Foto:

SPIEGEL

Patrick Beuth

OnlyFans Zu viel Sex

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth

Liebe Leserin, lieber Leser,

Krisen-PR ist eine Kunst, die OnlyFans nicht beherrscht. Das beweist ein Tweet des Unternehmens  vom vergangenen Wochenende, in dem es wörtlich übersetzt heißt »Liebe Sex-Arbeiterinnen und Sex-Arbeiter, die OnlyFans-Gemeinde wäre ohne euch nicht das, was sie heute ist. Die Änderung unserer Richtlinien war notwendig, um Banken- und Zahlungsdienstleistungen sicherzustellen, die euch unterstützen. Wir arbeiten rund um die Uhr, um Lösungen zu finden. #SexarbeitistArbeit«

Ich übersetze Ihnen das noch einmal etwas freier: »Wir wären ohne euch nicht so unverschämt reich geworden, wie wir es heute sind. Die Änderung unserer Richtlinien stellt sicher, dass ihr eure Arbeit bei uns nicht mehr wie gehabt machen könnt, aber vielleicht mögt ihr ja was anderes machen. Wir haben bisher auch keinen besseren Vorschlag. #SexarbeitistArbeitaberbittenichthier«

Der Tweet ist das bisher einzige Statement von OnlyFans, seit das britische Unternehmen am 19. August bekannt gegeben hat, pornografische Inhalte künftig nicht mehr zu gestatten.

Welche Banken und Dienstleister den Richtungswechsel erzwungen haben sollen, hat OnlyFans noch nicht verraten. Wegen seiner im April veröffentlichten strengeren Vorgaben  für Banken, die mit Anbietern von Erwachseneninhalten wie eben OnlyFans zusammenarbeiten, gilt Mastercard als heißer Kandidat. Diese Vorgaben bedeuten, dass OnlyFans nicht nur alle abgebildeten Personen identifizieren muss, sondern auch alle Inhalte vor deren Veröffentlichung zu überprüfen hat. Allerdings hat MasterCard mittlerweile zurückgewiesen, irgendetwas mit der Entscheidung von OnlyFans zu tun zu haben .

OnlyFans-Website: »Liebe Sex-Arbeiterinnen und Sex-Arbeiter«

OnlyFans-Website: »Liebe Sex-Arbeiterinnen und Sex-Arbeiter«

Foto: ANDREW KELLY / REUTERS

Die Betroffenen wissen seither nur, dass sie bei OnlyFans ab Oktober entweder nur noch nicht-extreme Nacktbilder von sich veröffentlichen dürfen, wobei die Grenze des Erlaubten ziemlich unscharf ist, oder sich eine andere Plattform für ihre Arbeit suchen müssen.

Im Gegensatz zu OnlyFans haben und teilen sie auf Twitter immerhin schon einige Ideen, auch wenn keine davon alle Probleme lösen wird.

  • Die naheliegendste lautet: einfach woanders hingehen, OnlyFans-Alternativen , die ähnlich funktionieren, aber mit anderen Zahlungsanbietern arbeiten, gibt es reichlich. Sie heißen JustForFans, FanCentro, PocketStars oder Frisk.

  • Zudem sollen Betroffene zusehen, alle ausstehenden OnlyFans-Zahlungen einzutreiben, um dem Unternehmen nicht auch noch Geld zu schenken. Ein Selbstläufer ist das nicht, wie ein Blick in den Abschnitt »Earnings and Payouts« auf der OnlyFans-Hilfeseite  zeigt.

  • Wer OnlyFans verlassen will, solle die Zeit bis Oktober nutzen, um eine eigene Website mit alternativen Zahlungsmethoden aufzusetzen und die E-Mail-Adressen der eigenen OnlyFans-Abonnenten und -Abonnentinnen zu sammeln, um sie gezielt dorthin zu dirigieren .

  • Und auch diesen Aufruf gibt es: Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter sollen in Gewerkschaften eintreten , um öffentlich sichtbarer zu werden und für ihre Anliegen lobbyieren zu können.

Letzteres dürfte OnlyFans selbst zunächst wenig beeindrucken. Aber das Unternehmen ist ja keine Ausnahme: Die funktional vergleichbare Plattform Patreon bekam schon 2014 Druck von PayPal, die Pornoseite Pornhub und besonders die dort vertretenen Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wurden Ende 2020 von Visa und Mastercard mehr oder weniger kaltgestellt.

Was hier seit Jahren  passiert, ist also größer als OnlyFans – es geht um die Zukunft von Sexarbeit im Internet. Eigentlich ist es sogar noch größer, es geht letztlich um die Macht von Zahlungsdienstleistern über das, was online erlaubt ist und was nicht, sei es auf Plattformen oder kleinen privaten Websites.

Außer natürlich, die Zahlungsdienstleister-Erklärung entpuppt sich doch noch als Ablenkungsmanöver. OnlyFans, berichtete Axios vergangene Woche , hat Probleme, Investoren zu finden. Zu viel Sex auf der Seite schreckt sie ab, so soll es sinngemäß in internen Unterlagen stehen.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »Judging by the Cover«  (Video, Englisch, 58 Minuten)
    Was verraten Instagram und Co. über ihre Nutzerinnen und Nutzer? Die Psychologin und Social-Engineering-Expertin Christina Lekati hat im Rahmen der DEF CON einen Vortrag über das Profiling von Menschen anhand ihrer Social-Media-Präsenz gehalten. Auf YouTube kann man ihn sich jetzt ansehen.

  • »Facebook Shuts Down Research On Itself«  (Podcast, Englisch, 59 Minuten)
    Detailreiches, wenn auch einseitiges Gespräch über Facebooks harsches Vorgehen gegen Forscherteams, die Facebook-Daten erheben, ohne es vorher mit dem Unternehmen abzustimmen.

  • »Amazons Alexa: Eltern meiden ›verdorbenen Vornamen‹«  (2 Leseminuten)
    Amazon hat dafür gesorgt, dass kaum noch jemand die eigene Tochter Alexa nennen will. Dafür sollte es eigentlich irgendeinen Branchenpreis geben, finde ich.

Ich wünsche Ihnen eine stressfreie Woche!

Patrick Beuth