Neuer Konzernchef Larry Page Googles freundlicheres Gesicht

Larry Page beerbt Top-Manager Eric Schmidt als Google-Chef. Der Machtwechsel wirkt völlig überraschend, der Mitgründer des Internet-Giganten gilt als schüchtern und öffentlichkeitsscheu. Das zeigt vor allem eines: Page wurde bisher grandios unterschätzt.
Larry Page: Der Mann im Hintergrund tritt vor

Larry Page: Der Mann im Hintergrund tritt vor

Foto: CHIP EAST/ REUTERS

Google

Larry Page

Wer im Licht der Öffentlichkeit steht, über den gibt es in der Regel einen Wikipedia-Eintrag. Liest man den deutschen Eintrag über den -Mitgründer , kann man zu dem Schluss kommen, dass dieser Mann allenfalls ein kleines bisschen wichtig ist: Bescheidene drei Absätze kurz war der Eintrag an diesem Freitagmittag, obwohl die wichtige Nachricht bereits darin stand: Page übernimmt die Konzernspitze.

Das ist typisch. Larry Page, als Lawrence Edward Page 1973 in Michigan geboren, ist zwar der wohl federführende Mitgründer von Google, für viele aber ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Typisch ist oder war bisher, dass er selten viel sagt. Wenn er öffentlich auftritt, dann immer freundlich, fast schüchtern erscheinend. Seine kehlige und oft brüchige Stimme scheint wie dafür gemacht, von kleinen, beiläufig eingestreuten Witzchen unterbrochene Endlosvorträge zu vorzugsweise staubtrockenen Themen zu halten. Page ist anders als viele andere amerikanische IT-Unternehmer kein versierter Entertainer, sondern ein Nerd, wie er im Buche steht.

Ein Nerd aus einer Familie von Nerds sogar, in der Papa Informatik-Professor, Mama Programmiererin war und der ältere Bruder ein IT-Unternehmer, der mal eine Firma gründete und diese für 400 Millionen Dollar an Yahoo verkaufte. Vermutlich wird die Gründung von Großunternehmen in solchen Familien als normal verbucht: Pages Background dürfte dazu beigetragen haben, dass seine Qualifizierung für spätere Jobs früh begann. Angeblich soll er in Kinderzeiten einmal einen funktionierenden Tintenstrahldrucker aus Legosteinen konstruiert haben. Man wäre fast enttäuscht, wenn es nicht wenigstens solche Legenden gäbe - denn Abenteuergeschichten, Jugendsünden, Skandale oder sonstige Würze im dünnen Süppchen der Page-Biografie sucht man vergeblich.

Kompetent, aber hölzern

Sergey Brin

Eric Schmidt

Am ehesten kennt man ihn von Fotos, auf denen er entweder schräg hinter seinem Gründer-Partner oder dem langjährigen Firmenlenker zu sehen ist. Fast immer lächelt er, stets steht oder sitzt er sehr, sehr gerade. Die Bühne strebt er nur selten an, wie etwa bei der legendären CES-Keynote 2006, einem Meilenstein der Tech-Drögheit.  Keine Frage: Die Rampensau -Qualitäten eines Steve Jobs oder Larry Ellison gehen Page völlig ab.

Dabei steht seine Qualifikation völlig außer Frage, er ist offensichtlich nur kein Kameramensch - auch Bill Gates brauchte mehr als zwanzig Jahre, bevor er auf eine Bühne treten konnte ohne auszusehen, als habe er soeben einen Wellensittich erwürgt.

Bezeichnend ist, wie Page selbst im internen Zirkel der Google-Mitarbeiter auftritt. Das folgende Video zeigt ihn im Oktober 2009 bei einer internen Veranstaltung. Wer versucht, sich der Person Page auf solchen Wegen zu nähern, darf sich dabei fast wie ein Pfadfinder fühlen: Das bei YouTube veröffentlichte Video gehört zu den ausführlichsten, besten Mitschnitten eines Page-Auftrittes. Bis zum 21. Januar 2011, 12.35 Uhr, wollten exakt 2961 Menschen das Video sehen. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass das Interesse an Larry Page bisher eher verhalten war:

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Dass es nun Page und nicht der weniger öffentlichkeitsscheue, vermeintlich bissigere Sergey Brin ist, der Schmidt als Firmenlenker ablöst, deutet darauf hin, dass diese Wahrnehmung seiner Person nicht ganz vollständig war. Selbst in diesem Video legt er ja - wie in allen öffentlich zugänglichen Videodokumenten - nicht nur eine merkliche Steifheit an den Tag, sondern durchaus auch Souveränität. Menschen, die ihn kennen oder getroffen haben, schildern ihn als sehr selbstbewussten Zeitgenossen, der sich des eigenen Einflusses absolut bewusst ist - eine lächelnde, aber knallharte Autorität.

Sucht man nach seinen Spuren, egal ob im Web oder in Pressearchiven, wird man dagegen kaum fündig. Über Eric Schmidt, Sergey Brin, selbst über Marissa Mayer, die "Angestellte Nr. 18" von Google, gibt es genügend Porträts, um damit Brockhaus-dicke Bände zu füllen. Pages Spuren finden sich eher in Nebensätzen, kurzen Zitaten, in bisher eher seltenen Auftritten.

Ein Hintergrund-Mann? Ja, aber der, der die Fäden zieht

In all diesen Dingen aber finden sich so viele Indizien für die Unterschätzung des Herrn Page, dass man sich fragt, wie sie überhaupt geschehen konnte. Schon einmal, von 1998 bis 2001, stand Page ja an der Spitze des Unternehmens.

Wer auch sonst? Google basierte auf seiner Idee, ursprünglich als akademische Forschungsarbeit gedacht. Weil Page schnell erkannte, wie viel Potential darin steckte, legte er seine Promotion auf Eis, suchte erst einen Programmierpartner (Sergey Brin), dann ein Team. Als der Versuch scheiterte, die zu der Zeit führenden Internetunternehmen für die Technologie des Google-typischen Page-Rankings zu begeistern, machte er eine Firma aus der Sache.

Die Technik heißt übrigens keineswegs Page-Ranking, weil sie Internetseiten (Pages) analysiert. Der technologische Kern des Google-Erfolges ist nach seinem Entwickler benannt.

Der zeigte schnell, dass er nicht nur ein Ingenieur, ein Wissenschaftler und Tüftler ist, sondern auch eine feine Nase für das Geschäft besitzt. Gegen den Trend der Zeit bot Page Google nicht etwa einem mächtigen Venture-Capital-Finanzier an, sondern hausierte bei diversen Geldgebern, um kleinere Summen zusammenzubekommen. Sein Ziel: Vom ersten Tag an die Kontrolle über das Projekt nicht abzugeben. Es gelang mit Bravour. Selbst nach dem Börsengang hielt das Gründer-Duo, inzwischen durch den Ex-Novell-Manager Eric Schmidt als CEO zum Triumvirat erweitert, genügend Anteile, um Google bis heute unangefochten zu kontrollieren.

Zurück zu Page heißt auch, zurück zu einem "weicheren" Image

Es mag also durchaus nüchterne Gründe geben, den Posten des Mannes, der Google nach außen repräsentiert, wieder mit Page zu besetzen. "Reif zu führen" sei der, konstatierte der bisherige CEO Eric Schmidt, der Google durch eine Phase führte, in der das Unternehmen von 200 Mitarbeitern auf 24.400 Angestellte anschwoll. Auf diesem Weg aber verlor die Firma - gerade in den letzten zwei, drei Jahren - viel von ihrem jugendlichen Sex-Appeal, von ihrem Charme, ihrem Community-nahen, hemdsärmeligen Image.

Schmidt, dem kühlen, glatt wirkenden Manager, traute man nie wirklich Humor zu. So manche seiner mitunter scherzhaft gemeinten Äußerungen kamen nur arrogant rüber - andere waren es wohl wirklich. Das Bild vom netten "Don't be evil"-Unternehmen, das die Welt verbessern wollte, deckte sich nicht mehr mit dem des Multimilliarden-Konzerns mit dem überbordenen Datenhunger, geführt vom vermeintlichen Zyniker Schmidt. Der trat in letzter Zeit meist auf, um Google gegen massive Vorwürfe zu verteidigen: Datenschutz-Vergehen, Markt-Monopolisierungen, Einbrüche in die Privatsphäre von Nutzern. Aus dem Kumpel Google war in der öffentlichen Wahrnehmung der Krake geworden - das Microsoft des neuen Millenniums, wenn man so will, der neue Buhmann der IT-Welt.

Wenn es da noch einen gibt, der für Googles altes Image steht, dann ist das Larry Page. Als Top-Manager des Konzerns verantwortete er in den vergangenen zehn Jahren die Produktentwicklung, während Schmidt die Firma auf Effizienz und Profit bürstete. Effizienz hat auch der Ingenieur Page mit Löffeln gefressen, er sieht dabei nur so aus, als wolle er in Wahrheit nur spielen. Weniger bürokratisch solle es unter seiner Ägide nun wieder werden. "Back to the roots", signalisiert das, mehr Hemdsärmel und weniger Nadelstreifen und Krawatten.

Auch das soll aber wohl vor allem der Belebung der Kreativität des Unternehmens dienen. "Ich kümmere mich um die Realität", hat Page 2009 in einem Gespräch am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos einmal gesagt, "nicht ums Image." Uwe Jean Heuser, der das Treffen für die "Zeit" protokollierte, zitierte Page dann noch mit einem Witz: In Zeiten der Krise, habe Page gesagt, soll man keine Krawatte tragen. Das verringere die Blutzufuhr zum Gehirn.

Wäre es möglich, dass das gar kein Witz war?

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