20 Jahre Open Source Initiative Keine Angst mehr vor dem "Krebsgeschwür"

Mozilla, Linux und viele andere Open-Source-Projekte sind heute fester Bestandteil des digitalen Alltags. Den Grundstein dafür legten Aktivisten vor genau 20 Jahren in Kalifornien.
Im Jahr 2009 feierte Mozilla den 1.000.000.000. Download des Firefox-Browsers

Im Jahr 2009 feierte Mozilla den 1.000.000.000. Download des Firefox-Browsers

Foto: AP

Steve Ballmer und Linus Torvalds haben etwas gemeinsam: die Unfähigkeit, sich diplomatisch auszudrücken. Was den für seine Zornesröte bekannten ehemaligen Microsoft-Chef und den ewig fluchenden Linux-Erfinder voneinander unterscheidet, zeigte sich 2001 in einem Interview , das Ballmer der "Chicago Sun Times" gab. "Linux ist ein Krebsgeschwür", sagte er damals, das "alles befällt, was es berührt".

Seine vom Reporter unwidersprochene, aber realitätsverzerrte Begründung lautete: "Die Art und Weise, wie die Lizenz formuliert wurde, sorgt dafür, dass Sie Ihre gesamte Software als Open-Source-Software deklarieren müssen, sobald sie irgendeine Open-Source-Software verwenden."

Ballmer hatte also eigentlich kein Problem mit Linux an sich - tatsächlich lobte er das System im selben Interview als "guten Wettbewerber" - sondern mit der Lizenz, die den Umgang mit Linux regelte . Sie besagte, vereinfacht gesagt, dass man Software, die man auf der Basis von Linux entwickelt, nur als Open-Source-Software verbreiten darf. Was dem Geschäftsmodell von Microsoft - dem Verkauf von Softwarelizenzen - fundamental entgegenlief.

Eine Folge des "Browser-Kriegs"

Linux war zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre alt. Lange zuvor hatte bereits ein anderes Projekt den Softwarekonzern aufgeschreckt: 1993 hatte Marc Andreessen an der University of Illinois den ersten Webbrowser, Mosaic genannt, entwickelt und sich später mit Netscape daran gemacht, seine Software zur führenden Plattform im damals noch jungen World Wide Web zu machen. Microsoft-Gründer Bill Gates nahm die Herausforderung an, ließ den Internet Explorer entwickeln und zettelte damit den sogenannten "Browser-Krieg" an, den Netscape schließlich verlor.

Netscape ging aber nicht spurlos unter, sondern hinterließ der Szene den Quelltext des Netscape Navigators, der wirtschaftlich nicht mehr verwertbar schien. Aus diesem Code entstand später das äußerst erfolgreiche Mozilla-Projekt mit dem Firefox-Browser.

Die Kathedrale und der Basar

Die Netscape-Führung ließ sich bei ihrer Entscheidung maßgeblich vom Essay "Die Kathedrale und der Basar " leiten, das der Open-Source-Aktivist Eric S. Raymond erstmals am 22. Mai 1997 auf einem Linux-Kongress in Würzburg öffentlich vorgetragen hatte.

In dem Text beschreibt Raymond die Vor- und Nachteile der im Open-Source-Bereich inzwischen weitverbreiteten Entwicklungsmethode des "Basars" gegenüber der traditionellen Methode, die er "Kathedrale" nennt. "Nach Auffassung der Erbauer der Kathedrale sind Programmierfehler und Entwicklungsprobleme knifflige, tiefgehende und heimtückische Erscheinungen." Es bedürfe monatelanger Analyse, um Zuversicht in die Fehlerfreiheit des Codes zu bilden: "Daher die langen Intervalle zwischen den Freigaben und die langen Gesichter, wenn ein lang erwarteter Release nicht fehlerfrei ist."

Auf dem Basar funktioniere das ganz anders. "Man geht davon aus, dass Fehler ein sehr triviales Phänomen sind, [...] wenn [der Code] tausend begeisterten Mitentwicklern ausgesetzt wird, die nach jedem neuen Release darauf herumtrampeln."

Mit kostenloser Software Geld verdienen

Vor 20 Jahren, am 3. Februar 1998, traf sich Open-Source-Vordenker Raymond mit anderen Aktivisten in Palo Alto im Herzen des Silicon Valley, um die Open Source Initiative (OSI) als gemeinnützige Organisation zu gründen - und einen moralisch weniger aufgeladenen Umgang mit quelloffener Software zu formulieren als die Freie-Software-Bewegung um Richard Stallman. Seitdem wacht die OSI über die Grundprinzipien: Der Quellcode von Software darf kein Betriebsgeheimnis sein, sondern wird allen Interessierten offen bereitgestellt. Dann können andere ihn verbessern und ergänzen, müssen ihn aber wieder für die Community bereitstellen.

Diese Grundidee schien über Jahre hinweg mit dem kommerziell betriebenen Softwaregeschäft kaum vereinbar. Wie kann man mit "freier" (im Sinne von Freiheit, nicht Freibier) Software Geld verdienen, wenn diese in der Regel kostenlos verteilt wird? Und wie funktioniert ohne klassische Hierarchie-Strukturen eine Qualitätskontrolle?

Die Aktivisten fanden darauf Antworten. So wurden beispielsweise Linux-Firmen wie SuSE und Red Hat kommerziell erfolgreich, weil sie kostenpflichtige Dienstleistungen rund um offene Software bereitstellen. Google erwirtschaftet seine Werbemilliarden auch auf der technischen Basis von Open-Source-Projekten.

Die Hölle ist zugefroren

Die damals etablierten Softwarekonzerne taten sich aber schwer mit der Idee. Steve Ballmer erhielt auch von Branchenkollegen viel Beifall für seine Verdammung der offenen Software als "Krebs". Die Open-Source-Kritiker konnten letztlich aber nicht verhindern, dass offene Projekte wie das Betriebssystem Linux, die Software-Entwicklungsplattform Git oder die inzwischen zu Oracle gehörende Datenbank MySQL heute quasi flächendeckend eingesetzt werden.

Ballmer-Nachfolger Satya Nadella hat längst seinen Frieden mit den Open-Source-Plattformen geschlossen. So sorgte er dafür, dass in der Microsoft-Cloud-Plattform Azure auch Linux - und nicht nur das hauseigene Betriebssystem Windows - einen Platz finden kann. Als Nadella 2016 eine Kooperation mit dem Linux-Anbieter Red Hat ankündigte, erschien hinter ihm eine Folie, auf der "Microsoft loves Linux" zu lesen war. Das Fachmagazin "PC World" titelte zwar "Die Hölle friert zu".  Aber selbst Steve Ballmer erkannte öffentlich an , dass die Zeiten sich geändert haben.

Christoph Dernbach, dpa / pbe
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.