O-Ton "Interessant, wie heute ein Anruf halb Interpol in Marsch setzt"

Er ist 18 Jahre alt, derzeit in Australien - und geriet in die Mühlen der Fahndungs-Hysterie, als "I love you" das Web überschwemmte. Den Ärger, sagt "Michael", hat er nun hinter sich. "Alle Verdachtsmomente" seien geklärt. Zurück bleibt ein flaues Gefühl.

Der Kontakt kam per E-Mail. Darin eine Telefonnummer in Australien. Nach zweimaligem Läuten nimmt er ab.
"Wer spricht dort?"
"Michael", sagt er und fragt zurück: "Und wer sind Sie?"

"Michael" hat Grund, vorsichtig zu sein. Am Wochenende machte er weltweit Schlagzeilen, was ihn heute noch überrascht. Weder auf Presse, noch auf Polizei hat er wirklich Lust. Seinen Nachnamen, darauf besteht er, will er nicht genannt sehen: "Das fände meine Familie mit Sicherheit nicht witzig".

Verständlich. Für einen halben Tag galt "Michael" als Hauptverdächtiger, den E-Mail-Wurm "I love you" auf seine zerstörerische Reise geschickt zu haben. Die Polizei habe ihn verhört, meldeten die Agenturen. "Wo haben Sie denn das her?" fragt er. Und will dazu nicht viel mehr sagen: Ja, er habe Kontakt mit der Polizei gehabt, aber das sei nun vorbei. Darüber wolle er nicht reden. Alles geklärt.

Wie, wollen wir von ihm wissen, ist es dazu gekommen? Wie wird man zum Hauptverdächtigen in einem weltweiten Cybercrime-Fall?

"Meine einzige Erklärung dafür ist, dass ich weltweit einer der Ersten war, der in englischer Sprache einen Fix gegen das Virus veröffentlicht hat. Ich hatte mit Leuten in Schweden Kontakt, wo auch der Experte, der mich dann zum Verdächtigen erklärte, herkommt."

Aber er habe sich mit dem Experten Fredrik Björck ausgesprochen, schon kurz, nachdem Björck ihn als Verdächtigen benannt habe. Sauer ist "Michael" nicht. "Björck hat seine Anschuldigungen nicht wiederholt, nachdem ich Kontakt mit ihm aufgenommen hatte." Björck gilt als hoch kompetenter Experte, seit seine Tipps zur Verhaftung des Hackers führten, der das Melissa-Virus in Umlauf brachte. Inzwischen hat er seinen Verdacht selbst zurückgezogen, in Manila ist man sich sicher, den wahren Täter identifiziert zu haben. "Michael" ist entlastet. Zurück bleibt trotz allem ein dummes Gefühl.

"Es ist schon interessant, wie heute ein einziger Anruf eines so genannten Experten halb Interpol in Marsch setzen kann." Potenziell kann jeder zum Verdächtigen werden. So leicht und schnell, wie sich ein Virus verbreitet, verbreitet sich auch ein Verdacht.

Für "Michael" war die ganze Affäre am Ende ein Ärgernis, das für ihn ohne Konsequenzen bleibt. Er versteht, wie es dazu hat kommen können, verbucht das Ganze als Erfahrung. Erschreckend ist allein die Leichtigkeit, mit der er in die Mühlen der Fahndung geriet. "Angst" sagt er, "macht das schon."

Frank Patalong

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.