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21. Mai 2019, 07:02 Uhr

Europawahl

Forscher halten Falschmeldungen für überschätztes Problem

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Verbreiten Facebook und Twitter vor der Europawahl massenhaft irreführende Artikel? Oxford-Forscher sagen: Die Gefahr ist geringer als gedacht.

Die Mehrheit der Deutschen geht angeblich davon aus, dass gezielte Falschmeldungen die Europawahl beeinflussen können. "Sehr hoch" oder "eher hoch" sei diese Gefahr, antworteten 71 Prozent der Befragten in einer Untersuchung, die die Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers (PwC) am vergangenen Freitag veröffentlicht hat. 44 Prozent halten es für möglich, dass sie selbst Falschmeldungen nicht als solche erkennen und davon in ihrer Wahlentscheidung beeinflusst werden.

Gleichzeitig befand die EU-Kommission, Facebook, Google und Twitter hätten zwar Fortschritte beim Schutz der Europawahl vor Desinformationskampagnen gemacht, müssten aber dennoch mehr tun, um die Integrität ihrer Dienste zu gewährleisten.

Zusammengenommen scheinen das düstere Aussichten für die Wahl zu sein, die schon in wenigen Tagen stattfinden wird. Doch das Oxford Internet Institute (OII) hat eine ganz andere, viel positivere Botschaft: Falschmeldungen mit Bezug auf die Europawahl sind ein überschätztes Problem. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie hervor, deren Ergebnisse dem SPIEGEL vorab vorlagen.

Nur sehr wenige Links führen zu RT und Sputnik

Die OII-Forscher haben zum einen zwischen dem 5. und 20. April insgesamt 584.062 Tweets mit Bezug zur Wahl analysiert. Ausschlaggebend waren entsprechende Europawahl-Hashtags in den jeweiligen Sprachen, wie zum Beispiel #euwahl oder #europawahl2019, aber auch #europaparlament. 137.658 dieser Tweets verlinkten auf Nachrichtenartikel - und die Adressen haben die Forscher der britischen Eliteuniversität in seriöse Quellen und "Junk News" unterteilt. Als "Junk-News" definieren sie "ideologisch extreme, irreführende und faktisch inkorrekte Informationen". Beispielhaft genannt werden "Infowars" von Verschwörungstheoretiker Alex Jones und die deutsche neu-rechte Website "journalistenwatch.com".

Zum anderen haben die OII-Forscher auf Facebook die jeweils fünf populärsten "Junk-News-Portale" in Deutschland, Großbritannien, Polen, Italien, Spanien und Schweden mit den beliebtesten etablierten News-Websites verglichen, und zwar in Bezug auf die Reaktionen, die sie innerhalb eines Monats auf Facebook auslösten.

Die Ergebnisse: Auf Twitter ist der Anteil an Junk News zur Europawahl gering. Das OII hat zehnmal mehr seriöse Tweets von Medien, Parteien, Politikern und Bürgern in deutscher Sprache identifiziert als irreführende Botschaften. In Großbritannien, Frankreich und Spanien waren es noch weniger. Einzig in Polen zählten sie mehr Junk-Tweets als seriöse Nachrichten, das Verhältnis lag hier bei 1,6:1. Insgesamt führten weniger als drei Prozent aller untersuchten Links auf Desinformations-Websites. Nicht einmal ein Prozent führte auf Inhalte der bekannten russischen Angebote RT und Sputnik.

Auf Facebook bekommen die Junk-News-Portale für einzelne Posts deutlich mehr Kommentare, Likes und Shares als seriöse Medien - in Deutschland zum Beispiel gut sechsmal so viele. Das sei thematisch bedingt, schreiben die Oxford-Forscher, denn typische Junk News setzten auf billige Klickanreize, emotionale Ansprache und Wut erzeugende Überschriften. Aber weil die etablierten Medien sehr viel mehr Artikel veröffentlichten, erreichten sie in der Summe trotz geringerer Shares deutlich mehr Menschen.

Wie bei jeder Studie muss man auch hier gewisse einschränkende Faktoren berücksichtigen: Der Zeitraum der Datenerhebung war nicht besonders lang, und der Einfluss von Twitter als Netzwerk für Multiplikatoren wie etwa Journalisten lässt sich mit einer bloßen Link-Zählung nicht erschöpfend darstellen. Entscheidend wäre, ob die dort geteilten Links von anderen Medien in ihren eigenen Berichten aufgegriffen werden. Zudem können professionelle Desinformationskampagnen viel schwerer zu erkennen sein als einzig anhand von Hashtags auf Twitter oder viraler Verbreitung auf Facebook.

Dennoch sehen die OII-Forscher in ihren Ergebnissen etwas Beruhigendes. Lisa-Maria Neudert, eine der Autorinnen der Studie, sagte dem SPIEGEL: "Desinformation in sozialen Netzwerken wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird". Zumindest sei die Europawahl offenbar "weder als Ziel, noch als Inhalt wahnsinnig attraktiv" für Desinformationen. "Einzelne virale Storys, die sehr viele Menschen erreichen, könnten eine Wirkung haben", doch die eigentliche Gefahr bestehe auf einem "Meta-Level", nämlich in der überhitzten Debatte über die Macht von Desinformation.

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