Nutzerdaten als Kunst Der Code hinter einer Amazon-Bestellung

Die Künstlerin Joana Moll dokumentiert, was während einer Amazon-Bestellung im Hintergrund passiert. Einer ihrer Kritikpunkte ist der ihrer Ansicht nach unnötig hohe Energieverbrauch im E-Commerce.

Für ihr Projekt "The Hidden Life of an Amazon User" hat Joana Moll eine Onlinebestellung dokumentiert.
Joana Moll

Für ihr Projekt "The Hidden Life of an Amazon User" hat Joana Moll eine Onlinebestellung dokumentiert.

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Umgerechnet knapp 9000 A4-Seiten voller Codezeilen waren notwendig, damit Joana Moll sich bei Amazon das Buch "The Life, Lessons & Rules for Success" von Amazon-Gründer Jeff Bezos bestellen konnte. Für ihr Projekt "The Hidden Life of an Amazon User" hat die Künstlerin die technischen Aktivitäten im Hintergrund visualisiert, die während eines Bestellvorgangs ablaufen.

Auf ihrer an diesem Mittwoch gelaunchten Projekt-Website kann man sich durch eine nachgebaute Amazon-Seite und zahlreiche Code-Kolonnen scrollen. Was normalerweise unauffällig im Hintergrund geschieht, hat die Künstlerin sichtbar gemacht. "Man sieht den ganzen Code, der auf meinem Computer geladen wurde", sagt Moll dem SPIEGEL. "Es sind insgesamt 8724 A4-Seiten Code und etwa 87.33 Megabyte für nur zwölf verschiedene Aufrufe."

Während Amazon-Kunden sich durch die Benutzeroberfläche navigieren, werden unablässig Kommandos und Inhalte des Konzerns im Browser und auf dem Computer der Nutzer nachgeladen - sie sorgen etwa dafür, dass die Website korrekt dargestellt wird, ermöglichen Interaktionen und zeichnen die Aktivitäten des Nutzers auf. "Es bräuchte Entwickler, um den Code zu entschlüsseln und wirklich zu verstehen, was er tut", sagt Moll. "Ein großer Teil der Skripte sind jedoch Javascript-Dateien, die theoretisch Informationen sammeln können."

Das Geschäftsmodell von Amazon bestehe darin, Verhalten und die Aktivitäten seiner Kunden kontinuierlich zu verfolgen, die Kunden zu mehr Käufen zu animieren und so letztlich den Umsatz von Amazon zu steigern, kritisiert Moll. "Jede einzelne Aktivität eines Nutzers am Bildschirm wird von Amazon nicht nur getrackt und monetarisiert", so die spanische Künstlerin. "Dazu wird auch noch ein Teil des Stromverbrauchs an den Nutzer abgewälzt - es ist sozusagen eine doppelte Ausbeutung."

Joana Moll: Gesellschaftskritik mit digitalen Mitteln
Jan Slavík, DOX

Joana Moll: Gesellschaftskritik mit digitalen Mitteln

Auf Molls Webseite zeigt ein Tracker Werte an, die sie mit einem Messgerät erfasst hat. Der Energieverbrauch hänge von den benutzten Geräten und auch Interaktionen ab, Scrollen bedeute etwa zusätzlichen Stromverbrauch, schränkt Moll ein. Für ihr Projekt habe sie ganz gezielt nur die notwendigsten Schritte für eine Bestellung dokumentiert - wer vorher nach einem Produkt suchen müsse oder sich nicht entscheiden könne, komme leicht auf fünf- oder zehnmal so viel Aufwand.

Klimafreunde oder Greenwashing?

Amazon ist natürlich nicht der einzige Techkonzern, dessen Onlineprozesse Energie verschlingen. Forschern zufolge hat YouTube eine ähnliche CO2-Bilanz wie eine Stadt in der Größe von Glasgow (rund 600.000 Einwohner) - sie schlugen vor, diese etwa mit einem schlankeren, energieeffizienteren Webdesign zu mindern. Für ihr früheres Projekt "CO2GLE" hat Moll den CO2-Ausstoß von Google ausgerechnet. "Amazon ist für mich ein Symbol für den Energieverbrauch", sagt sie. Zudem agiere der Konzern unter den großen Techfirmen in Bezug auf Nachhaltigkeit am intransparentesten.

Dass Unternehmen wie Amazon und Google sich als Gegner des Klimawandels und Pioniere erneuerbarer Technologien inszenieren, hält die Künstlerin für einen "zynischen Diskurs". "Die großen Techkonzerne sind Teil des Problems", findet sie. Zwar investieren die Konzerne in erneuerbare Energien und wollen klimaneutral operieren. Gleichzeitig arbeitet zum Beispiel Amazon weiter mit Firmen aus der Ölbranche zusammen, wie Shell, BP und Halliburton.

Ihr neues Projekt wird die Künstlerin auf der Disruption Network Lab-Konferenz "Collective Strategies to expose Injustice" am 30. November in Berlin vorstellen. Die 37-Jährige aus Barcelona betreibt mit ihrer Arbeit Gesellschaftskritik an der digitalen Welt und hat auch in ihren früheren Werken Abgründe wie Überwachung und Datenhandel freigelegt - mithilfe digitaler Mittel wie Livestreams aus Überwachungskameras, Open-Source-Software oder Daten von Datenbrokern.

Datingprofile als Massenware

In ihrem letzten Projekt "Dating Brokers" hatte Moll entlarvt, wie Unternehmen mit den Daten von Nutzern umgehen, genauer: mit sensiblen Daten von Flirt-Plattformen. Für gerade einmal 136 Euro hatte sie sich eine Million Dating-Profile von der Firma USDate bestellt, ausgewertet und anonymisiert in einer Onlinedatenbank präsentiert.

Die unseriös wirkende Plattform USDate handelt nach eigenen Angaben derzeit mit 29 Millionen "echten" Flirt-Profilen, die man nach Herkunft kategorisieren kann. Namen, Fotos, E-Mailadressen, Angaben zu Bericht, Vorlieben, Geschlecht sowie persönliche Beschreibungen zählen zu den Daten, die geliefert werden.

Die von Moll erworbenen Daten stammten ihren Recherchen zufolge von der populären Dating-Plattform Plenty of Fish, deren Mutterfirma Match Group wiederum Dutzende andere Marken wie Cupid und Tinder besitzt. "Der Austausch und Kauf von Online-Dating-Profilen ist in der Online-Dating-Branche üblich", so das Fazit von Moll. "Die Methode wird häufig verwendet, um neue Online-Dating-Websites zu füllen, wenn sie launchen. Aber auch etablierte Dating-Websites handeln kontinuierlich mit Profilen - um neue Gesichter in ihre Dienste zu bekommen und damit die Wahrscheinlichkeit des Matchmaking unter ihren Nutzern zu erhöhen und neue zahlende Abonnenten zu gewinnen." Den Nutzern ist nicht bewusst, dass ihre intimen Profile und Angaben so von Firma zu Firma gereicht werden.

"Ich hoffe, dass ich Menschen zum Denken anregen kann, damit sich vielleicht etwas ändert", sagt Moll über das Ziel ihrer digitalen Kunst. "Aber ich weiß auch, dass ein Projekt allein das nicht schaffen kann."

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
sonnemond 20.11.2019
1. Die Künstlerin macht da einen guten Job
Ergänzend: 30 Minuten Streamen gleich 1,5 Kilo CO2. Streamen auf das Smartphone noch weitaus mehr. Danach die Auslieferung, nochmal eine Ladung CO2. Und wie die Wirschaftswoche heute schreibt: ". . . so gilt das Einkaufen im Internet als der wesentliche Treiber für den wachsenden Papiermüll: Knapp 1,7 Milliarden Sendungen stellten die Zusteller der Paket- und Kurierdienste in Deutschland 2017 zu, heißt es im Bericht des Bundesumweltamtes. Jede dieser Sendungen kam in einem Karton oder einer Versandtasche. Amazon gilt dabei als die wichtigste Plattform: Experten schätzen, dass der Online-Gigant selbst und die Verkäufer auf der Plattform für rund 30 Prozent des Umsatzes im deutschen Onlinehandel verantwortlich sind – und damit auch für sehr viel Verpackungsmüll." Die kommunalen Entsorger kommen da nicht mehr mit. Es reicht!
benmartin70 20.11.2019
2.
Na da wollen wir aber mal nicht gegenrechnen was die Künstlerin und Ihre Kollegen für Ihre "Kunst" so generell an Ressourcen verbrauchen.....
draco20007 20.11.2019
3.
Was ist das denn für eine sinnlose betrachtungsweise, mal davon ab, dass Watt die falsche Einheit ist. Da fehlt die Zeiteinheit. WattMinuten oder ähnliches wäre ein sinnvoller Messwert. Das zeigt mir jedenfalls, dass der guten Frau jede Menge technisches Verständnis fehlt. Es fehlt auch die "Basislinie", auch ohne irgend eine Interaktion wird der Rechner Strom verbrauchen, den muss sie schlicht abziehen. Und ohne einen Vergleichswert, wieviel man sparen würde, wenn das "Webdesign effizienter" wäre, ist das auch wertlos.
draco20007 20.11.2019
4.
Zitat von sonnemondErgänzend: 30 Minuten Streamen gleich 1,5 Kilo CO2. Streamen auf das Smartphone noch weitaus mehr. Danach die Auslieferung, nochmal eine Ladung CO2. Und wie die Wirschaftswoche heute schreibt: ". . . so gilt das Einkaufen im Internet als der wesentliche Treiber für den wachsenden Papiermüll: Knapp 1,7 Milliarden Sendungen stellten die Zusteller der Paket- und Kurierdienste in Deutschland 2017 zu, heißt es im Bericht des Bundesumweltamtes. Jede dieser Sendungen kam in einem Karton oder einer Versandtasche. Amazon gilt dabei als die wichtigste Plattform: Experten schätzen, dass der Online-Gigant selbst und die Verkäufer auf der Plattform für rund 30 Prozent des Umsatzes im deutschen Onlinehandel verantwortlich sind – und damit auch für sehr viel Verpackungsmüll." Die kommunalen Entsorger kommen da nicht mehr mit. Es reicht!
"Es reicht!", ok gehe ich mal mit. Alternative? Wir fahren alle wieder fröhlich in die Stadt zum Einzelhandel? Mit dem Auto? Selbst mit den Öffis wird ihre Umweltbilanz DEUTLICH schlechter aussehen, als wenn sie einen Paketzusteller losschicken, der hundert Pakete ausliefert...
muellerthomas 20.11.2019
5.
"Das Geschäftsmodell von Amazon bestehe darin, Verhalten und die Aktivitäten seiner Kunden kontinuierlich zu verfolgen, die Kunden zu mehr Käufen zu animieren und so letztlich den Umsatz von Amazon zu steigern" Wow, ein Einzelhandelsunternehmen versucht die potentiellen Kunden zum Kauf zu bewegen, um so den Umsatz zu erhöhen...das ist echt ein harter Vorwurf.
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