Netzwelt-Ticker Yahoo, ganz sportlich

Kaum sitzt er in der Chefetage, zückt Yahoo-Mitgründer Jerry Yang auch schon die Firmen-Kreditkarte - und kauft ein Sport-Portal. Außerdem im Überblick: Cyber-Mobbing bei Digg, noch mehr Soziale Bookmarks und viel Streit um ".berlin".

Von Sönke Jahn


Yahoo-Mitgründer Jerry Yang hat seinen ersten Schachzug als neuer Geschäftsführer gemacht. Für eine nicht genannte Summe hat er die US-Schulsportseite Rivals.com gekauft, auf der vor allem Sportnachrichten aus den Uni-, Highschool- und College-Ligen sowie alles weitere Drum und Dran verbraten werden.

Yahoo-Mitgründer Jerry Yang: Kaum auf dem Chefsessel, schon auf Einkaufstour
AFP

Yahoo-Mitgründer Jerry Yang: Kaum auf dem Chefsessel, schon auf Einkaufstour

Rivals.com habe 185.000 Abonnenten, die monatlich bereitwillig 10 US-Dollar, das sind 7,50 Euro, Zugangsgebühr berappen, berichtet heute die BBC. Pikant wird dieser Zukauf, weil Rupert Murdochs News Corp. erst im vergangenen Jahr für 60 Millionen US-Dollar Rivals Hauptkonkurrenten Sout.com gekauft hat. Außerdem versucht News Corp. zurzeit händeringend, sich 25 Prozent der Yahoo-Anteile zuzulegen.

Mit Rivals baut Yang seinen Sportteil aus, der im vergangenen Jahr bis zu 15 Millionen Besucher anzog. Yahoo erzielt nach Google mehr Werbeeinnahmen als jedes andere Webangebot und hat weltweit angeblich mehr als 500 Millionen Kunden.

Bei Digg lauert die Meute

Auch der Zorn über das Unrecht verzerrt die Züge. Oder so ähnlich. Da verdächtigt ein junger Mann in den USA eine junge Frau, ihm an einem Campingwochenende im März einen sehr teuren Camcorder gestohlen zu haben und geht deshalb zur Polizei - oder auch nicht. Ihn macht wütend, dass er seine Kamera wenig später auf einer Gebrauchtwarenseite im Web erkannt haben will – dort angeboten von seiner Hauptverdächtigen.

Daraufhin produziert er ein Video, in dem er nicht nur die Indizien dieses Casus schildert, sondern am Ende auch Amanda Brunzels Namen, Telefonnummer, Mail- und Myspace-Adresse hinzufügt und das Filmchen bei YouTube veröffentlicht. Vielleicht hätte er sich ja rausreden können, das Video habe sich dort irgendwie "versendet”. Aber der junge Mann macht den großen Fehler, selbst einen wenig souverän formulierten Hinweis auf sein Anklage-Video auf der Bookmarking-Seite Digg zu hinterlassen.

Bereitwillig springt daraufhin ein Internet-Mob auf das Thema drauf. Das Mädchen wird verfolgt, verortet und von der Meute eingekreist; es tauchen Nacktbilder von ihr auf, sie wird von wildfremden Leuten beschimpft, belästigt, verhöhnt, beleidigt und von den selbst ernannten Hilfssheriffs aufgefordert, die Kamera endlich zurück zu geben. Selbstjustiz, feige verübt per Telefon und Internet und in den Kommentaren des Digg-Bookmarks brav dokumentiert.

Nun sieht man den Ankläger Phillip Hullquist selbst in einem Online-Video, in dem er den Fernsehnachrichten erzählt, dass er dies alles ja gar nicht gewollt habe. Dies alles meint vor allem seine eigene Anklage wegen Cyber-Mobbings. Ihm drohen nun bis zu zwei Jahre Haft oder 5000 US-Dollar Geldstrafe. Amanda indes hat lebenslänglich mit traurigem Internetruhm für eine bislang unbewiesene Anschuldigung zu büßen. Gestern immerhin hat sich Philip in seinem Blog bei ihr entschuldigt.

Neue Verlinkerei: Relevanter geht's bald nicht mehr

Aus der "New York Times" erfahren wir von einem weiteren Versuch, per "social bookmarking" relevante Nachrichten an den Leser zu bringen und damit Geld zu verdienen. Der Schotte Ian Clarke will demnächst mit Thoof.com starten. Der Name, so Clarke, reime sich so schön auf Truth, englisch für Wahrheit – jedenfalls, wenn man lispelt.

À la Digg und Del.icio.us sollen hier allerdings "stories" empfohlen werden. Nicht die schiere Zahl der Empfehlungen zählt, sondern dass diese Einträge von jedem Leser Wikipedia-artig bearbeitet und à la Flickr frei verschlagwortet werden können. Noch kommt man erst nach Hinterlegung seiner Mailadresse in den Genuss einer Einladung zu einem kleinen Schnupperaufenthalt, aber es soll ein ausgefeilter Algorithmus sein, der stets vielversprechende neue Artikel auf der Startseite platziert. Und der darüber hinaus nach und nach auch die Vorlieben seines Nutzers erkennen können und ihn mit ausgewählter Nachrichtenkost zufrieden stellen soll. Ian Clarke entwickelte 2000 bereits das Filesharingsystem Freenet.

Dot.Berlin: Das zieht sich hin

Das Gerangel um die mögliche Einrichtung von Webadressen mit der Endung ".berlin” . entwickelt sich zur unendlichen Geschichte. Der Senat der Hauptstadt möchte keine Toplevel-Domain (TLD) ".berlin” haben, will das privatwirtschaftliche Projekt um die Beantragung eines entsprechenden Internetadressraumes nicht unterstützen.

Trotzdem wurde die Ideengeberin, die dot.berlin GmbH, vorgestern für ihre Beharrlichkeit mit dem Sonderpreis der deutschen Internetwirtschaft ausgezeichnet. Man hoffe immer noch auf ein Einlenken des Senates und im nächsten Jahr auf dessen Unterstützung bei der Internetverwaltung ICANN.

Gegenüber dem Internet-Nachrichtendienst "Heise" bezeichnete Senatssprecher Michael Donnermeyer diese Hartnäckigkeit der dot.Berlin-Macher jetzt als "naiv" und "nicht ganz lauter" und benannte die drei Hauptgründe, sich gegen Dot.Berlin auszusprechen: Erstens wolle man als Stadt nicht für Adressen wie porno.berlin Verantwortung übernehmen. Zweitens würden sich Städte-TLDs sowieso nicht durchsetzen, denn schon bei Rom oder München funktioniere das Konzept wegen unterschiedlicher Schreibweisen nicht mehr: "Rome", "Roma", "Rom" bzw. "München", "Muenchen" oder "munich".

Der wichtigste Ablehnungsgrund ist nach Einschätzung der Heise-Kollegen allerdings der von Donnermeyer hervorgehobene "Schutz der eigenen Marke", nämlich des Portals "berlin.de", dem man keine Konkurrenz machen wolle. An Berlin.de sind die BV Deutsche Zeitungsholding, die Landesbank Berlin AG und die Berliner Volksbank beteiligt. Hier kämen auf die Stadt gegebenenfalls hohe Schadensersatzforderungen zu, was aber auch wieder nicht ganz sicher zu sein scheint. Die einschlägigen Verträge zwischen den Geschäftspartnern sollen nun im Abgeordnetenhaus überprüft werden.

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