Obszöne Fotos Wiki-Projekt von US-Zeitung gescheitert

Die "Los Angeles Times" wollte ganz hip sein, als sie ihre Leser dazu aufforderte, ein Editorial online nach Belieben umzuschreiben. Aber das Wiki-Experiment musste schnell abgebrochen werden, nachdem immer wieder Pornobilder auf der Seite zu sehen waren.


Gestopptes Wikitorial: "Bis Samstag Mitternacht passierte nichts Schlimmes"

Gestopptes Wikitorial: "Bis Samstag Mitternacht passierte nichts Schlimmes"



Michael Newman, Kommentator bei der "Los Angeles Times", braucht kein hawaiianisches Wörterbuch mehr, um das Wort Wikiwiki zu übersetzen. Es bedeutet schnell, und Wikis werden alle die Webseiten genannt, deren Inhalt Surfer frei ändern können.

Als Newman vor einer Woche das Wiki-Experiment seiner Zeitung startete, ahnte er nicht, wie schnell die Leser darauf einsteigen würden, und wie schnell der Versuch einer neuen Kommunikation mit dem Leser zu Ende sein würde.

Das Wikitorial war Newmans Idee. Im Netz gilt das Wiki-Prinzip als der wichtigste Trend der letzten Monate. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hatte vorgemacht, wie gut es funktionieren kann, wenn Tausende Freiwillige gemeinsam ein Lexikon schreiben. Die Zahl der Artikel explodierte regelrecht: Die deutsche Wikipedia liegt bei knapp 250.000 Einträgen, die englische hat mehr als 600.000.

Auch wenn gelegentlich politische Fehden über die Plattform ausgetragen werden, zuletzt hatten SPD- und CDU-Anhänger im NRW-Wahlkampf wechselseitig Texte in ihrem Sinn verändert, so funktioniert das Prinzip "Jeder kann mitschreiben" bislang sehr gut.

Vor einer Woche veröffentlichte die "LA Times" online und in ihrer Druckausgabe einen Kommentar zum Irak-Krieg mit dem Titel "War and Consequences", in dem eine bessere Planung für den Rückzug der US-Truppen gefordert wurde. "Sehen Sie eine fehlerhafte Argumentation, eine selektive Wahrnehmung von Fakten oder einen Mangel an Poesie?", wurden die Leser auf der Website gefragt. "Schreiben Sie das Editorial um", hieß es weiter.

Binnen Stunden wurde die Überschrift mehrfach geändert, sogar "Fuck USA", soll zwischenzeitlich über dem Text gestanden haben. Redakteure der Zeitung griffen immer wieder ein und entfernten anstößige Passagen.

Etwa 1000 Surfer registrierten sich, um an dem Text mitschreiben zu können. "Bis Samstag Mitternacht passierte nichts Schlimmes", sagte später Newmann der "New York Times". Doch dann habe ein Posting auf Slashdot.org, einer IT-Seite mit dem Slogan "News for nerds" die Situation verändert.

Ein Link führte von dort direkt zum Wikitorial. Die Slashdot-Leser seien nicht unbedingt die nettesten, sagte Newman. Nach der Veröffentlichung auf Slashdot.org seien immer wieder obszöne Fotos hochgeladen worden. Die pornografischen Bilder habe die Redaktion sofort gelöscht, berichtete Newmann. Doch irgendwann habe man ins Bett gehen müssen.

Um 4 Uhr am Sonntagmorgen klingelte dann das Telefon im Newsroom der "LA Times". Da passiere Schlimmes auf der Website, sagte der Anrufer. Schließlich wurde das Wikitorial komplett aus dem Netz genommen.

Leider habe man das Wiki entfernen müssen, weil wenige Leser die Seite mit "unpassendem Material" überflutet hätten, erklärte die "LA Times" ihren Lesern. Man bedanke sich bei allen Menschen, die sich an dem Projekt beteiligt hätten.

Theoretisch könnten Leser in einem Wikitorial gemeinsam die Wahrheit suchen, hatte die Zeitung vorab über das Experiment geschrieben. Die Praxis hat gezeigt, dass wenige Surfer das Projekt torpedieren können. Daran trägt allerdings auch die "LA Times" eine Mitschuld, als sie es Lesern ermöglichte, Fotos auf die Seiten zu posten.

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