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Papa im Rock: Ein Name, ein Bild

Foto: Nils Pickert

Ein Bild und seine Geschichte Mit Papa im Rock einmal um die Welt

Sein fünfjähriger Sohn trägt gerne Kleider, also zieht sich Nils Pickert auch einen Rock an, um sein Kind zu unterstützen. Er veröffentlicht einen kurzen Text dazu im Internet - dann machen ihn Blogger weltberühmt.

Nils Pickert spaziert barfuß über das Kopfsteinpflaster einer Fußgängerzone, an seiner linken Hand geht sein Sohn, auch er läuft ohne Schuhe. Der Junge hat nur ein rotes Kleid mit Spaghetti-Trägern an, sein Vater trägt einen wadenlangen Rock. Es ist ein privates Foto, entstanden in einer süddeutschen Kleinstadt. Mittlerweile ging es einmal um die Welt.

Das Foto taucht vielerorts im Netz auf, erscheint in Blogs ebenso wie in klassischen Medien. Wer bei Google nach "Nils Pickert" sucht, bekommt immer wieder dieses Foto angezeigt, auf allen möglichen Seiten. Es ist zum Internetphänomen geworden, und alle diese Seiten erzählen dieselbe Geschichte, die ganz am Anfang einmal auf der Website des feministischen Magazins "Emma" stand , geschrieben von Pickert selbst.

Sein fünfjähriger Sohn trage gerne Röcke und Kleider, erzählt der Vater dort, und deshalb mache er das jetzt auch. Er wolle seinem Sohn ein Vorbild sein, ihm zeigen, dass es in Ordnung sei, als Junge Röcke zu tragen. Er möchte ihm damit auch Anfeindungen und Spott ersparen - oder sie zumindest mit ihm ertragen, als Großer, der so etwas abkann. Es sei sein Weg, "die Schultern für meinen kleinen Kerl breit zu machen", schreibt er, "schließlich kann ich ja von einem Kind im Vorschulalter nicht das gleiche Durchsetzungsvermögen erwarten wie von einem Erwachsenen. So ganz ohne Vorbild. Das Vorbild bin jetzt also ich."

Eine Art Guerilla-Journalismus

Der Text erschien auf der "Emma"-Website, das war Ende August. Mittlerweile aber hat sich der Text vom Röcke tragenden Papa weltweit verbreitet. Eine Bloggerin fand die Geschichte offenbar so rührend, dass sie den Text kurzerhand ins Englische übersetzte und samt Bild auf ihrem Tumblr-Blog veröffentlichte . Ob sie tatsächlich die Erste war, lässt sich allerdings kaum noch feststellen, denn einige der internationalen Einträge sind mittlerweile verschwunden. Dafür kommen anderswo immer mehr dazu: Britische, italienische, amerikanische und chinesische Medien nehmen die von Laien übersetzten Blog-Einträge immer noch als Vorlage, um ihrerseits die Geschichte zu erzählen.

Nils Pickert hat zunächst niemand gefragt. Der 32-Jährige ist freiberuflicher Journalist und lebt vom Schreiben. Für seinen Text hat er von der "Emma" ein Honorar bekommen; dann aber wurden seine Zeilen einfach weiter genutzt, in einer Art Guerilla-Journalismus, der nicht fragt nach Urheberrecht und Bildnutzung, sondern der einfach nur eine nette Geschichte weitererzählen will.

Es hätte auch einen Shitstorm geben können

"Der Stein ist von allein ins Rollen gekommen. Wir hatten keine Kontakte zu dem oder der Übersetzerin", erklärt die "Emma"-Redakteurin Angelika Mallmann gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wir haben von Anbeginn alle Anfragen an ihn weitergeleitet und nur wenn von ihm gewünscht, Text und Bild freigegeben. Allerdings haben nur wenige auch zuvor angefragt."

Nils Pickert wundert sich darüber, dass "die Leute - auch professionelle Journalisten - mit Bild und Text machen, was sie wollen". Wütend ist er aber nicht. "Ich habe ja Glück gehabt. Über uns wurde generell positiv berichtet", sagt er. Immerhin sind Vater und Sohn im Rock um die Welt gegangen, ein ungewöhnliches Bild. Und im Netz herrscht oft ein rauer Ton. "Es hätte auch ein riesiger Shitstorm über mich hereinbrechen können. Wenn ich daran denke, wird mir ganz anders."

So aber weiß Pickert den Hype um seine Person im Internet durchaus zu nutzen: Er konnte renommierten Medien seine Texte anbieten und kam in Kontakt mit den unterschiedlichsten Redaktionen. Er weiß, dass er das den Bloggern zu verdanken hat, die ihm als Journalist eine breitere Bekanntheit beschafft haben - indem sie einfach frech den Text kopiert haben. "Wenn sie es nicht getan hätten, hätte ich wohl nie für die 'Huffington Post' geschrieben ", sagt Pickert. Ein Journalist, der sich darüber freut, dass seine Texte geklaut werden - zumindest in diesem Fall. Ein Online-Phänomen.

Nicht zuletzt deshalb möchte er zumindest die privaten Blogger nicht verfolgen, weil sie ungefragt sein Bild und seinen Text veröffentlicht haben. Schließlich haben sie ihn berühmt gemacht - wenn auch ungefragt. Jetzt heißt er "Skirt Dad", also Rock-Papa, oder auch "Vater des Jahres". Im Netz und bei Google wird er mit seinem roten Rock verbunden sein - vielleicht sogar für immer.

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