Digital bearbeitetes Video Polizei lässt getöteten Teenager um Hinweise bitten

Vor 19 Jahren wurde Sedar Soares in Rotterdam getötet. Nun ist der Teenager auf einmal im Netz zu sehen: Für ein Video hat ihn die Polizei per Computer scheinbar wieder zum Leben erweckt.
Szene aus dem Polizeivideo: Das Gesicht des toten Jungen geht um die Welt

Szene aus dem Polizeivideo: Das Gesicht des toten Jungen geht um die Welt

Foto: Politie.NL / dpa

Fast 20 Jahre nach dessen gewaltsamen Tod hat die niederländische Polizei einen Teenager in einem Video digital zum Leben erweckt – und daraufhin Dutzende Hinweise erhalten. Die Ermittler teilten am Montag mit, die Methode sei eine »Weltpremiere«. Die große Zahl an Hinweisen sei »sehr positiv«, erklärte eine Sprecherin der Polizei von Rotterdam. Wie hilfreich diese sind, müsse aber noch überprüft werden.

In dem Video, das im Fernsehen gezeigt und ins Internet gestellt wurde , ist Sedar Soares, der 2003 im Alter von 13 Jahren in Rotterdam ums Leben gekommen war, als lebensechte Computeranimation zu sehen. Soares – beziehungsweise sein Digital-Pendant – hebt in dem Video einen Fußball auf und geht damit an einem Spalier aus seiner Familie, ehemaligen Klassenkameraden, Lehrern und Mitspielern seiner Fußballmannschaft vorbei. Manche von ihnen berühren den mit einem Mix aus Digitaltechnik und Schauspielerei scheinbar wiederbelebten Teenager an der Schulter.

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»Er wollte Profifußballer werden«, sagt seine Schwester Janet in dem Video. »Der Traum ist weg. Denn Sedar lebt nicht mehr.« Um endlich die Wahrheit zu erfahren, sei Sedar »speziell für diesen Film zum Leben erweckt worden«. Und dann scheint der Junge gemeinsam mit seiner Schwester an die Zuschauer zu appellieren: »Weißt du mehr? Dann sprich jetzt.«

Die Polizei hofft auf neue Zeugen

Als er sich im Februar 2003 mit Freunden auf einem Parkplatz eine Schneeballschlacht lieferte, war auf Sedar Soares geschossen worden. Wenig später starb er im Krankenhaus. Laut dem Fernsehsender NOS war die Polizei zunächst überzeugt, der Teenager sei getötet worden, weil er Schneebälle auf ein Fahrzeug geworfen hatte.

Sedar Soares: im Jahr 2003 starb er in Rotterdam

Sedar Soares: im Jahr 2003 starb er in Rotterdam

Foto: Politie.NL / dpa

Inzwischen aber halten es die Ermittler für wahrscheinlich, dass Soares zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen ist. Unbeteiligt könnte er Opfer eines Raubüberfalls einer Verbrecherbande auf eine andere Bande geworden sein, heißt es. Die Polizei jedenfalls hofft, dass sich nun Mitwisser des möglichen Überfalls melden – oder Augenzeugen, die bisher geschwiegen haben.

Im Netz verbreitet sich das ungewöhnliche Polizeivideo derzeit mit dem Hinweis, dass es sich um einen sogenannten »Deepfake« handelt. Ein klassischer »Deepfake« im Sinne anderer Internetvideos, die diese Kategorie begründet haben, ist der Clip aus den Niederlanden aber wohl nicht, so breit der Begriff mittlerweile auch verwendet wird.

Ein Foto als Grundlage

Mittels der »Deepfake«-Technik ist es möglich, die Gesichter echter Menschen mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) auf realistische Weise in Fotos oder Filme einzufügen – und sie Dinge sagen zu lassen, die sie gar nicht gesagt haben. Facebook etwa definierte »Deepfakes« einmal als Manipulationen mithilfe »ausgeklügelter Tools, die künstliche Intelligenz oder Deep-Learning-Techniken einsetzen, um Videos zu erstellen, die die Realität verzerren«.

Damit solche »Deepfakes« realistisch wirken, werden viele Bilder oder Videos der Person, um die es geht, als Ausgangsmaterial benötigt. Im Fall aus den Niederlanden jedoch wurde nach Angaben der Polizei lediglich ein Foto von Sedar Soares als Grundlage für das Video genutzt. Hinzu kommt, dass ein Großteil des Videos aufwendig, mit echten Personen, die sich freiwillig haben filmen lassen, inszeniert wurde. Der vermeintliche Fake enttarnt sich durch den Videoinhalt ohnehin von selbst – als Inszenierung samt Computertricks.

Die Polizei von Rotterdam betonte, dass sie das Video gemeinsam mit der Familie des getöteten Jungen entwickelt hat. »Wir sind davon überzeugt, dass es auch im kriminellen Umfeld Menschen berühren kann«, heißt es dazu. »Dass Zeugen und vielleicht der Täter sich melden werden.«

mbö/dpa/AFP