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Patrick Beuth

Nym versus Tor Das neue Darknet aus der Schweiz

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Tor-Netzwerk ist eine Art Brückentechnologie, der die Brücken ausgehen. Die Entwickler des bewährten Anonymisierungswerkzeugs, das verschleiert, wer gerade welche Website aufruft, haben deshalb kürzlich Alarm geschlagen : Seit Jahresbeginn sei die Zahl der sogenannten Tor-Bridges gesunken. Sie müsse aber kontinuierlich steigen, um Tor als Anti-Zensurwerkzeug wirklich überall zugänglich machen zu können.

Die Brücken sind öffentlich nicht gelistete Zugangspunkte zum Tor-Netzwerk, die auch Menschen in China, Kasachstan, Belarus oder Iran nutzen können, wo die bekannten Zugänge geblockt sind. Die Koordinaten der Zugangspunkte erhält man sozusagen auf Antrag  – sie funktionieren so lange, bis die Zensoren die Brücken entdecken und ebenfalls blockieren.

Wie alle Knoten des Tor-Netzwerks werden die Brücken von Freiwilligen betrieben, die Anleitung zum Einrichten findet sich hier . Rund 1200 Brücken gab es Mitte November noch. »Unglücklicherweise«, schrieben die Entwickler in einem Blogpost, »sind die Zahlen seit Jahresbeginn gesunken. Es reicht nicht, viele Brücken zu haben: Irgendwann könnten sie alle auf Blocklisten landen. Deshalb brauchen wir einen konstanten Strom neuer Brücken, die noch nirgendwo geblockt sind.«

Nun locken sie mit Belohnungen: Wer zehn Brücken ein Jahr lang betreibt, erhält zwei T-Shirts, ein Hoodie und ein paar Sticker mit Tor-Motiven. »Golden Gate Bridge« heißt das Paket. Wer weniger Brücken betreibt, bekommt nur ein T-Shirt und die Aufkleber. Angesichts des gewünschten Betriebs rund um die Uhr und den damit anfallenden Energiekosten ist das eher symbolischer Natur.

Das Tor-Projekt arbeitet nicht gewinnorientiert und ist mit voller Absicht abhängig von seiner Community. Daher wären wertvollere Belohnungen nicht im Sinne der Erfinder. Ein kleiner Anstieg lässt sich aus den offiziellen Tor-Statistiken bereits ablesen, die Kampagne scheint also etwas zu bewirken. Aber reichen Gratis-T-Shirts, um die bekannteste Zensurumgehungsinfrastruktur im Internet dauerhaft am Leben zu halten?

Welches Darknet hätten Sie gerne? Das Tor-Netzwerk oder Nym?

Welches Darknet hätten Sie gerne? Das Tor-Netzwerk oder Nym?

Foto: SASCHA STEINBACH/ EPA-EFE/ REX

Im schweizerischen Neuenburg arbeitet ein Start-up schon an einer Alternative, die es das Nym-Netzwerk  nennt. Nym wird – wie auch das Tor-Netzwerk – ein sogenanntes Mixnet, in dem der Datenverkehr aller Nutzerinnen und Nutzer über mehrere Zwischenstationen gelenkt wird, um Sender und Empfänger zu verschleiern. Zusätzlich werden die Daten in eine Art digitalen Mixer gesteckt, mit Zufallsdaten und kurzen Zeitverzögerungen angereichert und dann neu sortiert zum gewünschten Endpunkt geleitet. Der angestrebte Vorteil gegenüber Tor: Selbst wenn das gesamte Netzwerk von außen überwacht wird, lässt sich nicht feststellen, welcher Computer sich mit welchem anderen verbunden hat. Bei Tor wäre das theoretisch möglich .

Ein Nachteil: Durch die eingebauten Verzögerungen eignet sich die Technik nicht besonders gut, um Websites zu besuchen oder gar Inhalte zu streamen. Nym taugt daher eher für den Austausch von (Nicht-Instant-)Nachrichten, Dateien und für nicht nachverfolgbare Transaktionen. Dementsprechend sollen Entwickler auch passende Anwendungen in das Netzwerk einbinden können, inklusive der Möglichkeit, Zugangsberechtigungen zu erteilen und zu überprüfen, ohne die Anonymität der Beteiligten aufzugeben. Blockchain-Technik soll sicherstellen, dass es keinen zentralen Punkt gibt, an dem alles scheitern kann. Auf diese Weise könnte eine neue Art Darknet entstehen: ein verteiltes, nicht ohne Weiteres zugängliches oder überwachbares Netzwerk im Internet.

Kryptowährungen sind ein zentraler Bestandteil von Nym. Denn Betreiber der Infrastruktur werden nicht mit T-Shirts belohnt, sondern mit hauseigenen Krypto-Token. Umgekehrt müssen auch Nutzerinnen und Nutzer nicht nur die Nym-Software installieren, sondern auch Token erwerben und einsetzen, um Zugang zum Netzwerk zu bekommen. »Wir glauben nicht, dass es praktikabel ist, wenn das Kommunikationssystem, so wie es uns vorschwebt, kostenlos auf komplett freiwilliger Basis operiert«, schreiben die Macher . »Ökonomische Anreize sind nötig, um Menschen zum Mitmachen zu bewegen und Missbrauch vorzubeugen. Deshalb verlangt das Netzwerk den Einsatz von NYM-Token.«

Noch ist Nym eine Baustelle. Schwer zu sagen, ob daraus eine echte Alternative zu Tor werden kann, wie die Entwickler behaupten – der nötige Erwerb von Krypto-Token dürfte viele Menschen abschrecken, die heute Tor nutzen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Nym ein eigenes Publikum findet, dem anonyme Transaktionen wichtiger sind als anonymes Browsen. Investoren zumindest scheinen das auch zu glauben: Nym hat in diesem Jahr bereits 19 Millionen Dollar eingesammelt, zuletzt allein 16 Millionen von Andreessen Horowitz .

Zahlen, von denen das Tor-Projekt nur träumen kann. Im vergangenen Jahr  hat das Non-Profit-Unternehmen nicht einmal fünf Millionen Dollar an Spenden eingesammelt – rund die Hälfte waren staatliche Zuwendungen.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »Gadi Sassoon – Multiverse«  (YouTube, 35 Minuten)
    Auf dieses bereits 2020 veröffentlichte Musikalbum bin ich erst vor Kurzem durch einen Artikel von »MIT Technology Review«  gestoßen. Die Töne wurden von einer Software erzeugt, die eigentlich dazu gedacht war, echte Instrumente maximal naturgetreu nachzuahmen. Stattdessen erschuf der Komponist mit ihr virtuelle Instrumente, die es real nicht geben kann, darunter kilometerlange, von Drachenfeuer geblasene Trompeten.

  • »Secret Cells«  (Englisch, 70 Hörminuten)
    In dieser gut verständlichen Episode des Podcasts »Darknet Diaries« geht es um Kryptohandys für Kriminelle und wie Strafverfolger sie hacken.

  • »Planes and Cell Masts: A Quiztime Epic«  (Englisch, 6 Leseminuten)
    Internetrecherche für Fortgeschrittene: Der Journalist Fiete Stegers hat auf Twitter ein Foto veröffentlicht, auf dem ein kaum zu sehendes Flugzeug über eine Ackerlandschaft fliegt, und seine Follower gefragt, wo das war und welcher Flugzeugtyp. In einem lehrreichen Blogpost löst Steven Harris das Rätsel und erklärt dabei seine Analysemethoden und Werkzeuge.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Patrick Beuth

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