Olympia-Websites Cybercops für Samaranch

Statt die Sydney-Aufzeichnungen des US-Fernsehsenders NBC anzusehen, informieren sich viele Amerikaner lieber online über Olympia. Doch Bewegtbilder und Töne sind im Netz nicht erlaubt. Virtuelle Polizisten überwachen die strengen Regeln des IOC.

Von Jochen A. Siegle


Die Zeiten, in denen man die Olympischen Spiele gespannt vor dem Fernseher verfolgte, sind vorbei. Zumindest in den USA. Diese schmerzhafte Erfahrung macht derzeit der amerikanische Fernsehmulti NBC. Für 705 Millionen US-Dollar hatte das TV-Network die Übertragungsrechte der Sydney-Spiele erworben. Nachdem täglich weniger Amerikaner die Olympiade am Fernseher verfolgen, ist das Gejammer in New York inzwischen groß.

Dabei schien alles perfekt arrangiert. Die 15 bis 18 Stunden Zeitverschiebung nach Down under überbrückt der Sender mit dem Pfauenlogo damit, dass die Spiele einfach als Aufzeichnung gezeigt werden. Die Wettbewerbe können somit zur besten US-Sendezeit ausgestrahlt werden, der Refinanzierung durch massenweise Werbespots steht nichts im Weg. NBC nimmt dafür auch in Kauf, dass Events teilweise erst 15 Stunden nach Abklingen der Siegerhymnen in den Staaten zu sehen sind. Während in Sydney etwa dramatische Entscheidungen im Triathlon und Schießen fielen, zeigte das Network noch Szenen von der Eröffnungsfeier.

NBC hat sich mit dieser Strategie offenbar ziemlich verkalkuliert. Das amerikanische Publikum ist von der zeitversetzten Ausstrahlung nur wenig begeistert. Die Einschaltquoten zur Olympiade in Sydney liegen fast 36 Prozent hinter den Atlanta- und 20 Prozent hinter den Barcelona-Spielen. Selbst 1988 in Seoul lagen die Zuschauerzahlen um zwölf Prozent höher. Gerade mal 16,5 Millionen Haushalte interessierten sich vergangenen Mittwoch zur Prime Time für das NBC-Olympia-Programm - die Eröffnungsfeier hatte NBC Sports Research zufolge noch 56 Millionen Zuschauer vor die Glotze gelockt.

Sportbegeisterte Amis versorgen sich lieber im Internet mit topaktuellen Ergebnissen aus Sydney. Websites wie CNNSI.com, CBS.SportsLine.com, FOXSports.com oder ESPN.com stellen nach Entscheidungen die Ergebnisse der Wettbewerbe unverzüglich online und stehlen damit den NBC-Aufzeichnungen die Brisanz. Nielsen/Netratings zufolge verzeichnen die Sportportale mit jedem Tag der Spiele mehr virtuelle Besucher. Die Charts der Olympia-Sites wird von der offiziellen Olympics.com-Site von IBM angeführt.

Dabei hatte der oberste Olympionike Juan Antonio Samaranch eigentlich alle Vorkehrungen getroffen, um die NBC-Konservenolympiade vor dem so schnellen - und insbesondere globalen - Konkurrenzmedium zu schützen: Das IOC hat Online-Videostreams und Soundfiles von den Spielen verboten und damit das Internet quasi vom Aussie-Mega-Event ausgeladen. Nicht einmal das Bereitstellen historischer Bewegtbilder ist gestattet. Eine "Olympische Meile" verbannt zudem alle Webcams von den Veranstaltungsorten. Einzig auf der von NBC mit Quokka Sports koproduzierten Site NBCOlympics.com laufen verschiedene Online-Videos - allerdings erst nach Ausstrahlung der jeweiligen Aufzeichnungen im Hauptprogramm des Senders.

Um das Verbot entsprechend durchzusetzen, lässt das IOC eine ganze Horde Cybercops durchs Netz patrouillieren. Sieben Tage die Woche rund um die Uhr durchforsten Firmen wie das Pariser Unternehmen Datops das Netz nach illegalem Material. Die virtuellen Polizisten untersuchen, ob Seiten Videos oder Audiofiles anbieten, kommerzielle Wetten veranstalten oder olympische Symbole wie die fünf Ringe oder das Logo nutzen. Auch Live-Ergebnisticker, Online-Interviews oder persönliche Web-Tagebücher von Athleten stehen auf dem Index.

Vergangene Woche ist Samaranchs Web-Patrouille auch prompt in 30 Fällen fündig geworden. Nachdem die Online-Anbieter per E-Mail auf die Urheberrechtsverletzungen aufmerksam gemacht wurden, hätten diese mit Ausnahme einer Site unverzüglich die geschützten Bewegtbilder vom Netz genommen. Der letzte Verstoß sei von einem Moskauer TV-Sender begangen worden, der allerdings bestreitet, unerlaubtes Material auf seinen Sites angeboten zu haben.

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