P2P-Kampagnen Kampf um Köpfe und Kunden

Die Zeiten, in denen man sorgenfrei Musik downloaden konnte, sind vorbei. Die Industrie kämpft mit Werbekampagnen und Klagen für und gegen ihre Kunden. Die P2P-Lobby hält dagegen und mahnt eine neue Zeit an. Sie will keine Einigung mit der Industrie, sie will sie verändern.

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Anthony Townsend ist Internet-Serviceprovider in New York, ein "ISP", wie man so sagt. Seit dem Frühjahr waren gerade sie die ersten Adressaten für die Abmahnungen der amerikanischen Musikindustrie-Lobby RIAA: Die verfolgte anfänglich P2P-Nutzer bis zu ihrem Serviceprovider zurück und verlangte dann die Abmahnung des Kunden, im Extremfall dessen Kündigung. Ein ISP, der einer solchen Aufforderung nicht folgte, musste selbst mit einer Klage rechnen. Inzwischen verlangt die RIAA bekanntlich gleich die Offenlegung der Kunden-Identität, um diesen direkt verklagen zu können.

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Post von der RIAA bekam auch Anthony Townsend, für ihn ein enormes Problem: Seine Firma NYCWireless hat sich darauf spezialisiert, den öffentlichen Raum per Wlan surfbar zu machen. Seine "Kunden" sind mit Laptops bewaffnete Passanten, die in Cafés oder auf Parkbanken sitzend kurze Zeit Gast in seinem Netzwerk sind und dort schnell, bequem und kostenfrei auch per KaZaA die Musikindustrie beklauen. Macht das Townsend schuldig oder nur arbeitslos?

Es zeigt zumindest, dass das Problem P2P längst nicht so trivial ist, wie es zunächst scheint. So, wie die Betreiber der Börsen teils erfolgreich vor Gericht argumentierten, die Verletzung von Urheberrechten durch tauschende P2P-Nutzer sei ein Missbrauch der von ihnen entwickelten Tauschsoftware, argumentieren auch ISPs, nicht für jeden Ge- und Missbrauch des von ihnen zur Verfügung gestellten Netzwerkes verantwortlich sein zu können.

Sie sehen sich wie Telefonunternehmen oder Postdienste als Mittler von Nachrichten und Daten und durchaus nicht dafür zuständig, ihre Kunden zu zensieren, zu überwachen und zu denunzieren. Für die ISPs der neuesten Generation ist das zudem eine völlig unmögliche Aufgabe: Sie kennen ihre Wlan-Gäste noch nicht einmal. Für Townsend sind die Abmahnungen an ISPs nichts anderes als ein "Hau den Sack und mein' den Esel".

Doch vielleicht ist gerade der Trend zu solchen mobilen, weitgehend anonymen Netzen ein Grund für die unerbittliche Härte, mit der jetzt zunächst die amerikanische Musikbranche auf ihre verlorenen Kunden einschlägt: Der Branche geht der Allerwerteste auf Grundeis. 871 Kundenidentitäten, melden die Agenturen, habe die RIAA in der letzten Woche offen gelegt. Und dahinter verbergen sich nicht etwa nur die "großen Fische", wie anfänglich behauptet. Manche der gerichtlichen Anordnungen zur Offenlegung der ISP-Kundendaten sind mit nicht mehr als drei zum Tausch angebotenen Musikstücken begründet.

Mit der Peitsche gegen P2P

Das, sagt eine RIAA-Sprecherin, dürfe man aber nicht missverstehen: Nicht alle der "Subpoenas" genannten Verfügungen seien mit einem vollständigen Katalog der durch den P2P-Nutzer angebotenen illegalen Tauschware begründet. Zwei, drei reichen ja auch: Die RIAA plant Klagen gegen die P2P-Nutzer über Schadenshöhen von 150.000 Dollar pro angebotenem Song.

Gleichzeitig zeigt sie - ein versöhnliches Signal - Bereitschaft zur außergerichtlichen Einigung. Die kostete die ersten vier Studenten, die die RIAA im Frühsommer vor Gericht zog, rund 15.000 Dollar pro Nase - zur Abschreckung reicht das wohl, zur kleinen Bilanzsanierung im Zweifel auch. Denn geplant sind, wenn nötig, Tausende von Verfahren. Das Ziel: P2P zu unterbinden.

Das, glaubt die Electronic Frontier Foundation EFF, sei nicht mehr möglich. Seit Mitte der neunziger Jahre schon predigen ihre Vertreter den Beginn einer neuen Zeit, die viele althergebrachte Industriestrukturen hinwegwischen werde. Kandidat Nummer eins für eine solche revolutionäre Veränderung: die Musikindustrie.

"Der große Kulturkampf hat begonnen", schrieb der EFF-Mitbegründer und ehemalige Greatful-Dead-Songtexter John Perry Barlow im Oktober 2000 in einem damals viel beachteten, aber auch oft verlachten Essay für "Wired". Der Titel des - in Rückschau - durchaus visionären, wenn auch über-euphorischen Stückes: "The Next Economy Of Ideas".

EFF-Kampagne für P2P: "Music to our ears"

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Barlow führte hier einen Gedankengang fort, den er bereits im März 1994, fünf Jahre vor Napster, in seinem "Wired"-Artikel "The Economy of Ideas" begonnen hatte. Vorweggenommen die Moral: Das Copyright sei tot und in einer Welt, in der die Daten stets kopierbar fließen, nicht zu retten. Das alles sei auf eine Formel zu bringen, die die Frühzeit des World Wide Web als Motto beherrschte:

"Information wants to be free"

Fünf Jahre später lieferte ihm Napster, die von Shawn Fanning erfundene Tauschbörse, den Beweis. Mit Barlow-typischen Pathos hart an der Niedlichkeitsgrenze brachte er den erst heute, drei Jahre später, wirklich ernsthaft aufflammenden Konflikt aus seiner Sicht auf den Punkt: "Was durch die globalen Peer-to-Peer-Netze geschieht, unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem, was geschah, als den amerikanischen Siedlern klar wurde, dass sie von der britischen Krone nicht fair behandelt wurden: Die Kolonisten mussten diese Macht von sich abschütteln und eine Ökonomie entwickeln, die ihrer neuen Umwelt angemessener war."

Unter dem Strich bleibt das bis heute die Botschaft der EFF: Die alten Verwertungsketten seien überholt, neue müssten geschaffen werden. Seit heute wirbt die EFF in Amerika mit einer Anzeigenkampagne für diese Ideen: "Sind Sie es müde, wie ein Krimineller behandelt zu werden, weil sie online Musik teilen?", fragt ein Anzeigenmotiv im "Rolling Stone" dieser Woche. "File-Sharing: It's music to our ears".

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