Online-Publishing ARD dient Verlegern Shareware an

Medienpartnerschaft royal? Die ARD will mit den Zeitungsverlegern im Internet kooperieren und ihnen Audio- und Videomaterial liefern. Was genau man verschenken will und zu welchen Bedingungen, wird aber nicht verraten. Die Verleger knurren, die ARD will kuscheln.

Von Helmut Merschmann


In Sachen Internet standen sich öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten und Zeitungsverlage bislang unversöhnlich gegenüber. Noch während der Internationalen Funkausstellung Ende August, als die ARD ihre "Online-Mediathek" vorstellte, fielen Kampfbegriffe. Von "rechtswidrigen Praktiken" war die Rede. Denn die ARD will ab Januar Sendungen, die bereits in Fernsehen und Hörfunk liefen, im Internet zweitverwerten. Für ARD-Intendant Fritz Raff "die natürlichste Sache der Welt". Für die Zeitungsverleger eine bedrohliche Marktverzerrung: gebührenfinanzierte Konkurrenz im Netz.

SWR-Intendant Boudgoust: "Eher miteinander vernetzen"
AP / SWR / Rafael Kroetz

SWR-Intendant Boudgoust: "Eher miteinander vernetzen"

Urplötzlich ist von Konkurrenz nichts mehr zu hören - zumindest von Seiten der Öffentlich-Rechtlichen. Während "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher in einer Rede am vergangenen Wochenende noch vor der potentiellen Macht der gebührenfinanzierten Web-Konkurrenz warnte, will die ARD künftig stärker auf Vernetzung setzen und nach der jungen Klientel fischen. Schon vor zwei Wochen hatte die Intendantin des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Monika Piel, in einem Interview mit dem Branchenfachblatt "epd Medien" "eine Kooperation im Sinne der publizistischen Inhalte" angeregt: "Zum Beispiel auf WDR.de eine tägliche Presseschau mit Stimmen aus Zeitungen Nordrhein-Westfalens."

Gibst du mir, so geb' ich dir?

Gestern war Ähnliches von Peter Boudgoust, dem Intendanten des Südwestrundfunks (SWR), in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen: "Statt uns medienpolitisch zu bekriegen, sollten wir uns eher miteinander vernetzen, zum Beispiel könnte die ARD Nachrichten- und Magazinbeiträge für die Online-Angebote der Zeitungen zur Verfügung stellen." Der eingeschlagene Schmusekurs ist nun die offizielle Linie, wie die ARD-Pressestelle auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigt.

Bei einem unlängst stattgefundenen Spitzentreffen zwischen den Intendanten der ARD-Anstalten und dem Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) kursierte diesbezüglich der Begriff "Shareware". Gibst du mir, so geb' ich dir.

Angesichts dieser Medienpartnerschaft royal reibt man sich verdutzt die Augen. Klingt ja auch zu schön, um wahr zu sein. Doch tatsächlich herrscht längst nicht in allen Punkten Einvernehmlichkeit. Zwar empfinden sich beide Parteien als "Qualitätsmedien", von denen das Internet nur profitieren kann. Doch "eine Konkurrenzsituation bleibt bestehen", insistiert Dietmar Wolff, Hauptgeschäftsführer des BDZV, mit Blick auf die sogenannten Telemedien. Darunter fallen Chatrooms, Blogs, Podcasts und Informationsdienste wie Wettervorhersagen oder Verkehrshinweise, die es auf öffentlich-rechtlichen Portalen zuhauf gibt – in direkter Konkurrenz mit den Privatanbietern. Ganz generell hat der BDZV mit dem Probleme, was die Öffentlich-Rechtlichen online eben auch anbieten, was die Verleger aber als ihre ureigenste Domäne betrachten: Texte.

Beredtes Schweigen aus der ARD-Pressestelle

Augenblicklich gelangen noch nicht viele Auskünfte über den ins Auge gefassten Schulterschluss an die Öffentlichkeit. Ist es denkbar, dass die Rundfunkanstalten Video- und Audiomaterial – "mit deutlichem Quellenverweis", schon klar - aus ihren Händen geben und auf den Webseiten großer Zeitungsportale platzieren? Wollen die Verleger denn überhaupt Abspielstation für fertige ARD-Beiträge werden? Dem Vernehmen nach sind nicht bloß Provinzblätter, sondern auch überregionale Verlage an einer Kooperation interessiert.

Oder wird es nur einen Ziellink zurück auf die ARD-Portale geben, um diesen mehr Publikum zu bescheren? Und zu welchem Zeitpunkt soll das passieren? Ereignisaktuell oder nachdem das Material bereits auf den Fernsehkanälen der Öffentlich-Rechtlichen ausgewertet worden ist? Auf solche Fragen gibt es aus der ARD-Pressestelle keine Antworten.

Schon jetzt zeichnen sich jedenfalls Schwierigkeiten ab. Durch ein hohes Video-Aufkommen auf ihren Webseiten könnten die Zeitungsverleger womöglich riskieren, unter das Rundfunkrecht zu fallen und seinen schärferen Bestimmungen zu unterliegen. Bislang sind Telemedien zulassungsfrei. Gelten sie erst einmal als "Rundfunk", müssen bei den Landesmedienanstalten Lizenzen eingeholt werden, und zwar in jedem Bundesland gesondert. Über eine Definition von Rundfunk im Zeitalter seiner Digitalisierung streiten unterdessen Juristen und Medienregulierer. Als entscheidend gilt, inwiefern Meinungsbildung und Programmvielfalt betroffen sind.

Darüber hinaus "hat man schnell ein kartellrechtliches Problem", erläutert Bernd Holznagel, Professor für Medienrecht an der Uni Münster, wenn es zwischen Rundfunkanstalten in einem Bundesland und auflagenstarken regionalen Zeitungsverlagen zu Tauschhandel und "publizistischen Absprachen kommt, die den Markt abriegeln".

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insgesamt 5 Beiträge
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furtherinstructions, 01.11.2007
1. Danke, brauche ich nicht
Medienpartnerschaft royal? Na ich weiß ja nicht… im Prinzip wäre ja gegen wiedergekäuten öffentlichrechtlichen™ ARD-Content nichts einzuwenden, wäre da nicht die Zwangsmaßnahme GEZ zwischengeschaltet. Nein, die Printmedien sollten sich da lieber auf ihre eigenen Werte besinnen. Die NYT streamt ja auch nicht recyclete ABC News.
steve-wonder 01.11.2007
2. Gute Idee!
Zu den Nachrichten auf den Zeitungsportalen zusätzlich bewegte Bilder und Töne! Und dann so vertrauenswürdige von der ARD - das ist doch super und rechtfertigt doch auch meine Gebühren!
josquin 01.11.2007
3. Shareware?
Sicher nur für das Betriebssystem des Marktführers. Ansonsten: Was hat das mit Grundversorgung zu tun? Meines Erachtens ist der ganze Hype um Internet-TV bei den ö.R. nur eine Masche, um demnächst den GEZ-Verweigerern (den ehrlichen, die kein TV haben), die bis dahin vermutlich fälligen monatlichen 21,80 Euro in voller Höhe aus der Tasche zu ziehen. Dazu die Handwerker und Kleinbetriebe, die bisher noch mit der Radio-GEZ geschont werden. Bitte nicht falsch verstehen: Ich empfinde unsere GEZ-Gebühren angesichts der digitalen Zusatzprogramme (arte, 3sat, Phoenix, Theaterkanal) durchaus als angemessen. Aber das reicht dann auch wirklich als Grundversorgung.
GrafZahl 02.11.2007
4. Schlechte Zeiten für dpa...
Die Deutsche Presse Agentur, Kind der Tageszeitungsverleger, hat sich über die Jahre zu einem teuren Moloch entwickelt, an dessen Effizienz und Leistungsfähigkeit viele Verleger inzwischen zweifeln. Allen voran die 'Freie Presse' in Chemnitz haben einige Verlage ihre teuren Abos abbestellt und stattdessen andere, preiswertere Agenturdienste bestellt. Diesen Verlagen kommt die ARD gerade recht. Zwar wird es vorher noch einiges an öfentlichem Theater geben, aber gratis Content auszutauschen ist ein Konzept, das viele Verleger heute schon praktizieren, und dann ist es eben ein Partner mehr.
asx001 08.11.2007
5. ÖR Wahnsinn
Zitat von sysopMedienpartnerschaft royal? Die ARD will mit den Zeitungsverlegern im Internet kooperieren und ihnen Audio- und Videomaterial liefern. Was genau man verschenken will und zu welchen Bedingungen, wird aber nicht verraten. Die Verleger knurren, die ARD will kuscheln. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,514786,00.html
Der ÖR Wahnsinn treibt immer neue Blüten. Jetzt will man auch noch den Gebührenzahler nötigen, sich an dem Gewinn der privaten Verleger zu beteiligen, indem man diesen Material schenkt. Die ÖR müssen eine sinnvolle Selbstbeschränkung im Internet finden, und nicht immer neue Möglichkeiten suchen, das Geld der Gebührenzahler zum Fenster hinaus zu werfen.
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