Online-Comics Branche hofft auf Heldentaten im Web

Es ist lang her, dass Comic-Auslagen im Einzelhandel für Quengel-Stress mit dem Nachwuchs sorgten: Die Auflagen sind im Keller, die Hefte fast nur noch im Fachhandel zu haben. Jetzt sucht die Branche die jungen Leser dort, wo sie sich herumtreiben - Spider-Man und Co. gehen online.

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Viel mögen Motorräder und Hulk-Comics ja nicht gemein haben, wenn man von einer Kleinigkeit absieht: Sie bedienen die gleiche Zielgruppe. Der Durchschnittskunde von Comics wie schweren Kawas ist heute knapp über 40 Jahre alt, während Jugendliche für beides relativ wenig Interesse entwickeln. Längst haben bei den Zweirädern Roller den röhrenden Boliden den Rang abgelaufen, und statt Superhelden-Comics finden allenfalls noch die von hinten nach vorn zu lesenden Mangas junge Käufer.

Superman, Spider-Man und Silver Surfer haben ausgedient, so scheint es. Weltrettung in Serie und muskulöse Männer in eng anliegenden Ganzkörperkondomen sind nicht mehr en Vogue. Die Auflagen liegen danieder, die Branche hat ihre Blütezeit 20 Jahre hinter sich. Zu ihren Problemen gehört nicht nur, dass ein breites Angebot nur noch im Fachhandel zu finden ist. Die einst als Groschenhefte diffamierten Comics sind heute auch teuer, was nicht zuletzt an den niedrigen Auflagen liegt.

Eine seltsame Entwicklung, denn im Kino locken die gezeichneten Helden die Massen: Insbesondere die Stars aus dem sogenannten Marvel-Universum sind Blockbuster-tauglich, von Spidey über die X-Men, die Fantastischen Vier und Daredevil über den Hulk bis zu Blade.

Jetzt schickt sich Marvel einmal mehr an, die Comic-Welt aufzurollen. In den sechziger Jahren übten die gebrochenen Superheld-Figuren des US-Verlages eine Revolution gegen die aalglatten, strahlenden Helden des großen Konkurrenten DC Comics. Während dessen Figuren - siehe Superman - mit dem Charisma glattgegelter Autoverkäufer und so unbesiegbar, wie der Papst laut Dogma unfehlbar ist, quälende Langeweile verbreiteten, wagte Marvel mit seinen Anti-Helden Ungeheures: Zerrissene Figuren waren das, mit erheblichen persönlichen Problemen und - bis dahin kannte man so etwas nicht - ohne Gewinn-Garantie, wenn sie zum Kampf antraten.

Das tun sie nun wieder. Sie kämpfen um die Aufmerksamkeit junger Zielgruppen, die die heroischen Figuren bisher nur aus dem Kino kennen. Gerade deshalb aber, hofft Marvel-Chef Dan Buckley, könne man Teens und Twens erreichen: Wer den Silver Surfer aus dem Film kennt (Fans des melancholischen Galaxien-Wanderes litten kräftig darunter, wie platt die Figur dort herüber kam), könnte Interesse dafür entwickeln, warum der einst eine Pop-Ikone der Hippie-Zeit wurde. Und wo sollte man den Kids das zeigen können, wenn nicht im Web?

Dort floriert seit Jahren eine lebendige Comic-Szene, die sich für die großen Verlage aber nicht unbedingt günstig ausgewirkt hat. Aufstrebende Zeichner verschenken dort ihre Werke, während Massen von Internet-Nutzern mit Vorliebe die Werke der großen Verlage verschenken - beispielsweise per BitTorrent, wo gescannte Comics eine kleine, aber lebendige Rolle spielen. Internationale Sammel-, Tauschbörsen und nicht zuletzt eBay sorgten dafür, dass auch die Preise für Klassiker im Keller sind.

Denn wo früher die Fans und Sammler nur selten zueinander fanden und Klassiker deshalb Preise erzielten, die Comics wie "Spider-Man 1" (1963) schon mal als satte Summen erbringende Geldanlage erscheinen ließen, bedienen sich die Sammler heute an den Schnäppchen aus Keller- und Speicher-Entrümpelungen. In Auktionen gehen schon mal 40 Originalhefte aus den Siebzigern für 25 Euro weg. Für Verlage, die ihre alten Schinken ab und an neu auflegen, ist auch das Gift.

Warum sie also nicht direkt online anbieten?

Seit Dienstag bietet Marvel über seine Webseite Zugang zu rund 2500 Vollausgaben klassischer Comic-Serien, jede Woche sollen 20 weitere hinzukommen.

In aller Ruhe und ohne Angst, die einst so kostbaren Seiten zu beschmutzen, lässt sich nun beispielsweise in Spider-Man No. 1-100 schmökern. Die Hefte werden jeweils als Doppelseite Bildschirmfüllend dargestellt, was ein Online-Lesen tatsächlich möglich macht. Eine Zoom-Funktion sorgt dafür, dass man kein Detail verpasst - nur muss man dann, wie man das von PDF-Dokumenten kennt, in der Seite "herumrühren", sie hin und her ziehen. Ansonsten wird - wie in der Papierversion - geblättert.

Ob die Fans sich darauf einlassen, bleibt abzuwarten, denn billig ist der Spaß nicht. Marvel verkauft den Zugang zu den Comic-Archiven als Abonnement. Satte 9,99 Dollar im Monat will der Verlag dafür haben, wer sich auf ein Jahresabo einlässt, bekommt den Zugang für 4,99 Dollar monatlich. Um die ersehnte Käufergruppe zu ködern, gibt es derzeit Ausschnitte aus 250 Heften als kostenloses Schnupperangebot.

Ob das reicht, darf man bezweifeln. Während so mancher alte Fan angesichts dieses Fundus durchaus glänzende Augen bekommen mag, könnte sich der gerade einmal frisch interessierte Neuleser eher veräppelt fühlen: Web-Nutzer sind es gewohnt, im Internet alles kostenlos zu bekommen. Appetizer als Lockstoff für ein Abo könnten da eher kontraproduktiv wirken: Wer sich neugierig geworden in die 250 angeblich "offenen" Alben hineinliest, scheitert spätestens nach einigen Seiten an einer "Jetzt Abo abschließen und weiterlesen"-Aufforderung.

Zumal Konkurrent DC unter der Marke Zuda mehr für weniger bietet. Zuda bringt ganze Comic-Episoden kostenlos ins Web. Zwar sind dies zum Teil von Netz-Nutzern gestaltete Comics, aber das macht sie nicht schlechter. Bei den Besuchern der Seite kommt das Ganze zudem herrlich zeitgemäß als Web-2.0-haftes Angebot herüber: Jeder kann ein selbst produziertes Comic einreichen, die Zuda-Nutzer stimmen darüber ab, wie gut es ist. Für DC ist Zuda zugleich PR-Plattform und Talent-Börse, von der man die besten neuen Zeichner einfach einzusammeln hofft.

Wie auch der dritte große amerikanische Comic-Verlag Dark Horse ("Star Wars", "Hellboy") präsentiert sich DC zudem auf der MySpace-Plattform und verteilt dort großzügig großformatige Grafiken.

Aber reicht das, um das Interesse am Superhelden-Comic wieder zu erwecken - oder bedient man hier nur Alt-Fans auf neuen Wegen?

DC ist in den USA auch der Verlag, der die gedruckten Comics zur Kultserie "Heoes" herausbringt. Online kann man Heroes-Comics allerdings auch sehen, auf der Webseite zur Serie. Vollständig und kostenlos und - wenn man will - sogar animiert und mit Soundtrack. Wie so viele andere Waren scheint das Web auch die Comics eher zu entwerten. Im Internet ist halt alles "Commodity" - es ist selbstverständlich, dass man es überall und kostenlos bekommt.



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