Obamas Dementi-Seite Wirkt die Wahrheit im Web?

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2. Teil: Polit-Spam gegen Polit-Spam - Feuer mit Feuer bekämpfen?


Ob diese Transparenz-Kampagne, die auf dieselben Vertriebswege setzt wie die Diffamierer, Erfolg haben kann, bleibt abzuwarten. Der Angriff, die Aktion, wirkt immer authentischer als die Reaktion. Das begreift jedes Kind schon im Kindergartenalter: "Obama hat mein Eis gegessen" hat zunächst mehr Gewicht als das folgende "Hab ich nicht!". Anders als vor Gericht sieht sich das Opfer eines Gerüchtes in der Situation, jeweils den Gegenbeweis erbringen zu müssen.

Zudem fehlt Obama das Gegenüber, denn die Urheber der Verleumdungen bleiben meist anonym. In der Wahrnehmung der Empfänger der Gerüchte-Mails aber ist es oft ein vertrauenswürdiger Bekannter, der ihm die "Hey, hast Du das schon gesehen?"-Mail schickt. Das verleiht der Verleumdung unter Umständen mehr Gewicht als der Replik von Seiten eines Wahlkampf-Teams.

Trotzdem markiert Obamas Versuch einen neuen Schritt in der Geschichte von Web-Wahlkämpfen: Mit erheblichem Geschick macht er die Community seiner Unterstützer zu Multiplikatoren. Wie schon bei seiner Spendenkampagne stützt er sich auf die Wähler selbst - und damit könnte er punkten.

Für den Angriff gibt es anonyme Freiwillige

John McCain, der nach der offiziellen Nominierung Barack Obamas Kontrahent im Rennen um die Präsidentschaft sein wird, hat öffentlich versichert, auf Mittel wie Diffamierungen per Web zu verzichten. Im Rahmen seiner Kampagne wird man offen zur Schau gestellte "Kerrypoly"-Ableger auf den Parteiseiten nicht sehen. Was mit Sicherheit nicht die Ankündigung einer Kampagne mit Samthandschuhen ist. Schon die Schlammschlacht der Parteifreunde Obama und Clinton gab einen Vorgeschmack darauf, was noch zu erwarten sein dürfte, wenn echte Gegner aufeinandertreffen - jede Menge Dreck.

Und um den zu verbreiten, werden die Gegner selbst kaum aktiv werden müssen.

Der Hauptverbreitungsweg für die aktuell kursierenden schädigenden Gerüchte gegen Obama ist neben E-Mails das dichte Netzwerk konservativer Blogger in den USA. Die verfügen - anders als in Deutschland - wie reguläre Medien über eine große Reichweite, anders als diese aber haben sie kein Problem damit, ein Gerücht einfach als Gerücht zu verbreiten. So durchlaufen teils hanebüchene Behauptungen einen quasi reinigenden Prozess, wenn sie von einem politischen Blog zum nächsten wandern. Die anonymen Postings bekommen so eine vermeintliche Quelle, bis sie den Status der Glaubhaftigkeit erreichen - der Vorgang erinnert an die Mechanismen der Geldwäsche.

Der gemeine Surfer lacht gern

So erblödete sich ein prominenter Polit-Blogger in einem TV-Interview, die Echtheit des angeblichen "Michelle-Videos", das noch niemand gesehen hat, zu bezeugen, weil ihm "Menschen, die ich als ernsthaft kenne", davon erzählt hätten. In einem Folgeinterview ruderte er dann zurück und gestand ein, dass das Band "möglicherweise" eine Erfindung sein könne - aber er selbst "glaube das nicht".

Dazu kommt eine Eigenart des Webs, die negativen Informationen über die Kandidaten zu mehr Aufmerksamkeit verhilft: Der gemeine Surfer lacht gern, und er regt sich gern auf. So hat die schrille, abstruse, skandalöse Behauptung eine höhere Verbreitungschance als die sachliche Replik.

Einmal aufgekommene Gerüchte und Images werden dann auf den politisch angehauchten Unterhaltungs-Plattformen des Webs verfestigt. In Form von Spielen, Spott-Webseiten und Flash-Animationen wird auch in diesem US-Wahlkampf das Web einmal mehr zur Läster-Arena. Das verspricht viel Spaß unter der Gürtellinie, letztlich aber nichts Gutes. Mit sachlichen Dementis allein ist dieser Form der von Fakten weitgehend unabhängigen Information nicht beizukommen.

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