Nürnberger Prozesse Harvard veröffentlicht Nazi-Akten

Jahrzehntelang schlummerten Originaldokumente aus den Nürnberger Prozessen in den Stahlschränken der amerikanischen Elite-Uni. Jetzt sind die Akten so alt, dass das Papier zu zerfallen droht. Die Elite-Uni hat sich deshalb zu einem spektakulären Schritt entschlossen.

Von Manuel Bödiker


Die Harvard Law School hat eine neue Internetseite über die Nürnberger Prozesse vorgestellt. Das Projekt mit dem Titel Nuremberg Trials Project: A Digital Document Collection zeigt Beweisstücke, Verhandlungsmitschriften und Übersetzungen aus den Prozessen gegen NS-Kriegsverbrecher wie Hermann Göring und Julius Streicher. Die Original-Akten aus den Kriegsverbrecherprozessen stehen damit erstmals online zur Verfügung.

Insgesamt sollen dreizehn Prozesse im Laufe der nächsten Jahre abrufbar sein. Dafür müssen Mitarbeiter der Universitätsbibiliothek 82.000 Dokumente digitalisieren und archivieren. Das Vorhaben wird zwischen sieben und acht Millionen Dollar kosten.

Auftakt zum Hauptverfahren: Klicken sie auf das Foto für Informationen über die Angeklagten
AP

Auftakt zum Hauptverfahren: Klicken sie auf das Foto für Informationen über die Angeklagten

Mit dem Projekt reagiert die Universität auf den drohenden Verfall der Dokumente aus den Jahren 1946 bis 1949. "Nach einem halben Jahrhundert sind sie steif geworden und begannen zu verblassen", sagte Harvards Bibliothekar, Harry Martin, dem Boston Globe. "Wir konnten sie den Leuten nicht mehr zur Verfügung stellen, weil sie zu zerbröseln drohten."

Insgesamt besitzt die Harvard Law School zwei Datensätze zu den Prozessen, die am 20. November 1945 im Nürnberger Justizpalast begannen. Dazu gehören brisante Dokumente wie ein unter dem Stempel "Geheime Reichssache" laufendes Schreiben an Heinrich Himmler. Dem Reichsführer SS wird darin von einem Adjutanten mitgeteilt, ob es effektiv ist, Männer per Röntgenstrahlen zu sterilisieren. Zwangssterilisationen war ein Mittel der Nazis, Hitlers Rassenlehre in die Realität umzusetzen.

Derzeit füllt das Archivmaterial in Harvard 680 Kartons mit 650.000 Seiten, die in Metallschränken lagern. Damit kommt noch viel Arbeit auf die Archivare zu, denn bisher umfasst der Internetauftritt erst rund 7000 Seiten. Wenn die digitale Archivierung abgeschlossen ist, sollen die Original-Akten in klimatisierten Räumen gelagert und nicht mehr in Gebrauch genommen werden.

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Einblicke sind dann nur noch durch das Internet möglich. Gleichzeitig löst die digitalisierte Form ein anderes Problem: die Unübersichtlichkeit der gigantischen Informationssammlung. Mit einer Online-Suchmaschine kann der Internetnutzer sämtliche Prozessdaten, Dokumente und Namen der Beteiligten schnell und leicht finden.

Die Veröffentlichung der Unterlagen helfe, die Wahrheit zu dokumentieren und mache es für Revisionisten schwieriger, die Geschichte zu verändern, sagte Martin.

Als erster Fall ist bisher der Prozess gegen den NS-Arzt Karl Brandt zu einem Drittel dokumentiert. Brandt war von Hitler zum Reichskommissar für das Sanitär- und Gesundheitswesen ernannt worden und damit oberster Mediziner im Deutschen Reich.

Der Arzt ließ unter anderem Häftlinge aus Konzentrationslagern mit Malaria, Typhus oder anderen Krankheiten infizieren, um Impfstoffe und Medikamente zu prüfen. Andere setzte er in Spezialkammern extremen Luftdruckverhältnissen aus, um Erkenntnisse für die Luftwaffe zu gewinnen. Eine amerikanische Jury verurteilte Brandt am 20. August 1947 zum Tod durch Erhängen.



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