Online-Desktop Kompletter Computer im Internet-Browser

Wo immer Sie sind: Ihr Rechner ist schon da. Die Firma Nivio lagert Computer ins Internet aus. Per Browser wird die Hardware ferngesteuert, überall hat der Nutzer die gleichen Programme und Dokumente - egal ob am Mac oder Windows-PC. SPIEGEL ONLINE hat's getestet.

Ohne das moderne Internet und den Trend zu Breitband-Internet-Zugängen wäre die Idee von Sachin Duggal nicht realisierbar gewesen. Denn Duggal träumt von einem PC, der überall dabei und gleichzeitig nirgends ist. Einem Online-PC, der dahin geht, wo der Nutzer ist, unabhängig davon, über welche Hardware und welches Betriebssystem er gerade verfügt.

Statt lokal auf dem PC des Anwenders würden Betriebssystem und Software weit entfernt auf einem Server ablaufen. Lediglich das Geschehen auf dem Bildschirm würde auf den Rechner des Anwenders weitergeleitet. Ein solcher Online-Desktop könnte viele Funktionen erfüllen.

Er könnte beispielsweise das Leben längst veralteter Rechner verlängern, auf deren Bildschirmen man damit neueste Software nutzen könnte, obwohl die alte Hardware dafür eigentlich viel zu lahm wäre. Auch könnte man seinen Desktop überall hin mitnehmen, ganz ohne einen Computer oder Laptop schleppen zu müssen. Denn jeder vernetzte PC würde als Zugang zur gewohnten Arbeitsumgebung ausreichen. Und schließlich kann man einen solchen virtuellen PC im Internet verwenden, um all jene Webseiten anzusteuern, auf die man mit seinem eigenen Rechner niemals surfen würde - aus Angst vor Viren, Würmern und Trojanern.

Für Windows, Macs, Linux und Handhelds

Genau so einen PC hat Sachin Duggal mit seinem 14-köpfigen Team aus Indien und England erschaffen. Insgesamt 18 Monate haben die Entwickler geschuftet, jetzt steht das Projekt kurz vor seiner Markteinführung - und hat auch einen Namen: Nivio.

Was das Besondere an dem Konzept ist, erklärt Nivio-Chefstratege Iqbal Gandham im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Nivio ermöglicht es den Leuten, sich über einen normalen Webbrowser in einen Windows-Desktop einzuloggen." Die Betonung liegt auf dem kleinen Wörtchen "normal". Denn um den virtuellen Windows-PC nutzen zu können, muss man kein Windows-Anwender sein. Auch auf Linux und am Mac läuft die virtuelle Rechenmaschine. Sogar auf Handhelds soll sie nötigenfalls funktionieren.

Wirklich neu ist die Idee jedoch nicht. Schon seit einiger Zeit haben Firmen virtuelle Online-PCs im Sortiment. GOPC  bietet eine Variante mit Linux-Desktop. Die sonst auf Multimedia-Software spezialisierte Firma Magix arbeitet an einem Online-Desktop mit eigenem Betriebssystem .

Online-Desktop für kleines Geld

Nur an Windows-basierten Online-Desktops mangelt es noch. Die wenigen Angebote sind voll auf berufliche Anwender ausgerichtet, so OnDemandOffice , das ab 160 Dollar (knapp 120 Euro) pro Monat zu mieten ist.

Nivios System wendet sich dagegen an jedermann. Auf dem Online-Desktop dort laufen nicht etwa Linux oder nur wenige hauseigene Anwendungen, sondern gewöhnliches Windows XP - fast zumindest, denn Nivio verwendet eine Server-Variante der Microsoft-Software. Künftig soll auch Vista angeboten werden.

Ganz einfach war der Einsatz von Windows nicht zu bewerkstelligen, sagt Gandham: "Erstens ist es nicht darauf ausgelegt, auf diese Weise zu funktionieren. Zweitens brauchten wir eine extrem skalierbare Technologie, um sicherzustellen, dass wir zuverlässig Hunderte oder Tausende Desktops liefern können."

Netzknoten in Zürich und Delhi

Unter skalierbarer Technologie versteht Gandham ein weltweit verzweigtes Netz von Rechenzentren. In Genf und Delhi gibt es schon Stützpunkte, weitere sollen folgen, um die Übertragungswege kurz zu halten und die Leistung zu optimieren. Gandham: "Je nach Aufenthaltsort, Registrierung und Vorlieben verbinden wir den Anwender mit dem nächstgelegenen Netzknoten."

Natürlich steht in den Rechenzentren nicht für jeden Anwender ein eigener Server zur Verfügung. Bei einer solchen Lösung wären die einzelnen Rechner viel zu schlecht ausgelastet, und Nivio könnte kaum mit dem rasanten Wachstum der Nutzerzahlen mithalten - denn Nivio erfreut sich großen Zuspruchs. Gandham: "Vor einer Woche hätte ich gesagt, wir haben 1000 Nutzer. Aber jetzt geht alles sehr schnell. Allein heute haben sich mehr als 600 neue Anwender für das Beta-Programm angemeldet."

Stärken und Schwächen im Test

Jedem Nutzer wird per Software ein virtueller PC auf einem Server eingerichtet. Das geht schneller als die Installation eines richtigen Rechners, ist billiger und nutzt die vorhandene Hardware besser aus. Schließlich kommt es kaum vor, dass alle Nivio-Anwender gleichzeitig ihren Online-Desktop nutzen.

Günstig aber nicht kostenlos

Nach einer kostenlosen Testphase von 30 Tagen werden für jeden weiteren Monat knapp zehn Euro Mietgebühr fällig. Dafür erhält man einen kompletten virtuellen Desktop samt Windows, Anwendungssoftware und fünf Gigabyte Online-Datenspeicher.

Im ersten Test entpuppt sich der Nivio-PC als fast vollwertiger Computer. Wie die meisten Windows-PCs braucht er viel zu lange, bis der Desktop endlich erscheint. Wenn er allerdings geladen ist, spürt man kaum mehr einen Unterschied zwischen dem virtuellem Rechner und einem realen Gegenstück - zumindest mit schneller Internetverbindung. Als Minimalvoraussetzung gibt Nivio 128 Kilobit pro Sekunde, was einer zweikanaligen ISDN-Verbindung entspricht. Schneller ist allerdings besser, viel besser.

Neue Software nur auf Anfrage

Eigene Software kann man nicht installieren. Nur die von Nivio vorbereiteten Programmpakete sind verfügbar:

  • Reichlich kostenlose Software wie der Quicktime Player, der Windows Messenger, Firefox und der Acrobat Reader,
  • dazu ein komplettes Microsoft Office, das allerdings nur während der ersten 30 Tage kostenlos nutzbar ist. Danach ist eine separate monatliche Miete fällig.
  • Alternativ liegt das kostenlose Openoffice bereit, mit dem sich die gängigen Office-Dokumente bearbeiten lassen.

Wer unbedingt andere als die von Nivio angebotenen Programme benötigt, kann diese im Anwenderforum der Nivio-Website beantragen. Eine Garantie, dass die geforderte Software tatsächlich auf dem Online-Desktop laufen wird, gibt es aber nicht. Jedes Programm muss von den Ingenieuren für den Online-Einsatz angepasst werden. Derzeit ist Google Earth in Arbeit.

Konzept mit Potential und Problemen

Noch ist Nivio in der Betatest-Phase, und das spürt man deutlich. So lässt sich die Größe des virtuellen Schreibtischs nicht verändern, der Vollbildmodus ist nicht zu aktivieren, und der versuchte Start von iTunes wurde wiederholt mit einer Fehlermeldung quittiert.

Außerdem gibt es noch Probleme mit Streaming-Anwendungen. Sollen Musik oder Videos live aus dem Netz abgespielt werden, wird der Nivio-PC zur Schnecke. Auch mit Spielen haben die Entwickler Probleme: Sie benötigen eine möglichst schnelle Bildschirmausgabe, und damit hapert es über das Netz noch.

Vor allem aber muss sich Nivio gegen die Web-2.0-Konkurrenz behaupten. Schließlich bieten diverse Firmen und Organisationen Bürosoftware für den Browser an. Google ist mit seinem Word- und Excel-Clone "Text und Tabellen" nur einer von vielen. So ist auch ein Online-Desktop in Arbeit, der auf Grundlage der Web-2.0-Technologie Ajax  einen virtuellen Computer in den Browser verpflanzen soll - kostenlos.

Wer nicht unbedingt auf bestimmte Windows-Programme angewiesen ist, sollte zuerst solche Angebote in Erwägung ziehen. Denn auf Dauer wird auch Nivios Online-PC zu einem teuren Spaß.

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