Neue Werbemails Witzig, witziger, Spam

"Gott übernimmt Verantwortung für Hurrikan": Weil Reize wie "Viagra umsonst" sich längst abgenutzt haben, bombardieren Spammer die Welt jetzt mit skurrilen Botschaften. Gute Gags gibt's nur auf Englisch - deutscher Werbemüll ist höchstens unfreiwillig komisch.

Alles super, alles sicher, alles so gut wie geschenkt - mit solchen extremen Werbebotschaften haben Spammer die Empfänger ihrer Nachrichten abgestumpft. Wer klickt heute noch auf Nachrichten mit Betreffzeilen wie "Mercedes CLK zu gewinnen", "Bankkonto mit 2.500 Euro kostenlos" oder "Mittel gegen Impotenz"?

Eben. Ein paar Unbelehrbare fixt das sicher noch an. Doch je länger Web-Nutzer online sind, desto eher erregen die klassischen Spam-Reize (billig, nackt, lukrativ, potenzfördernd) Misstrauen statt der von den Absendern beabsichtigten Neugier.

Da kann Humor helfen. Wie wäre es mit einer Betreffzeile wie "Gott zerstört US-Stadt, weil sie nicht schwul genug ist?" (im Englischen Original: "God Destroys Boise for Not Being Gay Enough"). E-Mails mit solchen Schlagzeilen schwappen derzeit in Massen in die E-Mail-Ordner argloser Empfänger.

Und obwohl viele Mail-Anwendungen diese Nachrichten zuverlässig als Spam markieren, macht die überraschende Betreffzeile Leser neugierig genug, um die Nachricht zu lesen. So zum Beispiel den "Wired"-Redakteur Ryan Singel, der anerkennend bemerkt : "faszinierend."

Im eigentlichen Nachrichtentext der E-Mail steht dann nur noch, dass Barack Obama magersüchtig sei und man sich doch bitte ein Beweisvideo anschauen solle.

Wer auf den Link klickt, kommt auf Seiten, die versuchen, dem Computer den Pandex-Trojaner unterzuschieben. In jeder der derzeit kursierenden Mails verweist ein Link auf eine Seite, wo ein präpariertes Video zu finden ist. Statt abzulaufen und die bizarre Mail zu erklären, drängt der Clip zur Installation eines vermeintlichen Video-Codes, der aber tatsächlich den Trojaner enthält (siehe Kasten unten).

Schad- und Spähsoftware

Die Schad-Software klaut sich zwecks Verbreitung geschickt Inhalte aus dem Web zusammen. Die Schlagzeile von der Gottesstrafe für die zu wenig schwule Stadt im amerikanischen Hinterland zum Beispiel haben die Spammer bei der Satireseite "The Specious Report"  abgekupfert.

Dort zitierten die Autoren nach einer Überschwemmung im mittleren Westen der USA einen erfundenen Prediger aus San Francisco, der argumentiert habe, dies sei Gottes Strafe für Menschen, die "im Alltag viel zu konservativ" seien.

Abgedrehter Spam klingt wie Spam-Satire

Und so zaubert die Spam-Software der Kriminellen hinter dem Trojaner-Spam bizarre Maschinenprosa. Das Programm kombiniert immer zwei Überschriften aus Online-Quellen wie dem Satiremagazin "The Specious Report": eine kommt in die Betreffzeile, die andere in den E-Mail-Textkörper vor den Link zum Trojaner-Video. So entstehen dann ebenso absurde wie amüsante Kombinantionen. Zum Beispiel:

  • Hulk zermatscht (Video) - Paris Hilton referiert über Dickens und Dostojewski
  • Präsident Bushs iPod: die gesamte Playlist - Gott übernimmt Verantwortung für Hurrikan "Katrina"
  • Pferd tritt Harrison Ford in den Bauch - Mörderhaus schließt endlich
  • Angelina Jolie gebiert Drillinge - Was jeder über Obamas fiese Methoden wissen sollte

An die Absurdität dieser automatisch gedichteten Nachrichten kommen die vermutlich von den Spam-Versendern selbst geschriebenen Botschaften nicht heran - aber auch die werden bemüht alberner, wie IT-Sicherheitsanalyst Christopher Boyd  bilanziert. Sein Kommentar: "So viel toller Spam zur Auswahl". In der Tat:

  • "iPhone explodiert beim Aufladen"
  • "Jesus zerstört Madonnas ehemaliges Anwesen"

Das ist so überdreht, dass es fast schon als Spam-Satire durchgeht. An dieses Niveau reichen deutschsprachige Spam-Botschaften meist nicht heran. Das war schon vor zwei Jahren so, als SPIEGEL ONLINE die bizarrste Werbelyrik kürte (siehe Kasten unten).

Deutschsprachiger Spam ist inzwischen immerhin unfreiwillig komisch. Es gibt noch immer die Klassiker der Babelfish-Dichtung - schiefe Computer-Übersetzungen wie diese:

  • "Hallo, ich bin der Manager 'Euro Software' und mich froh, dir anzubieten"
  • "Es sind die Programme notig? Drucke hierher"

Neu sind die biederen Botschaften von offensichtlich halbwegs engagierten Muttersprachlern. Die formulieren ihre Spam-Prosa so ausführlich, so bemüht seriös und dabei unfassbar dilettantisch, dass sie auf eine ganz eigene Art unterhalten. Zum Beispiel die E-Mail-Werbung für den "Profi-Alkohol-Test".

"Blut und Alkohol, in der Tiefe der Lunge"

Fast 4000 Zeichen Text hat die Werbemail - beinahe so viel wie dieser Artikel. Die Betreffzeile erklärt väterlich: "Ein Betrieb kann mit zu viel Alkohol oder überhaupt Alkohol nicht profitabel arbeiten." Die schönsten Stellen der ungelenken Werbenachricht:

  • Die Spammer können sich nicht entscheiden, wie ihr Produkt heißt. Mal ist es der "Profi-Alkohol-Test", dann wieder der "TEST 2007" (ein Jahr zu spät dran?). Werbeslogan: "TEST 2007 - Der Profi-Alkohol-Tester für alle Gelegenheiten." Und gemeint sind wirklich alle Gelegenheiten: "Sozialstationen, Industrie, Verkehrsbetriebe und Wachunternehmen oder wo auch immer."
  • Wie das 98 Euro billige (statt 1000 Euro!) Gerät funktioniert, versucht die Spam-Botschaft mit vielen Worten zu erklären und verliert sich dabei in herrlichen Sätzen wie: "Blut- und Atemalkohol stehen in einem engen Verhältnis zueinander. In der Tiefe der Lunge."
  • Schulterklopfsätze wie dieser klingen nach "7. Sinn"-Parodie: "Oftmals wurden sicher die Risiken nach dem Genuss von Alkohol verdrängt. Vielleicht war auch nicht bekannt, dass es handliche Geräte für den privaten Gebrauch gibt."

"Nationalstolz macht immer einen guten Eindruck"

Ein Alkohol-Tester erscheint ja zumindest vom Prinzip her sinnvoll - doch richtig schwer haben es die Superflaggen-Spammer: Bei einem 6,20 Meter hohen Flaggenmast (mit Nationalflagge "A, CH oder andere auf Wunsch") muss der Absender sich schon viel Mühe geben, um einen Nutzen für sein Produkt zu finden. Die Superflaggen-Verkäufer versuchen es mit dieser Betreffzeile: "Nationalstolz macht immer einen guten Eindruck."

Und dann geht es in der E-Mail im Großbuchstaben-Kommandoton weiter: "FLAGGE HISSEN!".

Wo? Wo auch immer: "In Ihrer Firma, Bei Festen, Beim Sport, Camping, Beim Jubiläum, Im Club, Im Garten, Zu Hause".

Moment, ein 6,20 Meter hoher Flaggenmast "Zu Hause" oder "im Club"? Egal: Wer 6,20 Meter hohe Decken hat, bekommt bei den Superflaggen das volle Programm: "Alle Nationen jetzt lieferbar!", jubeln die Spammer.

Das Flaggengeschäft scheint recht gut zu laufen, denn auf der beworbenen Flaggenseite sucht das Unternehmen neue Mitarbeiter. Einsatzort: "Belgien (10 km zur deutschen Grenze)."

Welche Flagge dort wohl gehisst wird?

Aufruf: Schicken Sie uns ihre liebste Spam-Lyrik, ihre schönsten E-Mail-Bizarrheiten, möglichst in kurzen Häppchen, gern mit knapp gehaltener eigener Interpretation. Scheuen Sie sich nicht, nur einen einzigen Satz (oder irgendetwas, das typografisch als solcher betrachtet werden könnte) zu schicken , wenn er Ihnen aus der Seele spricht. Komplette E-Mails dagegen bitte nicht schicken. Betreffzeilen-Stichwort: Spamlyrik.

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