Online-Filme Geld verdienen mit Heimvideos

Ein eben gegründetes Unternehmen will die Möglichkeit schaffen, mit Privatvideos Geld zu verdienen. Was bislang im Netz als mehr oder minder unschuldiger Spaß kursierte, soll mit Werbung versehen und so profitabel gemacht werden.

Webseiten, auf denen Nutzer ihre Privatfotos zeigen können, erfreuen sich schon seit einiger Zeit wachsender Beliebtheit. Bei Ereignissen wie den Terroranschlägen von London oder den Hurrikan-Katastrophen in den USA werden Seiten wie Flickr.com  oder Snapfish.com  sogar zu privaten Nachrichtenportalen.

Inzwischen reichen die Standbilder vielen aber nicht mehr: Video-Sites tauchen in Massen im Netz auf. Weil viele Telefone und fast alle neueren Digitalkameras heute auch kurze Filme aufzeichnen können, ist plötzlich ein Heer von Hobby-Fernsehreportern auf der Welt unterwegs. Die Seiten heißen ClipShack , Vimeo , OurMedia , Putfile , BlipTV  oder YouTube  - und sie sind prallvoll mit - gelegentlich ziemlich prallem - "Content". Im Grunde ein Traum für jeden Netz-Vermarkter.

Von der Brust-Parade bis zur Augenoperation

Von der mit dem Handy mitgeschnittenen Brust-Parade von Wrestling-Damen am Ring bis hin zu den ersten Gehversuchen neugeborener Hundewelpen, vom live aufgenommenen Fahrradunfall bis hin zum persönlichen Erfahrungsbericht nach einer Augenoperation - die Variationsbreite der ins Netz gestellten Videoschnipsel ist schier unbegrenzt. Videos werden eingestellt und weiterempfohlen, heruntergeladen und verschickt, bewertet und diskutiert. Gelegentlich, wie im Fall des "Star Wars Kid" oder bei Gary Brolsmas Interpretation des "Numa Numa Dance" wird aus einem komischen Stückchen Film für ein paar Tage ein globales Phänomen.

Copyright wird dabei oft fröhlich ignoriert - wer wollte schon in der täglich wachsenden Flut der bewegten Bilder noch nach Rechtswidrigem suchen. Nun aber könnte aus dem immer leicht anarchischen Spaß mit den digitalen Filmchen ein großes Geschäft werden - das hoffen zumindest die Gründer von "Revver" . Ihr Konzept: Jedes Video, das auf der Revver-Seite veröffentlicht wird, bekommt eine Markierung. Die soll nachverfolgbar machen, wie oft der Film angesehen wird - egal wo. Geld verdient werden soll dann, wie sonst auch im Web, mit Werbung: Ans Ende jedes Videos will man bei Revver eine statische Werbeanzeige hängen.

Die Revver-Gründer illustrieren ihr Geschäftsmodell mit einer Beispielrechnung: Ein Animationsfilmchen im Vorfeld der US-Wahl, das Zeichentrick-Versionen von George W. Bush und seinem Herausforderer John Kerry dabei zeigte, wie sie "This Land is your Land" sangen - mit leicht verändertem Text - wurde von geschätzten 80 Millionen weltweit angesehen. Hätte Revver eine Anzeige am Ende dieses Spots platziert und sie für 8 Dollar pro tausend Zuschauer verkauft - der Cartoon von "JibJab Media" hätte 640.000 Dollar einspielen können.

Die Hälfte aller Einkünfte für den Hobbyfilmer

Steven Starr, einer der Gründer von Revver, hält die Idee für eine Art Umverteilung hin zu denen, die den Profit tatsächlich verdienen. Bislang sei man "völlig auf sich allein gestellt in einem Meer von Webseiten, die mit Vergnügen mit Ihrem Video Geld verdienen ohne Sie zu bezahlen", sagte er der Agentur AP. Revver will die Hälfte aller Einkünfte stets an den Schöpfer eines Videos abführen.

Zu den Gründern des Unternehmens gehört auch Ian Clarke, auf dessen Konto auch schon das Filesharing-Netzwerk Freenet geht. Man hoffe, dass "die Lücke zwischen der Kreativität der Amateure und der Kreativität, die von großen, zentralisierten Medien finanziert wird, weiter schrumpfen wird", so Clarke.

Ob Menschen nun tatsächlich versuchen werden, mit dem Video von der Taufe ihres ersten Kindes online Geld zu verdienen, bleibt abzuwarten. Jakob Lodwick jedenfalls, der Gründer von Vimeo, mahnt zur Besonnenheit. "Viele Leute haben sich noch nicht mal mit der Idee angefreundet, ihre Fotos online verfügbar zu machen", sagte er der "New York Times". Und je mehr die Verbreitung der gefilmten Schnipsel Privatleben zunimmt, desto vorsichtiger sollte man vermutlich auch mit dem sein, was man da hinaus in die digitale Freiheit entlässt.

Graham Walker, ein Videoproduzent aus Prag, der seine Reisefilme auf OurMedia.org veröffentlicht, philosophierte im Gespräch mit der Zeitung über die potentiell unbegrenzte Haltbarkeit von einmal online Gestelltem: "Manche wollen das vielleicht nicht", sagte er, "will man wirklich, dass die neue Freundin all die Videos findet, die man mit der Ex-Freundin gemacht hat?"

Kommt drauf an, was es einbringt, würden die Revver-Gründer vermutlich sagen.

Christian Stöcker

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