O'Reillys Tierleben Die Magie der Dinge

Wie kommt das Kamel aufs Computerbuch? Was hat das Wiesel mit Webdesign zu tun? Die Cover von O'Reillys Computerbüchern sind Kult - auch wenn kaum jemand weiß, wie es zu den eigentümlichen Titelbildern kam. Chefgrafikerin Edie Freedman kann es erklären.
Von Anette Frisch

Der kalifornische O'Reilly-Verlag ist vieler Computerfreaks Lieblingskind. Nicht nur, weil die Bücher gut sind, sondern auch, weil die Verleger ein Gespür für das gewisse Etwas haben: Ausgerechnet Tiere zieren die Titel dermeisten der rund 500 lieferbaren Computerfachbücher. Doch wer den Zusammenhang zwischen Tier und Thema entschlüsseln will, muss über Wissen und Phantasie verfügen.

Spinnen und Webmaster sind Seelenverwandte: sie verbindet, dass sie Netze in Ordnung halten. Aber warum ist der Koala auf dem "HTML"-Umschlag, oder was macht das Wiesel auf dem Buch "Webdesign"? Auch wenn die Gemeinsamkeit nicht immer offensichtlich ist: "Es gibt sie!", versichert Chefgrafikerin Edie Freedmann, die die ungewöhnliche Idee entwickelte, Tiere als Sinnbild zu verwenden.

"Sie sind so hässlich!"

Ihren Platz auf den Buchtiteln fanden die exotischen Kreaturen dennoch eher zufällig. Ende der 80er Jahre suchte Verleger Tim O'Reilly nach einem neuen Layout für seine erfolgreiche Ratgeberreihe "In a Nutshell". Für Edie Freedmann klangen die eigenartigen Buchtitel "sed & awk" oder "yacc" wie Figuren aus einem Fantasyspiel .

"Vor meinem inneren Auge", erinnert sich die 45-Jährige, "entstand die Vorstellung vom UNIX-Programmierer als Dungeons & Dragons - Spieler."

Bei ihrer Suche stieß die Grafikerin auf Holzstiche aus dem 19. Jahrhundert. "Die seltsamen Tiere schienen mir perfekt zu diesen merkwürdig klingenden UNIX-Ausdrücken zu passen." Sie präsentierte dem Team ihre Entwürfe und stieß auf einhellige Ablehnung: "Die sind hässlich und unheimlich, niemand wird die Bücher in die Hand nehmen!"

Doch Tim O'Reilly gefiel das Layout.

Der ungewöhnliche Ansatz entsprach seinem Credo "be disruptive!", also der Aufforderung, Gewohntes zu überdenken, anders zu machen und Mut zum Risiko zu beweisen. Mit 28 Jahren gründete der Harvard-Absolvent eine Consultingfirma, aus der er später den Verlag entwickelte. 1993 brachte er mit "Global Network Navigator" das erste Online-Magazin heraus. Seit Jahren ist der 48-Jährige engagierter Fürsprecher der Open-Source-Bewegung, die sich für den freien Zugang des Quellcodes einsetzt. "Mein Verlagsstil" erklärt Tim O'Reilly "basiert darauf, Teil der Computerszene zu sein und Entwicklungen nicht nur zu dokumentieren, sondern auch voranzutreiben."

Reine Handarbeit

Rund hundert Neuerscheinungen veröffentlicht der Verlag jährlich. Weil es immer schwieriger wird, frei zugängliche Tierstiche zu finden, entwerfen die Grafiker mittlerweile eigene. Die neuen Kreationen entstehen dabei auf ungewöhnliche Weise: Zuerst werden sie gezeichnet, auf ein spezielles Schabpapier übertragen, wie beim Linolschnitt mit einem Messer ausgeritzt und zum Schluss digital bearbeitet. Für so einen Tierstich brauchen die Grafiker bis zu 20 Stunden.

Die Zusammenarbeit zwischen Buchautoren und Illustratoren läuft dabei Hand in Hand. Die Autoren schlagen für ihr Thema Tiere vor und liefern detaillierte Informationen zu deren Eigenschaften. Bei der Wahl des Covers hat trotzdem Edie Freedman das letzte Wort.

Da kommt es vor, dass Autoren beleidigt reagieren: "Sie fürchten," so die Chef-Designerin "die Leser könnten denken, sie seien so fett wie ein Nilpferd oder so dumm wie ein Blaufußtölpel."

Die Magie der Tiere

Aus der gestalterischen Idee ist bei O'Reilly längst auch ein Engagement in Sachen Tierschutz entstanden. So übernimmt zum Beispiel der deutsche Verlagsableger in Köln jedes Jahr die Patenschaft für ein Tier des Kölner Zoos. In diesem Jahr ist es ein blauer Kakadu. Damit auch diese Botschaft beim Leser ankommt, werden die Klappentexte der Computerbücher von Biologen geschrieben, die über die Lebensweise von Koboldmaki, Eule oder Seepferd informieren.

Täglich bekommt der Verlag Post von Lesern, die nach dem Grund für eine bestimmte Tierwahl fragen. "Das soll ruhig ein bisschen unklar bleiben," antwortet darauf der Verleger geheimnisvoll, "denn wenn alles klar ist, haben die Dinge keine Magie mehr."

Edie Freddman: "Was das Wiesel mit Webdesign zu tun hat und andere Geheimnisse". Weiter zur Galerie der Titelbilder...

Webmaster in a Nutshell - Die Spinne

Edie Freedman: "Die Verbindung ist ziemlich offensichtlich: Netz und Spinne. Das Interessante: Es gab jede Menge Beschwerden, denn nicht nur der Buchumschlag zierte eine Spinne, sondern auch jeder neuen Kapitelanfang. Um nicht jedes Mal in Ohnmacht zu fallen, haben einige Leser das Cover mit einem Plastikumschlag versehen und jede Spinnenillustration im Buch mit einem weißen Streifen überklebt. Es ist eigenartig, wie viele Menschen eine Tierphobie haben - wir bekommen regelmäßig Beschwerden zu Schlangen, Insekten oder Katzen.

Dreamweaver - Die Kobra

"Denken Sie an den Schlangenbeschwörer in Indien, der sie mit einer Flötenmelodie aus dem Korb lockt."

Wiesel und Kamel

Webdesign in a Nutshell - Das Wiesel

"Wir haben das Mauswiesel gewählt, weil der Vater der Autorin Jennifer Niederst sie als Kind immer 'Wiesel' nannte. Jennifer hat bei O'Reilly als Grafikdesignerin gearbeitet, bevor sie die Königin des Webs wurde. Weil sie eine gute Freundin und eine ehemalige Kollegin ist, habe ich mich für das Wiesel entschieden, was Jennifer sehr gefreut hat (und natürlich auch ihren Vater)."

Programmieren mit Perl - Das Kamel

"Während einer langen E-Mail-Diskussion mit Tim O'Reilly und Larry Wall, dem Perl-Entwickler und Autor des Buches, kamen wir auf das Kamel. Die Programmiersprache Perl kann lange Strecken zurücklegen, ohne dass man sich um sie kümmern muss - wie das Kamel in der Wüste. Wir haben aber auch an eine Auster und an das Bild 'Perlen vor die Säue werfen' gedacht. Das Kamel gefiel uns aber am besten, und es wurde unser erster Klassiker, den Insider nur noch das 'Kamel-Buch' nennen."

...und schließlich: Fledermaus und Koboldmaki. Weiter...

Sendmail - Die Fledermaus

"Wir hatten erst eine Taube auf dem Cover. Aber es stellte sich heraus, dass der Autor fürchterliche Probleme mit brütenden Tauben in seinem Dachstuhl hatte. Er hätte es nicht ertragen, das ausgerechnet sein Werk eine Taube ziert."

vi-Editor - Der Koboldmaki

"Der Koboldmaki war einer der ersten Tiercover, die ich gestaltet habe. 'vi' steht für 'Visual Editor' - und was sticht bei diesem Tier am meisten heraus? Die riesengroßen Augen! Unser Koboldmaki strahlt so viel Energie und Lebendigkeit aus, dass ich einfach nicht widerstehen konnte. (Und außerdem gibt es ein paar Leute, die finden, dass er ein bisschen Tim O'Reilly ähnelt, wenn Tim seine Brille trägt.)"

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