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16. Mai 2014, 14:05 Uhr

Sorge um digitale Zukunft

Interner Bericht listet Mängel bei "New York Times" auf

Lässt sich die "New York Times" im Internet abhängen? In einem internen Bericht zerpflücken Mitarbeiter die Strategie ihres Verlags. Das Dokument hat ausgerechnet ein Konkurrent veröffentlicht - einen Tag nach dem Chefwechsel bei der "NYT".

Eigentlich macht die "New York Times" gerade sehr viel richtig: Die riesige Redaktion der angesehenen Zeitung sitzt in einem modernen Newsroom, die Website wurde runderneuert und hat eine Bezahlfunktion eingebaut, verschiedene Apps stehen bereit - viele andere Verlage schielen neidisch nach New York.

Doch hinter den Kulissen ist der digitale Wandel offenbar noch nicht überall richtig angekommen. Zumindest legt das ein interner Bericht nahe. Auf knapp 100 Seiten rechnen Mitarbeiter einer offiziell eingesetzten Kommission mit der Digitalstrategie ab. Frust und Nervosität könne man aus dem Bericht herauslesen, analysiert das Nieman Journalism Lab der Harvard-Universität.

Veröffentlicht hat das interne Dokument nun ausgerechnet "BuzzFeed", eine Seite, die in dem Bericht als neue Konkurrenz ausgemacht wird. Aufgetaucht ist der Innovationsbericht zur digitalen Zukunft unmittelbar nach dem Chefwechsel bei dem Traditionsblatt. Am Mittwoch hatte die "New York Times" ihre bisherige Chefredakteurin Jill Abramson entlassen. An ihre Stelle rückt nun Dean Baquet, der dort bislang als Redaktionsleiter arbeitete.

Wichtige Punkte aus dem Bericht:

Für Nieman-Forscher Joshua Benton zeigt der Bericht, dass der digitale Wandel selbst bei der "New York Times" noch nicht angekommen sei, immerhin einer der größten Redaktionen weltweit. Benton zufolge haben sich ihm gegenüber viele Mitarbeiter der Zeitung begeistert geäußert, den Bericht als "unglaublich wichtig" bezeichnet und von "einem großen Moment für die Zukunft der 'Times'" gesprochen.

Einer will sogar beim Lesen geweint haben, weil der Bericht so viele Probleme der Unternehmenskultur an die Oberfläche gebracht hätte, mit denen digitale Entwicklungen jahrelang zu kämpfen hatten. Offenbar wiegt das Print-Erbe des Verlags immer noch schwer. Im Bericht heißt es dazu: Trotz des digitalen Erfolgs orientiere sich die Redaktion der "New York Times" "in vielerlei Hinsicht an einem alten Modell".

jbr

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