Online-Entertainment Showbiz-Promis fürs Cyberkino

Die amerikanische Film- und Fernsehbranche entdeckt mehr und mehr das Internet. Zunehmend drehen Hollywood-Stars und bekannte TV-Produzenten nun auch fürs Web.

Von Jochen A. Siegle


"Gary the Rat", Star des Cartoons bei Mediatrip.com

"Gary the Rat", Star des Cartoons bei Mediatrip.com

Tim Burton hat wieder einen Superhelden in den Kampf gegen das Böse geschickt. Nicht etwa Batman oder wie einst geplant den Kult-Überflieger Superman. "Stainboy" heißt der neue Held, der unter der Regie des US-Starfilmers Bösewichte jagt. Und er ist wesentlich kleiner und tollpatschiger als seine altbekannten Kollegen - verschlingt allerdings auch kein Millionenbudget. Denn "Stainboy" erscheint nicht auf der Kinoleinwand, sondern exklusiv im Web.

Die erste Episode der animierten Kurzfilmserie feierte Anfang des Monats beim Unterhaltungsportal Shockwave.com Premiere. Zu schaurig-jammernder Musik von Burtons Batman-Composer Danny Elfman muss "Stainboy" seine Erzfeindin "Staregirl" besiegen. In der zweiten Folge wartet bereits der ätzende "Toxicboy" auf Burtons skurilen Anti-Helden, der eigentlich nur eins richtig gut kann: Flecken hinterlassen. Im Zwei-Wochen-Rhythmus erscheinen zunächst sechs gruselige "Stainboy"-Folgen. Insgesamt will Burton 26 animierte Kurzgeschichten für das Entertainmentprojekt der Software-Schmiede Macromedia produzieren.

Der Kult-Regisseur, der neben "Batman" auch für Blockbuster wie "Sleepy Hollow" oder für das Drehbuch des Stop-Motion-Hits "The Nightmare Before Christmas" verantwortlich zeichnet, ist nicht der Einzige, der das Web für sich entdeckt hat. Immer mehr Film- und Fernsehgrößen steigen mittlerweile ins Online-Entertainment-Business ein. Allein Shockwave, das erst im Sommer 1999 erfolgreich mit einem Programm-Mix aus "Peanuts"-Cartoons und Flash-animierten Musik-Videoclips gestartet war, konnte neben Burton zahlreiche namhafte Hollywood-Promis verpflichten.

So kreiert derzeit etwa James Brooks - unter anderem Produzent der Hit-Serie "The Simpsons" - speziellen Animations-Content für die Entertainment-Site. Die Macher der erfolgreichen US-Trickfilmserie "South Park", Matt Stone und Trey Parker, produzieren längst Web-Versionen der deftigen Sozial-Satire. Noch im Herbst werden die wöchentliche "Dumbland"-Serie des 54-jährigen Star-Cineasten David Lynch ("Blue Velvet") und eine Comedy-Show von James Belushi ("Return to Me") starten.

"Lowtech-Ästhetik"

Nicht nur die bandbreitenbedingte neue Lowtech-Ästhetik ist es, die traditionelle Film- und Fernsehmacher ins neue Medium lockt. Vielmehr bietet das Netz künstlerische Freiheiten, die konventionelle Formate nicht bieten können: "Wo sonst im Show-Business gibt es die Möglichkeit zu tun, was auch immer man möchte?", erklärte etwa Belushi sein Internet-Engagement. Entsprechend wird die Liste illustrer Show-Biz-Promis, die sich online betätigen, immer länger.

"Seinfeld"-Macher Larry David produzierte für Icebox.com einen Cartoon zur Präsidentschaftswahl

"Seinfeld"-Macher Larry David produzierte für Icebox.com einen Cartoon zur Präsidentschaftswahl

So zeigt derzeit etwa "Seinfeld"-Macher Larry David einen kurzen Streifen über das Portal Icebox.com. David, der seit letzter Woche auch in der US-Serie "Curb Your Enthusiasm" beim Pay-TV-Kanal HBO zu sehen ist, animierte passend zum US-Präsidentschaftswahlkampf eine Story um einen Senator im Wahlkampfstress.

Auch "Gary the Rat", die Geschichte eines Wall-Street-Anwalts, der sich in ein pelziges, 1,80 Meter großes Nagetier verwandelt, wird nur online zu sehen sein: Kelsey Grammer, einer der Regisseure der Erfolgsserie "Frasier", dreht die Show momentan für Mediatrip.com und leiht dem tierischen Rechtsverdreher selbst noch seine Stimme. Daran versucht sich inzwischen auch Prügel-Talk-Show-Host Jerry Springer: In einer Cyberserie um einen Filmproduzenten intoniert er bei Thethreshold.com einen Hollywood-Agenten.

Und auch das Unterhaltungsnetwork Z.com hat mit Don Rickles, David Spade und Bob Saget drei TV-Veteranen für Web-Comedy-Shows begeistern können. Selbst der legendäre Warner-Bros.-Animator Chuck Jones will seine Kreativität im neuen Medium unter Beweis stellen. Der Trickspezialist führt Regie bei einer neuen Cartoon-Serie für Warners Entertaindom.com.

Erfolgsverwöhnte Filmstars lassen sich mittlerweile nicht mal mehr von den jüngsten Pleiten zahlreicher gehypter Entertainment-Projekte wie etwa DEN, Pseudo oder dem nie gestarteten Spielberg-Portal Pop.com abschrecken. "Big Daddy" Adam Sandler etwa arbeitet an Online-Shows für Mediatrip.com. Jungmime Leonardo DiCaprio plant gemeinsam mit Webfilmpionier AtomFilms ein Kurzfilmfestival. Die Movie-Site aus Seattle konnte unlängst auch den "Being John Malkovich"-Regisseur Spike Jonze für sein Cyberkino gewinnen: Im Herbst noch soll der Jonze-Short "How they get there" downloadbar sein.

Für exklusiven Web-Content hatte AtomFilms schon im Mai am Rande der Filmfestspiele in Cannes Bernardo Bertolucci ("Der letzte Kaiser") verpflichten können. Der italienische Regiemeister dreht einen 10-minütigen Kurzfilm, der ab Frühjahr über AtomFilms vertrieben wird. Auch die Filmemacher Jim Jarmusch, Nicolas Roeg, Chris Marker and Aki Kaurismäki haben sich bereit erklärt, kurze Cybermovies für das Portal aufzunehmen.



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