Online-Samenbank "Selbstbefruchtung in Heimwerkermanier"

Seit über einem Jahr erhitzt die Diskussion um "ManNortIncluded", den Spermaversand für lesbische Paare, europaweit die Gemüter. In diesem Monat soll in München die deutsche Filiale eröffnen – und die Debatte erreicht Deutschland.


(Noch) Keine Versandhausbabies: "Man Not Included" will in Deutschland Sperma per Web anbieten
DPA

(Noch) Keine Versandhausbabies: "Man Not Included" will in Deutschland Sperma per Web anbieten

"Man Not Included" (MNI) heißt das britische Unternehmen, das sich auf den Internet-Versandhandel mit Spermien für lesbische Paare spezialisiert hat und noch in diesem Monat in München eine Filiale eröffnen will. Knapp 1500 Euro kostet ein "Basic Package" mit Vorrichtung zum Injizieren des Spermas. Für 2420 Euro im "All Inclusive Package" gibt es zusätzlich eine psychologische Betreuung und eine Garantie auf das Sperma eines bestimmten Spenders.

MNI spart nicht mit Superlativen über sich selbst: Als "der fortschrittlichste Samenspendenservice der Welt" preist sich das Unternehmen an, das auch Spermien homosexueller Männer in seiner Kartei führt. Doch nicht daran entzündet sich hierzulande die Kritik vieler Mediziner. "Die künstliche Befruchtung bei allein stehenden oder lesbischen Frauen ist letztendlich eine gesellschaftspolitische Frage", sagt der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin (DGGEF), Franz Geisthövel.

Die Sicht des Mediziners: "Do it yourself" ist nicht gut

Problematisch sei aber das Fehlen rechtlicher Vorschriften in diesem Bereich. "Grundsätzlich sollten alle medizinischen Maßnahmen von der Samenspende bis zur eigentlichen

In-Vitro-Befruchtung unter kontrollierten Bedingungen stattfinden", sagt Geisthövel. Er sieht eine rechtliche Schieflage: "Einerseits gibt es eine Überregulationen zum Beispiel in der Frage, welche Embryonen für eine künstliche Befruchtung in Deutschland verwendet werden dürfen und welche nicht." Das Ergebnis dieser rigiden Einschränkungen sei "eine absurd hohe Rate von Zwillings- und Drillingsgeburten bei künstlicher Befruchtung von über 40 Prozent".

Andererseits existiere eine rechtliche Lücke, auf die MNI abziele, erläutert die Tübinger Biomedizinerin Eve-Marie Engels, Mitglied des Nationalen Ethikrats. "Die Richtlinien der Bundesärztekammer und des Embryonenschutzgesetzes gelten nicht für den Personenkreis, den MNI anspricht." Rechtlich bedeute dies, dass allein stehenden Frauen und lesbische Paare keine ärztliche Hilfe bei der Anwendung der künstlichen Befruchtung bekämen. Dies könne weder im Interesse des Kindes noch des Paares sein. Allein stehende und lesbische Paare hätten unbestritten das Recht auf Selbstverwirklichung. "Doch darf dies nicht dem Kinderwohl übergeordnet werden", mahnt Engels.

Hoffnungsträger und Angstobjekt: Der Spermaversand für lesbische Paare ist hoch umstritten

Hoffnungsträger und Angstobjekt: Der Spermaversand für lesbische Paare ist hoch umstritten

Ein weiteres Problem nennt Wolfgang Würfel, Ärztlicher Direktor einer großen Münchner Frauenklinik: die Anonymität. "Die meisten europäischen Nachbarländer tendieren dahin, dass die Kinder die Möglichkeit haben sollen, ihren Vater später kennen zu lernen, auch wenn er lediglich als Samenspender fungiert hat." Dies müsse auch für Deutschland gelten.

Hundertmal Vater?

Zudem gebe es gesundheitliche und haftungsrechtliche Knackpunkte bei MNI. "Zum Bespiel, wenn die gewünschte Schwangerschaft nicht eintritt oder die Patientin durch eine fehlerhaft geprüfte Spermaprobe im schlimmsten Fall HIV-positiv wird", sagt Würfel. Wie sein Kollege Geisthövel fordert er: "Bei einer In-Vitro-Fertilisation braucht die Patientin ärztliche Betreuung statt kommerzielles Babydesign und Selbstbefruchtung in Heimwerkermanier!"

Würfel sieht zudem einen weiteren kritischen Aspekt. "Soll jemand durch anonyme Samenspenden hundert Mal Vater werden können?", fragt Würfel. Dies sei denkbar, wenn eine Spermienfirma nur einen oder wenige Spender hat. "Stellen Sie sich vor, in München werden in einer Zeit 100 Kinder verschiedener Mütter geboren, die genetisch bedingt große Ähnlichkeiten aufweisen - das kann zu einiger Verwirrung führen." Um dies zu vermeiden, dürften Männer in Österreich höchstens drei Mal durch eine Samenspende Vater werden, sagt Würfel.

Beim Schwulen und Lesbenverband Deutschlands (LSVD) steht man MNI zumindest aufgeschlossen gegenüber: "Wir begrüßen jede Möglichkeit, eine Diskriminierung bezüglich des Kinderwunsches gleichgeschlechtlicher Paare zu umgehen. Allerdings muss jedes einzelne Angebot geprüft werden", sagt Vorstandsmitglied Antje Ferchau.

Peter Leveringhaus, ddp



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.