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03. April 2013, 18:38 Uhr

Soziales Netzwerk

Facebook verliert junge Nutzer in Deutschland und USA

Facebook ist im Jahr 2013 offenbar out - zumindest bei manchen jungen Erwachsenen in westlichen Ländern. Aktuelle Zahlen zeigen, dass Nutzer zwischen 18 und 34 Jahren in Deutschland und den USA abwandern. Dafür boomt Facebook andernorts.

Hamburg - Vor allem in den westlichen Ländern kehren viele jüngere Nutzer Facebook den Rücken, verlassen es ganz oder nutzen es seltener; ein Wachstum gibt es momentan nur noch in der Altergruppe über 45. Das jedenfalls legen Zahlen der Analysefirma Socialbakers nahe. Der Dienst zeigt nach Ländern sortiert, wie es um die Nutzerzahlen sozialer Netzwerke steht. Und Facebook scheint gerade in den USA zu Beginn des Jahres nicht mehr ganz so angesagt zu sein.

Laut der Zahlen von Socialbakers verabschiedeten sich in den USA viele junge Menschen im ersten Quartal 2013 von Facebook. In der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren gab es in diesem Zeitraum demnach einen Rückgang von gut 1,2 Millionen Nutzern. Zu beachten ist dabei, dass derartige Zahlen mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten sind - die Zahl der aktiven Facebook-Nutzer unterliegt seit jeher relativ starken Schwankungen.

Konkurrenten: Snapchat, Tumblr, Instagram

Die Zahlen von Socialbakers sind aber nicht das einzige Indiz, dass Facebook in den USA unter jungen und sehr jungen Nutzern an Boden verliert. In der US-Techszene wurde in den vergangenen Monaten beispielsweise viel über Snapchat gesprochen, eine Smartphone-App, mit der man Bilder verschickt, die sich der Empfänger nur Sekunden lang ansehen kann, dann verschwinden sie. Die Privatsphäre ist damit gewissermaßen eingebaut, und die Flüchtigkeit erzeugt gleichzeitig Intimität. Snapchat scheint unter US-Teenagern ein rasantes Nutzerwachstum zu erleben. Daneben gilt die Bloggingplattform Tumblr als großer Facebook-Konkurrent um Aufmerksamkeit und Nutzungszeit der Jüngeren.

Möglicherweise manifestiert sich hier tatsächlich ein Trend: Gerade die mit der digitalen Welt, mit Smartphones Aufgewachsenen nutzen bestimmte, dedizierte Dienste für bestimmte Zwecke - Tumblr und Instagram zum Ansehen von Fotos, Snapchat, WhatsApp, WeChat und andere zur direkten, persönlichen Kommunikation. Facebook wird für manche Teenager zu einer Art LinkedIn: Digitale Infrastruktur für nicht allzu Persönliches, ein Ort, an dem auch Eltern und Großeltern, Lehrer und Fußballtrainer anzutreffen sind.

"Jüngere Nutzer nutzen andere Produkte als Ersatz für Facebook"

Bei Facebook ist man sich des Problems längst bewusst. Im Jahresbericht an die Börsenaufsicht SEC aus dem Dezember 2012 heißt es: "Wir glauben, dass manche unserer Nutzer, vor allem jüngere Nutzer, andere Produkte und Dienste, die unseren ähneln, kennen und als Ersatz für Facebook aktiv nutzen." Explizit genannt wurde hier Instagram. Der Absatz schließt mit den Worten: "Wir könnten eine Abnahme der aktiven Nutzung erleben, und das könnte unserem Geschäft schaden."

In den USA scheint der Trend am ausgeprägtesten, doch auch hierzulande wandelt sich Facebooks Nutzerschaft langsam - sie altert. In Deutschland musste das Netzwerk in den ersten drei Monaten Verluste vor allem in der Altergruppe zwischen 25 und 34 Jahren hinnehmen: 121.600 Nutzer weniger hat Socialbakers gezählt, bei den 18 bis 24-Jährigen waren es noch fast 90.000 weniger. Bei diesen beiden Altersgruppen handelt es sich um die Kernklientel von Facebook, sie sind insgesamt am stärksten vertreten. Auch unter den 35- bis 44-Jährigen gab es Einbrüche statt Zuwachs: Der Rückgang beträgt mehr als 41.000.

Derzeit hat Facebook laut Socialbakers in Deutschland gut 25 Millionen Nutzer. Auf diese Zahl kommt auch das Blog allfacebook.de. Basierend auf den Zahlen der Analysefirma Quintly lässt sich dort an einer Kurve ablesen, dass es seit Beginn des Jahres 2013 mit den Zahlen der aktiven Nutzer in Deutschland insgesamt bergab geht, wenn auch nur leicht. Im zweiten Halbjahr 2012 zeigte die Kurve für die deutschen Nutzerzahlen insgesamt noch deutlich nach oben, allerdings war auch das schon "kein dauerhafter Trend", heißt es in der Analyse. Im Sommer etwa gab es bereits Einbrüche.

Insgesamt gab es im April 2013 immerhin fast 1,8 Millionen deutsche Nutzer mehr als im April 2012. Das klingt zwar viel, ist aber für das Riesennetzwerk im Vergleich zum Jahr 2011 mickrig: Da wuchs das Netzwerk nämlich laut allfacebook.de um mehr als 50 Prozent, ganze 8,2 Millionen Menschen kamen als Neunutzer hinzu.

Der rasante Aufstieg des Netzwerks und das rasche Nutzerwachstum scheint zumindest in Deutschland also vorbei zu sein. Lediglich die Nutzer ab 45 Jahre traten dem Netzwerk seit Januar vermehrt bei - allerdings insgesamt weniger als 50.000, also längst nicht so viele, als dass sich der Verlust bei den Jüngeren hätte ausgleichen lassen.

Aus Brasilien kommen mehr als eine Million junge Nutzer hinzu

In den USA ist laut Socialbakers die Gesamtnutzerzahl innerhalb der vergangenen drei Monate um rund 3,7 Millionen Nutzer gesunken, auf momentan rund 163 Millionen. In dieser Größenordnung ist das immer noch ein vergleichsweise kleiner Schwund. Trotzdem ist die einzige Gruppe in den USA, die zumindest ein kleines Wachstum über den Drei-Monats-Zeitraum vorweisen kann, die der Nutzer über 65 Jahre.

In anderen Regionen der Erde sieht das derweil ganz anders aus - da wächst das Netzwerk, vor allem unter den jungen Menschen: In Vietnam beispielsweise kamen seit Januar knapp 200.000 Nutzer zwischen 18 und 24 Jahren hinzu, in Ägypten noch etwas mehr. Brasilien hat laut Statistik seit Anfang des Jahres mehr als eine Million neue aktive Facebook-Nutzer zwischen 18 und 24 Jahren hinzugewonnen.

juh/cis

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