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13. Juli 2007, 13:04 Uhr

Online-Kurse

Sprachschüler stürmen Videochats

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Sprachunterricht per Webchat boomt. Neben reinen Schwatzbuden gibt es auch Web-Kurse mit richtigen Sprachlehrern – und die sind ziemlich billig. Nun will ein US-Unternehmen Amerikaner dafür bezahlen, dass sie mit Südkoreanern chatten dürfen. Das Konzept könnte aufgehen.

Todd Bryant war als Teenager der schlechteste Schüler in seinem Französischkurs. Fünf Jahre lang. Dann studierte er, verbrachte ein Jahr in Berlin und lernte in der kurzen Zeit Deutsch. Das Geheimnis: Bryant musste Deutsch sprechen, denn seine Gastgeberin konnte kein Englisch.

Heute organisiert Bryant die Technik für den Fremdsprachen-Unterricht am renommierten Dickinson College in Pennsylvania und bringt die Studenten in dieselbe Situation, in der er in Berlin war. Online allerdings. Sie chatten im Unterricht per Audioverbindung mit Studenten aus Japan, Spanien, Italien und Deutschland - ohne Pause, ohne Vorlage, live und in der jeweiligen Fremdsprache.

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Solche Chats, meist über die Software Skype abgewickelt, werden von vielen jungen Unternehmen zum Sprach-Trainings-Werkzeug schlechthin hochgejubelt. Immer neue Kennenlern-Börsen bieten Sprachschülern die Möglichkeit, Chatpartner zu suchen. Der US-Verlag für Lern-Programme "Rosetta Stone" betreibt so eine Kontaktbörse.

In Südkorea will das Unternehmen Talkbean den Markt für Englisch-Unterricht aufmischen: 80 Prozent der Koreaner lernen Englisch, 300 Millionen Amerikaner können es. So lautet Talkbeans einfache Rechnung. Übers Netz will man nun beide Gruppen zusammenbringen – und 27 Prozent der Einnahmen an die Muttersprachler auszahlen.

Kostenlose Schwatzbuden

Aber es gibt auch kostenlose Schwatzbuden für Sprachschüler: Soziety aus Spanien zum Beispiel. Laut Mitgründer Guido García Bernardo hat das Portal seit Januar 7000 Mitglieder gewonnen – die meisten in Spanien, Brasilien und Deutschland. Aber das älteste kostenlose Portal hat Todd Bryant vom Dickinson College gegründet: Languages Exchanges. Dort sind 11.000 Mitglieder aktiv, 25 neue melden sich jeden Tag an. Die meisten Muttersprachler hier kommen aus den Vereinigten Staaten, Japan und China.

Die Vorteile des Lernens per Chat beschreibt Bryant gegenüber SPIEGEL ONLINE so: "Die Studenten bei uns sind nach solchen Chats motivierter, die Sprache zu lernen. Und sie sind selbstsicherer, in der Sprache einfach draufloszureden." Seit vier Jahren nutzt das College diese Technik. Inzwischen gibt es jede Woche 50 Minuten Chat mit Partnerunis in jedem Japanisch- Deutsch-, Italienisch- und Spanischkurs.

EU-Projekt fördert Sprach-Chats

Den Einsatz solcher Web-Techniken im Sprachunterricht unterstützt die EU im Rahmen des Projekts Lancelot. Da können Sprachlehrer sich für den Live-Online-Sprachunterricht ausbilden und zertifizieren lassen. Christian Swertz, Professor für Medienpädagogik an der Universität Wien, koordiniert das Vorhaben. Er schildert SPIEGEL ONLINE die Vorteile der Skype-Chats mit Muttersprachlern: "Diese bieten eine wichtige Erfahrung – den praktischen Gebrauch der Sprache. Um eine Sprache zu lernen, reicht Vokabel- und Grammatikpauken allein nicht."

Allerdings bringt Schwatzen allein auch nichts. Dozent Bryant: "Sprachunterricht umfasst ja vier Aspekte: Schreiben, Lesen, Hören und natürlich sprechen." Das könne man mit einem Austauschpartner übers Web natürlich tun, auch sei das Angebot an fremdsprachigen Radiosendungen und Nachrichten noch nie so leicht zugänglich gewesen wie heute im Web. Aber einen Sprachlehrer könne das nicht völlig ersetzen.

Da stimmt Medienpädagoge Swertz zu: "Viele Muttersprachler kennen die Grammatik ihrer eignen Sprache nicht gut genug, um Fehler zu erkennen, Lernstufen zu diagnostizieren und gezielte Lernhilfen anzubieten." Das Fazit des Experten Swertz: "Für effektiven Sprachunterricht ist die Arbeit mit Sprachtrainern sinnvoller."

Sprachlehrer chatten auch

Aber auch Sprachlehrer bieten ihre Dienste inzwischen übers Netz an. Skype-Chats, Videokonferenzen, virtuelle Klassenzimmer? Gibt es alles - inzwischen auch von Swertz' EU-Projekt zertifiziert. Kein Wunder, dass Sprachlehrer in Europa solche Qualitätssiegel suchen. Denn durch das Internet bekommen sie immer mehr Konkurrenz aus Billiglohnländern. Eine Ironie der Globalisierung: Bei Sprachen wie Mandarin oder Kantonesisch bietet ausgerechnet der Billig-Staat China muttersprachliche Qualität.

Die 2006 gegründete Web-Sprachschule EchineseLearning aus Peking zum Beispiel bietet private Web-Kurse mit Sprachlehrern ab 4,50 Dollar die Stunde an. Die meisten der Dozenten arbeiten hier neben ihren regulären Stellen an der staatlichen "Universität für Sprache und Kultur" in Peking, die als führende Hochschule beim Sprachunterricht für Ausländer gilt. Unterrichtet wird per Skype, bezahlt per Paypal oder Google CheckOut. Einschränkung: Das Angebot ist auf Kunden zugeschnitten, deren Muttersprache Englisch ist.

Älter und bekannter ist die Mandarin-Sprachschule Chinesepod. Gegründet hat sie 2005 der Ire Ken Carroll in Shanghai – er hatte dort zuvor Jahre lang als Englischlehrer gearbeitet. Für Monatsgebühren zwischen 9 und 200 Dollar bietet das Unternehmen Podcasts, Vokabel-Training, Grammatik-PDFs, MP3-Downloads, eine Web-Gemeinschaft engagierter Studenten und tägliche Skype-Einzeltrainings mit Sprachlehrern. Elemente wie Tagging, RSS-Feeds und Mini-Community setzt die Seite sinnvoll ein – hier lernen auch Web-Stars wie Bart Decrem, der bei der Mozilla Foundation unter anderem fürs Firefox-Marketing verantwortlich gewesen ist.

Deutsche Sprachschulen versuchen ihr Glück

Aber auch deutsche Sprachschulen lassen Dozenten ihre Muttersprache übers Netz lehren – aus ihren Heimatländern. Für die Sprachschule Letstalkonline bei Freiburg arbeiten "weltweit 45 Sprachlehrer - in China, Japan, Australien und der Ukraine", erzählt Schulleiterin Heike Philp. Sie ist eine der ersten vom EU-Projekt Lancelot zertifizierten Online-Sprachlehrerinnen. Derzeit hat sie etwa 200 Studenten, die wöchentliche Kurse belegen.

Ihre Lehrer unterrichten in sogenannten "virtuellen Klassenzimmern", die Skype-Chats mit Lese-, Schreib- und Hörübungen kombinieren. Durchgesetzt haben sich solche geschlossenen Systeme bislang nicht. Philp wendet ein: "Wir erleben gerade, dass Sprach-Chats dem Nischendasein entkommen. Bis virtuelle Klassenzimmer ähnlich verbreitet sind, wird es noch mindestens bis 2009 dauern."

Schwatzen wie bei Myspace

Allerdings fehlt solchen "virtuellen Sprachkursen" das Element völlig, das die Videochats so populär macht: schwatzen, Menschen kennen lernen, spielen. Die Profilseiten der Schwatzbuden-Nutzer erinnern manchmal an Myspace-Profile: Interessen, Lieblingsmusiker, Alter, Fotos.

Und das ist der Unterschied zu Web-Sprachkursen, wie Soziety-Gründer Guido García Bernardo erklärt: "Gestern Nacht habe ich mit einem Typen aus Neuseeland, einem aus Kolumbien und einem Deutschen geplaudert. Echte Menschen reden über echte Dinge. Man hört nicht so was wie: 'Mein Schneider ist reich'." Eine Anspielung auf Schallplatten-Englischkurse der sechziger Jahre, wo das der Lernsatz gewesen ist.

Für Bernardo sind die Web-Chats der zweitbeste Weg, Sprachen zu üben. Der beste: "In das jeweilige Land reisen – ohne Geld und ohne Freunde, die deine Muttersprache verstehen." So wie Todd Bryant es 1991 gemacht hat, um in zwölf Monaten Deutsch zu lernen.

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