Kryptokunst Ein Furz auf der Blockchain bringt 75 Euro

Fünf Freunde aus den USA haben ihre aufgezeichneten Flatulenzen gesammelt und versteigern sie als Kryptokunst. Die Aktion soll den Hype um NFTs aufs Korn nehmen, bringt aber tatsächlich auch Geld ein.
Heiße Luft für 0,05 Ether: Furz-NFTs

Heiße Luft für 0,05 Ether: Furz-NFTs

Foto: Screenshot/OpenSea.io

Die englischen Wörter art (Kunst) und fart (Furz) unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben. Wie schmal dieser Grat ist, haben nun der Dokumentarfilmer Alex Ramírez-Mallis aus New York und einige seiner Freunde bewiesen, indem sie Flatulenzen als Kunst verkaufen, für 85 Dollar das Stück.

Ihre Aktion ist das jüngste Beispiel für den Irrsinn rund um NFTs, Non-Fungible Tokens.

  • Der Grafikdesigner Mike Winkelmann alias Beeple ist der Star der NFT-Szene, spätestens seit der Versteigerung seines Werks »Everydays – The First 5000 Days« als NFT für 69 Millionen Dollar.

  • Twitter-CEO Jack Dorsey versteigert derzeit das Besitzrecht an seinem allerersten Tweet , das Höchstgebot liegt bei 2,5 Millionen Dollar.

  • Der Künstler Sean Williams hat ein Bild des Lochs , das er an Weihnachten versehentlich in seine Wand getreten hatte, für einen NFT-Verkauf genutzt. Kaufpreis: sieben Ether, das entspricht heute rund 10.000 Euro.

  • Der IT-Sicherheitsexperte Matthew Hickey hat zu Demonstrationszwecken sogar versucht, einen Schadcode zum Ausnutzen einer öffentlich noch unbekannten Sicherheitslücke (Zero-day Exploit) als NFT zu versteigern . Die Handelsplattform OpenSea, auf der auch Ramírez-Mallis und seine furzenden Freunde handeln, hat den Versuch nach einem Tag unterbunden.

Künstlerinnen und Künstler und alle, die sich dafür halten, können ihre digitalen Werke auf Onlineplattformen selbst zu NFTs machen, seien es Bilder, Musikdateien, Codes oder eben aufgezeichnete Darmwinde. Dabei erstellen sie eine Art Zertifikat, das die Authentizität der Datei als »Original« belegt. Dieses Zertifikat wird Non-Fungible Token genannt. Das bedeutet so viel wie »nicht austauschbare Wertmarke«, denn während ein Euro gleichwertig gegen jeden anderen Euro getauscht werden kann, sind NFTs Unikate. Sie werden fälschungssicher in einer Blockchain hinterlegt, üblicherweise ist das die Ethereum-Blockchain.

Wer das Zertifikat besitzt, kann sich Besitzerin oder Besitzer des NFTs nennen – und es versteigern oder verkaufen. Das dazugehörige Werk selbst bleibt eine Datei, die frei im Internet kursieren und beliebig kopiert werden kann. Mehr dazu erfahren Sie in diesem Selbstversuch sowie in der Infobox.

Glossar

»Non-Fungible Token« (NFT) bedeutet so viel wie »nicht austauschbare Wertmarke«. Es handelt sich um einmalige Besitzzertifikate für digitale Güter. Sie werden fälschungssicher in einer Wallet auf einer Blockchain hinterlegt. Die Zertifikate beziehen sich auf die jeweilige Originaldatei. Diese jedoch sind dadurch, anders als die Zertifikate, nicht kopiergeschützt. Die zertifizierten Dateien lassen sich so vervielfältigen wie jede digitale Datei, aber nur den NFT-Besitzerinnen und -besitzern »gehört« das jeweilige Original.

Pupse für die WhatsApp-Gruppe

Die Gruppe um Ramírez-Mallis hatte ursprünglich nicht geplant, in den Markt einzusteigen. Vor einem Jahr, mit Beginn des Coronapandemie-bedingten Lockdowns, hatten sie begonnen, ihre Pupse aufzunehmen und in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe zu teilen, wie er der Boulevardzeitung »New York Post« sagte . Was man eben so tut, wenn man gelangweilt zu Hause sitzt.

Nun aber haben sie eine 52-minütige »Master Collection« davon zusammengestellt, die sie auf OpenSea versteigern. Das derzeitige Höchstgebot liegt bei 0,2 Ether, Ether ist die Kryptowährung von Ethereum. Umgerechnet sind das etwas mehr als 300 Euro.

Zudem verkaufen die Freunde einzelne Furz-NFTs für 0,05 Ether, was derzeit rund 75 Euro entspricht. Ein solches NFT haben sie bereits verkauft , an eine Person, die vor gut drei Wochen in den NFT-Handel auf OpenSea eingestiegen  ist.

Alex Ramírez-Mallis selbst nennt den NFT-Hype »absurd«. Er hoffe, sagte er der »New York Post«, »dass diese NFT-Fürze das gleichzeitig kritisieren, Menschen zum Lachen bringen und mich reich machen können«. Ihn stört dem Bericht zufolge vor allem, dass es jenen, die NFTs erwerben oder damit handeln, nicht um die Kunstwerke gehe, sondern nur um mögliche Spekulationsgewinne.

NFTs haben nach Ansicht von Kritikern  aber auch einen ganz anderen Nachteil: Ihre Produktion und der Handel verbrauchen sehr viel Energie, bedingt durch die rechenintensiven Verifikationsprozesse der Ethereum-Blockchain. Ramírez-Mallis sieht das auch so, schreibt er dem SPIEGEL per E-Mail: »Die derzeit von Bitcoin und Ethereum verwendeten Systeme sind katastrophal für die Umwelt«. Sein Projekt solle aber in erster Linie »die wilde Spekulation und Gier freilegen«, die das wahre Potenzial von NFTs als Mittel für mehr Verteilungsgerechtigkeit für Künstlerinnen und Künstler verdeckten.

Hinweis: Die Zitate von Alex Ramírez-Mallis im letzten Absatz wurden dem Artikel nachträglich hinzugefügt.

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