oN Line System Die Revolution kommt noch

Dreißig Jahre NLS (oN Line System), die futuristischen Konzepte von Douglas Engelbart.
Von Detlef Borchers



Was wäre die Computerwelt ohne Maus, ohne Windows-Systeme, ohne Konzepte wie das Verknüpfen von Tabellen und Texten? Wahrscheinlich kaum anders, als sie es heute ist: Alle Konzepte sind da, haben aber wenig an der Computerarbeit verändert, die schwerfällig und bisweilen schwer verständlich ist. "Wir spielen das Klavier, ein Ton-Abstraktionsinstrument der Aufklärung. Wenn aber jemand kommt und behauptet, daß er den Computer spielt, dieses Abstraktionsinstrument der Informatik, dann wird er wahrscheinlich für bekloppt erklärt", lästerte Computerpionier Alan Kay.

Am 9. Dezember 1968 konnte Douglas Engelbart diese Erfahrung machen. Vor 30 Jahren stellte Engelbart in San Francisco auf der Herbsttagung der amerikanischen Informatiker erstmals sein NLS vor, das oN Line System

Zu einem Zeitpunkt, an dem Computer wenig mehr als elektrifizierte Rechenmaschinen waren, überraschte Engelbarts Forschungsteam vom Stanford Research Institute mit einem Rechner, der über ein grafisches Windows-System mit einer "Maus" bedient wurde, der eine Videokonferenz zu einem anderen Computer aufbauen konnte und beliebig Text und Grafik aus verschiedenen Programmen mischen konnte. Jedermann sollte sofort mit dem Gerät arbeiten können: Das NLS war der erste Computer mit einem kontextsensitiven Hilfesystem. Das NLS wurde von Engelbarts AHI-Forschungsgruppe entwickelt und gebaut. AHI war die Abkürzung von Engelbarts lebenslangem Ziel des "Augmenting Human Intellect", das er 1962 in ein Forschungsprogramm umsetzte. Computer sollten die menschliche Auffassungsgabe verstärken, die Arbeit des menschlichen Verstandes unterstützen und ihn nicht in der Technik versacken lassen. Lochkartendenken nannte es Engelbart, wenn Computerwissenschaftler unfähig waren, Computer für die Zukunft zu denken. Einige Konzepte, die Engelbart vor 30 Jahren vorstellte, klingen heute noch futuristisch, im Zeitalter des Internet (das NLS war der zweite Rechner, der an das gerade entstehende Arpanet angeschlossen wurde), der bunten grafischen Windows-Systeme und des Übergangs zur Spracheingabe. Besonders das techno-optimistische Konzept vom Bootstrapping bereitet vielen Zeitgenossen Schwierigkeiten: Firmen sollen sich in Teamarbeit auf ihre ureigensten Antriebskräfte besinnen, die Gesellschaft soll ihren kollektiven IQ benutzen, um sich zu neuen Höhen aufzuschwingen. Dieses Konzept lehrt Engelbart noch heute an seinem Bootstrap Institute, das vom weltgrößten Mausbauer Logitech finanziert wird. Teamarbeit, Groupware und flache Management-Strukturen sind einzelne Facetten von Engelbarts Bootstrapping; auf das große Ganze wartet er indes immer noch - die Revolution des Wissens ist ausgeblieben.

Wie alle echten Revolutionäre glaubt Engelbart unbeirrt an den Erfolg seiner Mission, trotz aller Fehlschläge, die er hinnehmen mußte. Das Stanford Institute, Xerox PARC, Tymshare, sie alle finanzierten Engelbarts Arbeit nur zögerlich: die daraus ableitbaren Produkte lagen einfach zu weit in der Zukunft. Heute entbehrt es nicht der Ironie, wenn sich Xerox mit einer 300 Millionen Dollar teuren Werbekampagne vom Image des Kopierer-Bauers löst und sich genau der Konzepte bedient, die Engelbart dort im Jahre 1977 in einem Memorandum zur Lösung des Xerox-Dilemmas aufzeichnete: "Das Wissen steckt nicht in der Verfielfältigung von Papier, sondern in der Organisation von Information. Wenn eines Tages alle Informationen in eine Büroklammer passen, muß Xerox eben Büroklammern bauen." Auf der unlängst zu Ende gegangenen Comdex demonstrierte Xerox Prototypen seiner intelligenten Tacker, die die gescannten Seiten in der Metallklammer abspeichern.

Douglas Engelbart hat mehrere Generationen von Forschern beeinflußt, die seine Konzepte in überaus erfolgreichen Firmen verfolgten: 3Com, Apple, Microsoft, und Lotus hätten sich ohne die Pionierarbeit von Engelbart ganz anders entwickelt. Doch alle haben sich nur Teile seines Oeuvres angeeignet und in kommerziell verwertbare Produkte umgesetzt. Die Computerrevolution ist noch lange nicht beendet

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