OnlyFans verbannt Pornografie »Es fühlt sich wie Verrat an«

OnlyFans wurde durch sexuelle Inhalte überhaupt erst bekannt, verbietet diese künftig aber weitgehend. Betroffene berichten, wie ihnen die Plattform damit die Lebensgrundlage entzieht.
OnlyFans-Anbieterin Bonny Lang: »Was kommt als Nächstes?«

OnlyFans-Anbieterin Bonny Lang: »Was kommt als Nächstes?«

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Bonnie Lang

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Unsicherheit und Wut liegen in der Luft: Die Plattform OnlyFans teilte diese Woche mit, dass sie ab dem 1. Oktober 2021 kein »sexuell explizites Verhalten« in Bildern und Videos mehr dulden werde. In den sozialen Medien sorgte die Meldung für einige Verwunderung und Spott, sei ein OnlyFans ohne Sex doch wie ein »Meer ohne Wasser«. Regelrecht dramatisch jedoch ist die Lage für jene Menschen, die einen großen Teil ihres Einkommens über die Plattform beziehen.

OnlyFans sitzt in Großbritannien, hat 130 Millionen Nutzerinnen und Nutzer sowie zwei Millionen Inhalteanbieter und hat 2020 einen Vorsteuergewinn von 74 Millionen Dollar  erzielt. Die Plattform ist in den vergangenen Jahren aber auch zu einer vergleichsweise einfachen und sicheren Möglichkeit für Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen geworden, Geld zu verdienen. Größtenteils unabhängig von Geschlecht, Körperform und Hautfarbe konnten sie hier mitunter große Fangemeinden aufbauen, mit denen sie monatlich bis zu fünfstellige Beträge verdient haben. »Gerade Frauen haben dadurch die Option bekommen, selbstständig in diesem Bereich zu arbeiten. Sie konnten entscheiden, was sie machen, wann sie es machen und wie sie es machen – ohne Zuhälter im Spiel«, sagt Bonny Lang, deren Künstlername Bonny Tagesbrise lautet. Die 25-Jährige bietet Erotik-Content auf OnlyFans an, aber keine Pornografie. Nach ihren Angaben gehört sie zu den erfolgreichsten 0,2 Prozent Anbieterinnen (Creator genannt). Sie gehe davon aus, dass die neuen Richtlinien sie nicht treffen werden, »aber nach so einem Schritt kommen schon Fragen: Was kommt als Nächstes? Ist das noch eine verlässliche Plattform?«

In den neuen Nutzungsrichtlinien beschreibt OnlyFans , welche Inhalte ab dem 1. Oktober nicht mehr gestattet sind: Geschlechtsverkehr, ob simuliert oder echt und unabhängig ob oral, genital oder anal. Ebenso wird Masturbation unterbunden, das Zeigen von Körperflüssigkeiten sowie Darstellung des Anus »oder Genitalien einer Person in extremer oder anstößiger Weise«. In dieser Beschreibung wird klar, dass eigentlich nichts klar ist. Ist eine Vagina schon anstößig? Ein Penis? Ein Nippel gar?

OnlyFans wurde zum Synonym für sexuelle Inhalte mit Bezahlschranke

»OnlyFans hat eine Marktlücke gefüllt, die sie jetzt wieder abgeben – und damit drängen sie Menschen von der Plattform, die nun andere Schritte gehen müssen, um ihr Gehalt zu verdienen«, sagt Bonny Lang. Sie selbst denke bereits darüber nach, auf eine andere Plattform zu wechseln. Konkurrenzprodukte zu OnlyFans gibt es inzwischen einige. Bestfans etwa sitzt in Hamburg und funktioniert wie das Vorbild: User zahlen einen monatlichen Beitrag, für den sie die Inhalte eines Creators sehen können. In den Geschäftsbedingungen von Plattformen wie Bestfans steht: »Creator sind auch berechtigt, pornografische und jugendgefährdende Inhalte hochzuladen und zu veröffentlichen.«

Für Bonny Lang ist OnlyFans die größte und wichtigste Einnahmequelle, sie hat dort 2000 Abonnenten. Auf eine andere Plattform wechseln zu müssen, würde bedeuten, neu eine Followerschaft aufzubauen. »Das wäre sicher möglich, aber mit viel Arbeit verbunden«, sagt sie. Zumal der Name OnlyFans inzwischen so bekannt sei, dass er synonym stehe für sexuelle Inhalte hinter einer Abo-Schranke.

Für Menschen mit kleinerem Publikum als Bonny kann die Entscheidung des Unternehmens noch drastischere Auswirkungen haben. »Durch die Pandemie hat mein Vorhaben, als Fotografin zu arbeiten, pausieren müssen«, sagt Jev, die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte. Sie ist 24 Jahre alt und bietet auf OnlyFans auch explizite Inhalte an: Fetische, Kinks, Pornografie. Die Arbeit als Sexarbeiterin auf der Plattform sei für sie eine Chance, unkompliziert Geld zu verdienen. Von zu Hause, unter ihren eigenen Bedingungen.

So wie Jev geht es vielen der Creators auf OnlyFans. Der SPIEGEL hat mit mehreren von ihnen gesprochen. Männer und Frauen, die einen sicheren und – vermeintlich – zuverlässigen Ort gefunden hatten, um ihrer Sexarbeit nachzugehen. Von erotischen Fotos zu explizitem Sex: Hier bestand die Möglichkeit, unter eigenen Vorzeichen ein Angebot zu schaffen und sich so eine Followerschaft aufzubauen – mit der Option, unangenehme Menschen zu bannen. »Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen werden nach wie vor überall stigmatisiert und oft lediglich geduldet«, sagt Jev. OnlyFans sei eine Möglichkeit gewesen, diese Stigmatisierung zu bekämpfen: »Sexarbeit existierte dort bisher neben anderen Künstlern und Musikern und war nicht mehr nur etwas, das man sonst von zwielichtigen pornografischen Seiten kennt«, sagt sie. Jetzt wird dieser sichere Raum geschlossen. »Es fühlt sich wie Verrat an«.

OnlyFans behält 20 Prozent der Einnahmen ein, hat also bislang an expliziten Inhalten, mit denen die Plattform überhaupt erst große Bekanntheit erlangt hat, gut verdient. Nun sollen sich diese Menschen eine neue suchen. Max Hunter, ein Künstlername, ist einer davon. OnlyFans war für ihn bisher eine lukrative Einnahmequelle, mit der er sich mal eine Reise oder eine größere Anschaffung leisten konnte. Er hat das jedoch nicht professionell betrieben: keine ausgeleuchteten Bilder, aufgenommen mit teurem Equipment. Vielmehr hat er spontane Sexvideos aufgenommen, mit der Kamera des Smartphones – immer dann, wenn er einen anderen Mann traf, der auch Lust darauf hatte. Max versteht nicht, wieso OnlyFans diesen Schritt nun geht, verweist auf das Schicksal von Tumblr. Die Plattform hat ebenfalls vor einigen Jahren Pornografie und Nacktheit verboten und sich davon nicht erholt. Hunter plant bereits, sich bei einer anderen Plattform anzumelden: JustForFans, die die Situation nutzten, um zu verlautbaren , dass sie alle Sexarbeiter bei sich willkommen heißen.

OnlyFans verweist auf Vorgaben von Zahlungsdienstleistern

BestFans, JustForFans und selbst Alternativen, die mit Kryptowährung funktionieren : Die Creator von sexuell expliziten Inhalten, mit denen der SPIEGEL gesprochen hat, planen, die Plattform zu wechseln, und hoffen, sich schnell eine neue Followerschaft aufbauen zu können, denn sonst drohen Umsatzeinbrüche. Es bleibt die Frage, wieso OnlyFans diesen Schritt geht. In einer Mail an die Creator, die dem SPIEGEL vorliegt, begründet der Anbieter das wie folgt: »Wir sind zunehmend auf große Bankinstitute und Zahlungsabwickler angewiesen, die Zahlungen zwischen Fans und Creators ermöglichen.« Die neuen Regeln würden sich nach den Erfordernissen dieser Institutionen richten. Gemeint sind damit wohl die neuen Statuten von Mastercard . Durch diese sollen »illegale Inhalte für Erwachsene« – die es laut einem BBC-Bericht  immer wieder bei OnlyFans gibt – unterbunden werden. Das bedeutet etwa, dass Anbieter, die Mastercard zur Zahlungsabwicklung nutzen, alle Inhalte vor Veröffentlichung prüfen müssen. Für OnlyFans wäre das anscheinend ein zu aufwendiger Prozess.

Wenn Sie interne Informationen über die Moderation von OnlyFans-Inhalten haben, können Sie das Netzwelt-Ressort des SPIEGEL per Mail kontaktieren . Sie können zur Kontaktaufnahme auch unseren anonymen Briefkasten für Informanten nutzen.

Alle pornografischen Inhalte zu verbieten und bei Verstoß Profile zu sperren, scheint unkomplizierter zu sein, trifft aber den Markenkern eines Unternehmens, das durch genau diese Inhalte bekannt geworden ist. »Die werden einen massiven Einbruch an Einnahmen haben«, vermutet Bonny Lang.

Jev sagt: »Ich weiß, dass es hauptsächlich an den konservativ eingestellten Banken liegt, die Sexarbeit nicht tolerieren. Vor einem Jahr, als die Plattform so bekannt wurde, schien es aber kein Problem zu sein.«

Auf Nachfrage bei OnlyFans, wie viele Creator sie hosten, die expliziten Content anbieten, und ob sie keinen Massenexodus befürchten, kam bisher keine Antwort. Die Hoffnung dürfte sein, dass stattdessen andere Creator die Plattform nutzen: prominente Musiker, Künstlerinnen oder Sportler. Doch ist fraglich, wieso diese sich für OnlyFans entscheiden sollten, wenn mit Patreon oder Steady bereits etablierte Anbieter auf dem Markt sind.

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