Programmkino für Indie-Filme mausern wollte. Auch ein paar Filme der Metro-Goldwyn Mayer Studios sollten bei YouTube online gehen.

Bald könnten noch ein paar dicke Brocken von Sony Pictures hinzukommen. Gerüchten zufolge befindet sich der Filmkonzern in Verhandlungen mit YouTube. Zur Debatte stehen einige Filme, die in voller Länge als Stream angeboten werden könnten. Das berichtet Cnet , beruft sich dabei auf Insider. Sprecher beider beteiligten Firmen wollten die Gerüchte nicht kommentieren.

Video-Hoster wie YouTube und Hulu müssen aufpassen: Illegale Streaming-Angebote wie Kino.to machen den Profi-Seiten ernsthafte Konkurrenz. So viele verschiedene Filme und Serien bringt kein legales Angebot auf die Reihe - und wird es wohl auch sehr lange nicht. Lizenz-Streitigkeiten und andere Schwierigkeiten stehen dem ebenso im Wege wie Versuche, mit den Filmmaterial auch Geld zu verdienen.

Amazon gewinnt MP3-Marktanteile

Ein kleines Wunder geschah vergangenes Jahr auf dem (legalen) Markt für MP3-Dateien: Amazons im September 2007 in den USA eröffneter MP3-Shop wurde im vergangenen Jahr laut Marktforschung von 16 Prozent der US-Musikkäufer tatsächlich genutzt. Das ist umso erstaunlicher, als alle anderen iTunes-Konkurrenten, zum Beispiel Napster und Wal-Mart, nie mehr als fünf Prozent der Musikinteressierten zum Einkauf bewegen konnten. 87 Prozent aller Online-Musikshopper sind hingegen iTunes-Kunden. Die simple Addition der Zahlen (16+5+87=108) zeigt: Die Treue der iTunes-Kunden schwindet, wer dort shoppt, zückt immer öfter auch anderenorts den Geldbeutel.

Wie konnte Amazon sich so schnell den zweiten Platz sichern? Die Antwort: Weil Amazons MP3-Shop für Musikkonzerne eine ernsthafte Alternative zu Apples rigiden Preisvorstellungen darstellt. Also bekam Amazon Rückenwind in Form kräftiger Unterstützung durch die Labels: Sie erlaubten Amazon, was sie iTunes lange verwehrt hatten.

Die vier Major-Labels hatten prompt zugesagt, Kopierschutz-freie Musikstücke via Amazon zu verkaufen. Zum anderen ist Amazon ganz einfach ein riesiger Onlineshop, dessen Kunden dort nicht nur Bücher, Gadgets und DVDs, sondern eben auch Musik-CDs kaufen - für die war der Klick zur MP3-Version eines Albums offenbar oft einen Versuch wert. Die Eintrittsschwelle für Erstkäufer digitaler Musik ist bei Amazon aber erheblich niedriger als bei iTunes: Wer einen Amazon-Account hat, kann nun auch Dateien kaufen, ohne sich erst wieder umständlich registrieren und authentifizieren zu müssen.

Blinde demonstrieren gegen Kindle-Abmahnung

Für viele Blinde und Sehbehinderte sind E-Books, digitale Bücher, ein Segen: So können Sie endlich ihre Büchersammlung im Computer abspeichern, anstatt einzelne Bücher regalmeterweise in Braille-Versionen einlagern zu müssen (Faustregel: zwei Taschenbücher gleich ein Regalmeter). Per Sprachausgabe lassen sich viele Blinde und Sehbehinderte Bücher von einer Computerstimme vorlesen - zum Beispiel von Amazons E-Book-Reader Kindle 2.

Umso unverständlicher fanden der US-amerikanische Blindenverband und die Bürgerrechtsgruppe "Reading Rights Coalition" deswegen die letztlich erfolgreiche Kampagne der US-Autoren-Gruppe "The Authors Guild" gegen eben diese Sprachausgabe. "Die erfolgreiche Kampagne, die Text-zu-Sprache-Funktion vom Kindle zu entfernen, betrifft blinde Menschen und untergräbt ihre Möglichkeiten, auf eine Vielzahl von Werken in einer besser zugänglichen Form zugreifen zu können."

Gegen die Vorwürfe der Blinden wehrt sich die "Authors Guild": "Das hat nichts mit Blinden zu tun", die hätten ja sowieso das Recht, Bücher in "hilfreiche Formate" umzuwandeln. Und den Kindle-Touchscreen könnten die Blinden ja eh nicht benutzen...

Das bezeichnet BoingBoing-Autor Cory Doctorow völlig zu Recht als Nonsens: Allein schon, weil viele formal Blinde durchaus noch etwas eine visuelle Restwahrnehmung besitzen - und ihnen die Zoom-Funktionen des Kindles sehr hilfreich sind.

Die "Authors Guild" bleibt hart, argumentiert, dass die Datei-Konversion in Sprache die Aufführungsrechte der Autoren verletze. Erfolgreich: Amazon wollte sich auf keine juristischen Scharmützel einlassen und entfernte die Sprachausgabe teilweise: Jetzt müssen Autoren ihre Bücher erst für die Sprachausgabe freigeben.

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