NSA-Überwachung So wird ein Geheimdienst enttarnt

An acht Standorten des Telekom-Unternehmens AT&T kopiert der US-Geheimdienst NSA Daten zur Internetüberwachung. Journalisten haben nun die Adressen offengelegt.
Room 641 des AT&T-Gebäudes in San Francisco

Room 641 des AT&T-Gebäudes in San Francisco

Foto: CC BY-SA 3.0 Mark Klein

Fünf Jahre nach Beginn der Snowden-Enthüllungen scheint alles zur NSA-Überwachung gesagt. Aber manchen Journalisten ist das egal, sie machen einfach weiter. Der Däne Henrik Moltke ist einer von ihnen. Moltke, der auch schon für den SPIEGEL geschrieben hat, will sichtbar machen, was unsichtbar bleiben soll. Das treibt ihn um, seit der Whistleblower Mark Klein 2006 unter Eid erklärte, dass die NSA im Zimmer 641 des AT&T-Gebäudes in San Francisco geheime Überwachungstechnik installiert habe.

Das Gebäude befindet sich mitten in der Stadt, nur ein paar Häuserblocks von den berühmten Cable Cars entfernt, in der Folsom Street 611. Es wirkt, als wäre es mit Aluminiumplatten vernagelt worden. Einblick unerwünscht.

Vor eineinhalb Jahren machte Moltke zusammen mit dem schottischen Journalisten Ryan Gallagher in New York City ein weiteres Gebäude des Telekommunikationsanbieters ausfindig, das die NSA als "Spionage-Drehkreuz" mitnutze. Der Wolkenkratzer in Manhatten hat keine Fenster und keine Beleuchtung. "Nachts", schrieben die Journalisten , "wird er zu einem riesigen Schatten".

Nun haben Moltke und Gallagher in Washington, D.C., Atlanta, Chicago, Dallas, Los Angeles und Seattle sechs weitere solcher Bauten gefunden. Auf "The Intercept " beschreiben sie sehr ausführlich, wie sie mit Hilfe der Snowden-Dokumente, Unterlagen von AT&T, Informationen der Handelsaufsicht und mehreren ehemaligen AT&T-Mitarbeitern die jeweiligen Adressen ermittelt und Hinweise gesammelt haben, die auf eine Präsenz der NSA in all diesen Gebäuden hindeuten.

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Überraschend wäre das nicht, schließlich wurden bereits 2015 NSA-Unterlagen veröffentlicht, in denen der US-Geheimdienst dem Unternehmen eine "extreme Bereitschaft zu helfen" bescheinigte. Aber ihre Recherchen machen immerhin die Infrastruktur der Internetüberwachung sichtbar. Sie zeigen, dass sich auch etwas so Abstraktes wie Überwachung irgendwo physisch manifestieren muss - und sei es in fensterlosen, bomben- und erdbebensicheren Betonklötzen. Snowden selbst nennt den Artikel von "The Intercept" wenig diplomatisch eine "Überwachungs-Story, die zeigt, wie AT&T zum größten Feind des Internets wurde, der seine Kunden und Partner verrät und eure Privatsphäre zerstört".

Der "Heimvorteil" der NSA

Ausgangspunkt für die Recherchen war eine Karte in den von Snowden entwendeten NSA-Unterlagen zum Überwachungsprogramm FAIRVIEW, in dessen Rahmen die NSA internationale Kommunikationskabel, Router und Switches anzapfte. Acht sogenannte Peering-Stationen, die auch in einem anderen Dokument erwähnt werden, sind auf der Karte erkennbar.

Peering bezeichnet den Datenaustausch zwischen verschiedenen Internetanbietern. Solche Stationen sind dementsprechend hochinteressant für Geheimdienste. Hier fließt Datenverkehr aus aller Welt zusammen, weil viele transozeanische Glasfaserkabel in den USA anlanden und weil viele weltweit populäre Internetdienste ihren Hauptsitz eben in den USA haben und dort Daten verarbeiten. "Heimvorteil" nennt die NSA das.

Moltke und Gallagher durchsuchten das Internet nach weiteren Karten mit entsprechenden Hinweisen und wurden in öffentlich zugänglichen Präsentationsunterlagen  fündig. Es gibt Karten, auf denen die Städte gekennzeichnet sind, in denen sich die Peering-Stationen des Unternehmens befinden. Eine dieser Karten enthält die genauen Adressen, allerdings in codierter Form. Diese Codes aber lassen sich googeln. Die Informanten der Journalisten haben die jeweiligen Anschriften bestätigt

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Dass alle acht Gebäude auch NSA-Ausrüstung zum Ausleiten von Daten enthalten, geht indirekt aus den Snowden-Dokumenten hervor. Darin werden die acht Schaltzentralen wiederholt als Zugangspunkte genannt, nur eben ohne Details zum Standort.

Neues über das Ausmaß der NSA-Überwachung steht in dem Artikel nicht, nur der Verweis auf die lange bekannte Zahl von 400 Milliarden Metadaten , die im Rahmen von FAIRVIEW innerhalb weniger Monate gesammelt wurden. Aber Moltke und Gallagher zeigen, dass nicht alles so geheim bleibt, wie es der Geheimdienst gerne hätte.

pbe