Kinofilm "Offline" Vorspiel für das nächste Level

"Offline - Das Leben ist kein Bonuslevel" mixt die Ästhetik von Kinofilmen und Spielen - und bedient dabei jede Menge Gamer-Klischees. Die Grafik ist dreidimensional, die Charaktere sind flach.

Ugur Ekeroglu spielt den Hardcore-Gamer Deniz
Little Dream Entertainment

Ugur Ekeroglu spielt den Hardcore-Gamer Deniz

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Irgendjemand hat Jans digitale Identität gestohlen. Im Netz ist er ein Märchenritter mit stählernem Brustpanzer, ein Held im Multiplayer-Spiel "Schlacht um Utgard". Ohne sein Passwort ist Jan ein schlaksiger Wuschelkopf im T-Shirt, der seine Hausaufgaben machen muss.

Der Jugendfilm "Offline" ist eine Geschichte übers Erwachsenwerden. Auf der Suche nach dem Passwortdieb verlässt Jan, gespielt von Moritz Jahn, sein Kinderzimmer und startet einen Roadtrip in die schwäbische Provinz. Aber in Jans Fantasie geht das Online-Spiel weiter, und so wird die Reise zum Bonuslevel, die Pubertät zur Quest, zur Aufgabe.

Immer wieder erweitert Regisseur und Drehbuchautor Florian Schnell den Spielfilm mit animierten Szenen. Etwa, wenn Jan müde ist und über seinem Kopf eine warnende Energie-Leiste aufblinkt. Oder wenn Jan sich stark fühlt und aus dem Jungen mit Schulranzen plötzlich ein breitschultriger Krieger in 3D-Optik wird. Bei Online-Duellen werden die virtuelle und die reale Welt so geschickt gegeneinandergeschnitten, dass Spieler und Avatare scheinbar verschmelzen.

"Offline" ist allerdings nicht der erste Film, der die Spieleästhetik aufgreift:

Die Animationen in "Offline" stammen von der Computerspielfirma Piranha Bytes, die das im Jahr 2014 erschienene Fantasy-Rollenspiel "Risen 3" als Vorlage nutzte. Das Ergebnis ist eine Art Augmented-Reality-Film, ein Experiment, das zumindest optisch überzeugt und sogar einen Gastauftritt von YouTube-Gaming-Star Sarazar bereithält.

Erzählerisch ist "Offline" aber eine Enttäuschung. Die Grafik ist dreidimensional, die Charaktere sind es nicht. Ihre Eigenschaften ließen sich auf einem Post-it-Zettel zusammenfassen: Jans Passwortdieb zeichnet sich vor allem durch diabolisches Grinsen aus. Jan verkörpert das Klischee eines weltfremden Gamers, der Angst vor Mädchen hat.

Buhlen um billige Lacher

"Hey Jan, hast du nicht vielleicht Lust, nachher mit zu mir zu kommen?", fragt eine Mitschülerin vor den Spinden. Jan erstickt vor Schreck fast an seiner eigenen Spucke, während sein Kumpel erstarrt und wie in Zeitlupe ein Schokoladengebäck zwischen seinen Fingern zerquetscht. In solchen Momenten wirkt "Offline" wie ein Highschool-Film mit Trash-Ästhetik und buhlt um billige Lacher.

Eine Komödie will "Offline" dann aber doch nicht sein, eher eine kindgerechte Coming-of-Age-Geschichte mit klarem Lehrauftrag. "Nur nicht zu viel Computerspielen", so lässt sich die schnöde Lehre des Films zusammenfassen.

Auf seiner Reise lernt Jan die Gamerin Karo (Mala Emde) kennen, eine alte Online-Bekanntschaft aus dem Multiplayer-Spiel. Dass sie ein Mädchen ist, hat Jan aber nicht gewusst. Er verliebt sich sofort. Die altbackene Botschaft: Nur offline lernt man sich richtig kennen.


"Offline - Das Leben ist kein Bonuslevel"

Deutschland 2016
Regie:
Florian Schnell
Drehbuch: Jan Cronauer, Florian Schnell
Darsteller: Mala Emde, Moritz Jahn, Ugur Ekeroglu
Produktion: Rat Pack Filmproduktion
Verleih: Little Dream Entertainment
Länge: 87 Minuten
Start: 23. Februar 2017


Während Karo und Jan den Passwortdieb suchen, wandern sie durch einen Wald, der zu ihrer Verblüffung viel sinnlicher ist als der Wald aus dem Computerspiel. Zusammen springen sie über einen reißenden Bach, waten durch schmatzenden Schlamm und strecken unter Jubelschreien ihre Gesichter in den Sprühnebel eines Wasserfalls. Das kann nur interpretieren als "Öfter mal an die frische Luft gehen". Denn die Natur ist natürlich viel schöner als jedes Computerspiel.

YouTube-Video: Der Trailer zu "Offline"

Viele junge Zuschauer werden spätestens hier merken: Der Film gibt sich eine Riesenmühe, ihnen etwas beizubringen. Das nervt. Auch wenn der Film anerkennt, dass Spiele ein wichtiger Teil der Jugendkultur sind, letztlich zeigt er Gaming nur als eine Vorstufe zum restlichen Leben.

Nur im Spiel kann Jan der Held sein, der er im echten Leben noch nicht ist. Mit dieser Erklärung lassen sich vielleicht Eltern versöhnen, die noch mit Computerspielen fremdeln. Unerwähnt bleibt zudem, dass Spiele auch Unterhaltung und Kunst für alle Altersgruppen sind - genauso wie Musik oder Filme.

Gaming wird im Film zur Kinderfantasie degradiert, aus der man wohl hoffentlich irgendwann herauswächst. Mag sein, dass sich "Offline" damit für den Deutschunterricht an der Schule qualifiziert. Spielefans werden bei so viel plakativer Pädagogik aber eher mit den Augen rollen.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
LondoMollari 12.02.2017
1. Ja aber ....
.. .wird der gute Knabe denn nict mindestens zum Mitschülerschlachtenden Amok-Metzler weil er irgendwas "mit Schießen und so" online gezockt hat? Hat man uns doch JAHRELANG eingehämmert. Killerspiele sind des Teufels! Außerdem machen sie einen voll Fett und unsportlich, so das man dann hinterher nicht mehr für den BUND tauglich ist um dort das Vaterland zu verteidigen! Obwohl - das hat sich ja inzwischen mit Ende der Wehrpflicht auch erledigt. (Und ja - lernen mit echten Waffen echte Menschen zu töten solange es nur für den Staat ist da haben die gleichen Leute die "Killerspiele" für des Teufels hielten nie Probleme mit.) Insgesamt klingt das Ganze mal wieder nach plakativ-pädagogischen "Dudu"-Fingerzeig. Laaaaangweilig.
eisfuchs 13.02.2017
2.
So ein Film und nicht eine Parallele zu Scott Pilgrim gezogen?
Mialinas 15.02.2017
3.
Ich verstehe diesen Artikel gar nicht. bin selbst Gamerin und habe den Film in Frankfurt auf einem Film-Festival gesehen und finde ihn mega witzig und toll - er hat da sogar den Hauptpreis gewonnen.
Aleia 22.02.2017
4. Ich finde diesen Artikel ungerechtfertigt.
Ich habe den Film auch bereits sehen dürfen und kann nur sagen, dass er durchaus sehenswert ist. Er ist nicht auf Moralkeule aus und hat auch sonst nicht die Absicht, jemanden zu belehren. Der Film soll einfach Spaß machen und es ist ein schönes Abenteuer, es geht um Liebe, Freundschaft und natürlich auch um das Spiel "Schlacht um Utgart". Der Film ist nicht nur was für Gamer und Nerds. "Offline" ist irgendwie für jeden. Und an alle, die immer meckern: es ist ein guter Film, mit witzigen Charakteren und zehntausendmal besser als jede Til Schweiger Schnulze. Schaut ihn euch einfach selber an, und lasst die Hater haten..
franziskareiner 23.02.2017
5. Kritiker sollte eigenen Geschmack nicht als absoluten Gradmesser nehmen
"Buhlen um billige Lacher" wie Sebastian Meineck schreibt, trifft es wohl nicht ganz. Ich habe den Film bei dem Filmfestival in Frankfurt mit Kindern im Saal gesehen und gerade bei diesen "billigen Lachern" lachen die Kinder. Man könnt jetzt eine lange ausführliche Abhandlung schreiben, wie Humor funktioniert, angefangen bei den Clowns. Fakt ist, der Film ist aus Kinderaugen gedacht und trifft kindlichen Humor. Deshalb ist er auch als Komödie gekennzeichnet, entgegen der Meinung des Autors dieses Artikels. Auch die pädagogische Keule kann ich nicht nachvollziehen, sonst wäre doch nicht eine der letzten Szenen Karo, die das Spiel gewinnt und alle jubeln mit ihr. Eine derart positive Darstellung stimmt wohl kaum mit der Message "Lasst das Spielen sein und geht ins real life" überein, die Sebastian Meineck dem Film unterstellt. Außerdem finde ich die Beispiele von Filmen, die Computerspielästhetik übernehmen als Vergleich für Offline nicht ganz treffend. Hier findet ja tatsächlich eine Überschneidung des Games mit der Realität statt. Da wird nicht einfach nur eine Computerspielästhetik übernommen. Mein Fazit zum Artikel, weniger Erwachsenenbewertung, mehr aus Kinderaugen denken.
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