»Wir hatten keine Wahl« OnlyFans-Chef gibt Banken die Schuld am Porno-Aus

Nicht Mastercard sei der Grund, warum OnlyFans keine »sexuell expliziten« Inhalte mehr akzeptiert, sagt der Gründer Tim Stokely. Vielmehr seien vor allem drei Banken schuld – und die Medien.
OnlyFans-Creator beim Fotoshooting: »Natürlich wollen wir unsere loyalsten Creators nicht verlieren«

OnlyFans-Creator beim Fotoshooting: »Natürlich wollen wir unsere loyalsten Creators nicht verlieren«

Foto: CRISTIAN HERNANDEZ / AFP

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Die erste Bekanntmachung in der vergangenen Woche klang noch nebulös: Um »die Anforderungen unserer Banken und Zahlungsdienstleister zu erfüllen« und langfristig erfolgreich zu arbeiten, müsse OnlyFans seine Richtlinien »weiterentwickeln«. Deshalb seien ab Oktober keine »sexuell expliziten« Inhalte mehr erlaubt.

Für die Abo-Plattform, auf der eine bis zwei Millionen Menschen exklusive Inhalte an insgesamt 130 Millionen Kundinnen und Kunden verkaufen, ist das ein bedeutender Umbau. Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter hatten insbesondere seit Beginn der Coronapandemie eine sichere Arbeitsumgebung auf OnlyFans gefunden und damit maßgeblich für das Wachstum der Plattform gesorgt, die ihre Zentrale in London hat.

Manche Beobachter hatten sofort Mastercard als vermeintlich Schuldigen für die Richtungsänderung ausgemacht. Denn das Kreditkartenunternehmen hatte im April seinerseits neue Vorgaben für Banken  veröffentlicht, die mit Anbietern von Erwachseneninhalten zusammenarbeiten. Die Institute müssen seither unter anderem sicherstellen, dass die Anbieter bestimmte Standards einhalten: Alle abgebildeten Personen müssen identifiziert sein und ihr Alter verifiziert haben, außerdem muss jedes Video und jedes Foto vor der Veröffentlichung überprüft werden. Das soll die Verbreitung illegaler Inhalte verhindern. Bereits Ende 2020 hatte Mastercard – wie auch Visa – die Zusammenarbeit mit der Pornoplattform Pornhub eingestellt, nachdem ein Autor der »New York Times« berichtete, er habe zahlreiche Videos von Kindesmisshandlungen und nicht einvernehmlichem Sex auf der Seite entdeckt. Leidtragende des Zahlungsstopps waren vor allem Darstellerinnen und Darsteller, die durch Videoverkäufe über das Schwesterportal Modelhub Geld verdienten.

Doch Mastercard weist den Vorwurf, OnlyFans zu boykottieren, zurück. Man habe erst aus den Medien erfahren, dass die Seite künftig keine Hardcore-Pornografie mehr zulassen werde, teilte eine Sprecherin dem SPIEGEL mit. Diese Entscheidung habe OnlyFans selbst getroffen.

»Die kurze Antwort lautet Banken«

OnlyFans selbst beantwortete Presseanfragen tagelang nur mit dem immer gleichen Statement. Am Dienstag aber veröffentlichte die »Financial Times« ein Interview  mit dem Gründer und CEO des britischen Unternehmens, Tim Stokely. Er behauptet darin: »Was die Änderung unserer Richtlinien angeht: Wir hatten keine Wahl – die kurze Antwort lautet Banken«.

Die Anforderungen von Mastercard erfülle man längst. Aber die Banken, sagte Stokely der Zeitung, würden aus Angst vor einem Imageschaden immer höhere Hürden aufbauen, bevor OnlyFans die angeblich 300 Millionen Dollar im Monat an seine Inhalteanbieterinnen und -Anbieter überweisen könne. Drei Banken nannte er namentlich: die Bank of New York Mellon, die britische Metro Bank sowie JPMorgan Chase.

BNY Mellon habe jede Transaktion rund um OnlyFans »markiert und abgewiesen«, was es »schwierig« gemacht habe, die »Creators« genannten OnlyFans-Anbieterinnen und -Anbieter auszubezahlen. Die Bank hatte demnach eine Vermittlerrolle bei Transaktionen zwischen der Bank von OnlyFans selbst und den Banken der Creators.

Die Metro Bank wiederum habe bereits 2019 das Firmenkonto von OnlyFans nach einer kurzfristigen Vorwarnung geschlossen, und JPMorgan Chase sei »besonders aggressiv, wenn es darum geht, die Konten von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zu schließen, oder beliebige Geschäfte, die Sexarbeit unterstützen«, sagte Stokely.

Der Grund für das harte Vorgehen der Banken, so deutete Stokely an, liege in unfairer Berichterstattung von Medien, die OnlyFans vorhielten, auch illegale Inhalte zu verbreiten – ein Problem, das schließlich auch pornofreie soziale Medien hätten: »Banker lesen die gleichen Medien wie jeder andere auch«, sagte er.

Keine der drei genannten Banken wollte laut der »Financial Times« auf die Vorwürfe eingehen. Stokely wiederum wollte nicht sagen, mit welchen Banken OnlyFans derzeit zusammenarbeite. Was damit bleibt, sind Vorwürfe an drei Banken, mit denen das Unternehmen nicht zwingend zusammenarbeiten muss – und die Frage, ob es nicht genug andere Banken gibt, die das bisherige Geschäfts- und Erfolgsmodell von OnlyFans unterstützen würden.

Investoren sind angeblich nicht das Problem

Stokely wies Berichte zurück, wonach Investoren zögerten, einer Plattform Geld zu geben, die auch Sexarbeit unterstützt: »Wir haben unsere Richtlinien nicht geändert, um es leichter zu machen, Investoren zu finden«. Im Gegenteil, man werde keine Geldgeber ins Boot holen, die ein Problem mit Erwachseneninhalten haben. Er selbst würde Pornografie auf jeden Fall zurück auf seine Plattform lassen, wenn die Banken ihr Verhalten änderten. »Diese Entscheidung haben wir getroffen, um die Guthaben und Abonnements (der Creators) gegen zunehmend unfaire Handlungen der Banken und Medienunternehmen abzusichern«, fügte er hinzu. »Natürlich wollen wir unsere loyalsten Creators nicht verlieren.«

Die Ankündigung von OnlyFans auf Twitter  vom vergangenen Wochenende, man arbeite »rund um die Uhr«, um Lösungen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zu finden, hat das Unternehmen bisher allerdings nicht weiter ausgeführt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.