Online-Videos Chinas YouTube-Klone stechen das Staats-TV aus

Chinas größte Video-Websites bekämpfen einander vor Gericht. Gegenseitig werfen die Plattformen sich vor, Inhalte des jeweiligen Rivalen zu missbrauchen. Hintergrund der Auseinandersetzung: Chinas Netzbranche ist dabei, Zuschauer mit Kommerz vom öden Staatsfernsehen wegzulocken.

Chinesisches Staatsfernsehen CCTV: Konkurrenz aus dem Netz
DPA

Chinesisches Staatsfernsehen CCTV: Konkurrenz aus dem Netz


Peking - Der Konflikt zwischen Youku.com und Tudou Inc ist nur ein Schauplatz eines größeren Ringens um die Dominanz auf dem chinesischen Internet-Video-Markt mit fast 400 Millionen Zuschauern und Dutzenden privater Akteure. Alle versprechen sich lukrative Geschäfte mit Werbung. "Alle kämpfen um diese goldene Zielgruppe - junge Leute, die gerade mit der Schule fertig sind, viel frei verfügbares Einkommen haben und statt fernzusehen lieber Online-Videos konsumieren", so David Wolf, Marketingberater in Peking.

Chinas Video-Websites fingen damit an, YouTube zu imitieren und ließen sich von ihren Nutzern mit Katzenvideos und anderem kostenfreien Material versorgen. Mittlerweile jedoch haben die erfolgreichsten Plattformen begonnen, TV-Sender zu imitieren, um wohlhabende Nutzer an sich zu binden. Sie begannen, Sendungen aus dem Ausland zu importieren oder eigene zu produzieren.

Noch mehr Zuschauer könnte den Websites eine Aktion der Regierung in die Arme treiben, die Chinas Rundfunk säubern und "Kernwerte des Sozialismus" mehr in den Vordergrund rücken will. Am vergangenen Sonntag traten Regeln in Kraft, die einen Kahlschlag in einem extrem populären Programmsegment zur Folge hatten. Lokalsender mussten Reality-, Talent- und Datingsendungen aus dem Programm nehmen, die bislang über Satellitenkanäle zu empfangen waren. Den Staatsmedien zufolge sank die Anzahl von zur Hauptsendezeit ausgestrahlten Unterhaltungssendungen von 126 im Dezember auf 38 in der ersten Januarwoche.

"Der Harem des Imperators"

Für die Lokalsender ist das schmerzhaft, während die Rivalen im Netz dank wachsender Umsätze noch mehr Eigenproduktionen finanzieren können. Die juristische Auseinandersetzung zwischen Youku und Tudou wirft ein Schlaglicht auf den Wandel in Chinas Medienlandschaft. Youku wirft Tudou vor, mehr als 60 seiner Sendungen illegal übernommen zu haben, darunter Serien mit Titeln wie "Der Harem des Imperators", "HipHop-Büroquartett" und "Miss Puff". Außerdem zeige Youku japanische Animationsfilme ohne Einverständnis des Rechteinhabers.

Beide Unternehmen sind Aktiengesellschaften, deren Anteile auf US-Märkten gehandelt werden, beide beschuldigen einander, mit juristischen Mitteln Wettbewerbsvorteile erlangen zu wollen. Beide weisen alle Anschuldigungen der Gegenseite zurück. "Youku glaubt, sie können von kostenlosem Traffic leben, ohne die Inhalte zu bezahlen", sagte Tudou-Chef Gary Wang in einer Stellungnahme. Der Rivale versuche "zu verschleiern, dass sie gar nicht so wettbewerbsfähig sind, wie sie behaupten." "Tudou spielt Spielchen", sagte dagegen eine Youku-Sprecherin.

Peking hat es solchen Privatunternehmen gestattet, unter weniger strenger Kontrolle der staatlichen Zeitungen, TV- und Radiosender ein florierendes Geschäft aufzubauen. Möglicherweise wollte man so vermeiden, das rasante Wachstum einer vielversprechenden Hightech-Branche abzuwürgen. Doch die wachsende Beliebtheit der freieren Web-TV-Angebote lässt die Zuschauerzahlen der zu Propagandazwecken wichtigen Staatsmedien schrumpfen. Die kommunistische Führung könnte deshalb entscheiden, die Zügel wieder fester anzuziehen, und sei es nur, um ihr eigenes Mediensystem zu schützen. Eine Pekinger Medienberatungsgesellschaft namens CMM Intelligence warnte schon im März, schärfere Regulierung könnte "private Online-Videosites bedrohen".

445 Millionen potentielle Zuschauer

Die Sites leben von Werbung, haben aber auch Pay-per-View- und andere Premiumdienste im Angebot. Während jedoch die Nutzerzahlen und auch die Umsätze rasant wachsen, müssen die Unternehmen gleichzeitig zunehmend in Bandbreite, Marketing und eigene Produktionen investieren. Die Anzahl der Chinesen, die online Videos ansieht, wuchs CMM Intelligence zufolge von 284 Millionen im Jahr 2010 auf 394 Millionen im Jahr 2011. 2012 könnte sie demnach 445 Millionen übersteigen.

Die Umsätze der Branche wuchsen 2011 in den Monaten von Juli bis September um 139 Prozent auf 1,5 Milliarden Yuan (182 Millionen Euro), berichtet die Analystenfirma Analysys International. Youku hatte einen Marktanteil von 25,6 Prozent, Tudou kam auf 14,5 Prozent. Knapp dahinter lag die Videoseite des Internetportals Sohu Corp. mit 13,3 Prozent.

Youku existiert seit 2006 und hat eigenen Angaben zufolge 200 Millionen Besucher im Monat. Die Quartalsumsätze stiegen nach Unternehmensangaben um 129 Prozent, doch das Unternehmen verzeichnete einen Verlust von 47,5 Millionen Yuan (5,7 Millionen Euro). Tudou hat eigenen Angaben zufolge 90 Millionen registrierte Nutzer und machte 55,6 Millionen Yuan (6,7 Millionen Euro) Verlust, obwohl der Umsatz um 52 Prozent stieg. Es gibt weitere Mitbewerber, etwa Ku6.com, dessen Aktien ebenfalls in den USA gehandelt werden, oder LeTV, mit Aktien an der Börse von Shanghai.

Kooperation mit China Telecom

Youku kooperiert mit der staatlichen China Telecom Ltd., um Videos auf Mobiltelefonen auszuliefern. Im August verkündete das Unternehmen, man habe sich mit DreamWorks Animation darüber geeinigt, deren "Kung Fu Panda"-Filme im eigenen Premiumdienst anbieten zu können. Toudu will Serien des japanischen Senders TV Tokyo schon eine Stunde nach der Ausstrahlung in Japan online zeigen.

Online-Videos verschaffen auch ausländischen Sendern Zugang zum chinesischen Markt, auf dortige Kabelnetze haben sie in der Regel keinen Zugriff. Viacoms MTV Networks, der Discovery Channel und andere haben Vereinbarungen mit Partnern wie der Suchmaschine Baidu getroffen, um in China Inhalte zu vertreiben.

Das Management der staatlichen China Central Television (CCTV) und andere lokale staatliche Sender versuchen ihrerseits, kommerzieller zu werden. Doch die Regierung verbietet den Einsatz ausländischer Sendungen zur Hauptsendezeit und die Ausstrahlung jeglichen Materials, das als anzüglich oder vulgär betrachtet wird. Dadurch sieht das Programm familienfreundlich, aber langweilig aus, dominiert von historischen Epen und Unterhaltungsshows.

Die Video-Websites können dank der laxeren Kontrollen neben ihren eigenen Produktionen ernste und komische Sendungen aus den USA, Taiwan und Europa zeigen. Die Nutzer können Videos auch herunterladen, um sie beim morgendlichen Pendeln im Zug auf ihren Handys anzusehen. Weder die Regierung noch private Analysten publizieren Daten darüber, wie viele Zuschauer dem staatlichen Fernsehen schon vollständig den Rücken gekehrt haben. "Wir wissen alle, dass das im Gang ist, aber niemand will diese Daten veröffentlichen", sagte David Wolf, der Vorstandschef der Wolf Group Asia. "Die Online-Video-Leute haben Angst, dass Statistiken, die zeigen, dass die 'goldene Zielgruppe' das Fernsehen links liegen lässt, um online Videos anzusehen, dazu führen könnten, dass die Regierung auf sie losgeht."

Joe McDonald, AP



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