Online-Werbung Der harmlose Kreuzzug der Pop-up-Hasser

Nachdem der drittgrößte Internet-Provider der USA zum Kampf gegen die ungeliebte Pop-up-Werbung geblasen hat, hoffen manche Surfer darauf, dass andere dem Beispiel folgen. Wohl vergeblich.

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Atlanta - Ein Blick auf die Zahlen hilft, den Unmut zu verstehen: 4,8 Milliarden Pop-up- und Pop-under-Fenster, so schätzen Experten von Nielsen/NetRatings, haben Internetnutzer weltweit allein im Monat Juni beim Surfen unterbrochen, sich über oder unter Browser-Fenster gelegt, die Ladezeit im Netz verlängert.

Waren die Werbe-Windows alter Schule meist schamvoll-klein dimensioniert, blockieren jene neuerer Ausprägung oft mindestens den halben Bildschirm. In mehreren Umfragen haben User die Werbefenster mit teils erdrückender Mehrheit zum schlimmsten Übel im Web erklärt.

Schlag mit der Faust

Vielen Frustrierten und Geplagten scheint ein neuer Kreuzzug gegen die Werbeform überfällig. Nun können sie nach einer Ankündigung aus Atlanta, Georgia, frische Hoffnung schöpfen. In Atlanta hat EarthLink Incorporated seinen Sitz, nach AOL und Microsofts MSN immerhin die Nummer drei der amerikanischen Providerszene. Als Erster aus dem Spitzentrio hat das Unternehmen, in dessen Kundendatei 4,9 Millionen Abonnenten stehen, Pop-up-Ads offiziell und öffentlich geächtet.

So wird die neue EarthLink-Zugangssoftware, TotalAccess 2003 getauft, ein Programm enthalten, das die Werbefenster automatisch ausmerzt, bevor sie den Blick auf die eigentlich angesurfte Website stören. Die nötige Software kauft EarthLink bei FailSafe Technology.

Werbemörder und Revolutionäre

Schon berichten US-Medien mit offenkundiger Freude über die Ankündigung. Die überregionale "USA Today" sieht gar eine lange erwartete Gegenrevolution gekommen, schreibt von einer veritablen Bewegung, die bezwecke, das Pop-up zu "töten". EarthLink wird in den kommenden Monaten mit einer über zehn Millionen Dollar teuren Werbekampagne versuchen, die so gewonnene Aufmerksamkeit noch zu steigern.

Bereits seit Anfang der Woche können Abonnenten, die noch die alte Zugangs-Software benutzen, den Blocker gratis downloaden. Das Logo der Software zeigt eine wuchtige orangefarbene Faust, die suggeriert: Hier wird durchgegriffen und aufgeräumt.

Wechselt MSN das Lager?

Diejenigen, die an eine neue Offensive gegen Pop-up-Fenster glauben wollen, finden durchaus einige Indizien für ihre These. Minderheiten-Browser wie Mozilla und Opera bieten schon seit längerem einen Pop-up-Schutzschild. Microsofts MSN will in der nächsten Variante seiner Zugangssoftware eine eingebaute Pop-up-Bremse anbieten.

Die Frauen-Website iVillage hat nach einer Fülle von Leserbeschwerden angekündigt, bis September Pop-ups zu eliminieren, das Portal InfoSpace.com ist mit einem ähnliche Versprechen vorangegangen. Selbst von AOL heißt es, man habe die Zahl der Pop-up-Fenster auf Drängen der Nutzer reduziert.

Umständliche, unzuverlässige Killer

Und doch bleibt angesichts der vollmundigen Werbesprüche aus Atlanta ein Déjà-vu-Gefühl nicht aus. Firmen wie AbSubtract.com, Meaya Software und viele andere bieten schließlich schon seit Jahren ähnliche Pop-up-Blocker zum Download an, teilweise ebenfalls gratis. Sonderlich erfolgreich waren sie nicht, sagt Ken Smiley, Analyst bei Giga Information, dem Fachblatt "E-Commerce Times" - und nicht ohne Grund.

Denn hundertprozentige Genauigkeit beim Aussortieren von Anzeigen kann bisher keiner der Blocker garantieren, auch die EarthLink-Software nicht. Manche Site-Betreiber verpacken durchaus relevante Informationen, die für kein fremdes Produkt werben, in Pop-up-Form - diese Hinweise entgehen dem Nutzer, der mit angezogener Werbebremse surft. Andere Anzeigen werden unweigerlich durchs Netz des Anzeigenfängers rutschen. Viele Nutzer finden es vermutlich schlicht zu umständlich, den Pop-up-Killer zu initialisieren.

Der Memory-Effekt

Auch gibt es andere Anzeichen, die dafür sprechen, dass die Abwehrfront der Pop-up-Hasser aufweicht. Bedeutende Internetunternehmen wie Amazon.com, Orbitz oder auch die Fluglinie American Airlines haben in den letzten Monaten erst begonnen, ihre Dienste massiv mit Pop-ups in früher unvorstellbaren Größen zu bewerben. Wohl ein Signal für ein Umdenken in der Branche: Werbekunden fürchten nicht mehr, den ewigem Groll der Nutzer auf sich zu ziehen.

Greg Stuart, CEO beim Interactive Advertising Bureau, glaubt gar, dass Surfer die Pop-ups inzwischen wie TV-Werbung oder Werbebriefe behandeln - und bei Desinteresse einfach wegschauen, anstatt sich zu ärgern. Gleichzeitig gelten die Pop-ups - verglichen mit anderen Formen der Online-Werbung - bei Werbern als vergleichsweise effektiv. Wer ein Pop-up nur ein halbes Dutzend Mal weggeklickt hat, merkt sich den Namen des beworbenen Produktes fast unweigerlich. So sind viele Content-Provider im Netz auf die Einnahmen zwingend angewiesen. Das gilt im Übrigen auch für "USA Today". Dieselbe Zeitung, die von der Anti-Fensterchen-Revolution träumt, kommt auf ihrer eigenen Internetpräsenz nicht ohne die obligatorischen Orbitz-Pop-unders aus.

Der Gnom grollt

Und so sieht die angebliche neue Pop-up-Kampagne auf den zweiten Blick aus wie der PR-Gag eines Internet-Providers, der mit seinen Abonnentenzahlen neben dem Giganten AOL wie ein Gnom wirkt - und der seit 1999 keine nennenswerte Erneuerung seiner Zugangssoftware zustande gebracht hat und mit allen Mitteln für sie werben muss.

Gravierende Einnahmeausfälle drohen dem Provider aus Atlanta jedenfalls nicht. Im letzten Quartal hat er weniger als ein Prozent seiner Umsätze durch Anzeigen erlöst. Bei MSN sind es 35 Prozent.



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