Parler, 8kun und »thedonald« Der Mob aus den Paralleluniversen

Der Sturm auf das Kapitol war auch ein Sturm der Onlinetrolle. In alternativen Netzwerken hatten sie die Aktion für jedermann sichtbar geplant. Aber die Sicherheitsbehörden schauen dort offenbar noch immer nicht hin.
Beim Sturm auf das Kapitol schwenken Trump-Unterstützer die Flagge von »Kekistan« – ein Symbol aus einer rechtsextremen Foren-Subkultur

Beim Sturm auf das Kapitol schwenken Trump-Unterstützer die Flagge von »Kekistan« – ein Symbol aus einer rechtsextremen Foren-Subkultur

Foto: Evelyn Hockstein / The Washington Post via Getty Images

 »Wir lieben euch, ihr seid großartig«, rief Donald Trump seinen Anhängern in einem getwitterten Video zu, nachdem diese am Mittwochnachmittag das Kapitol gestürmt hatten. Doch obwohl Twitter das Video kurz darauf löscht, können Trumps Anhänger die Botschaft woanders ungehindert weiterverbreiten: in alternativen sozialen Netzwerken, deren große Stunde gerade schlägt.

Plattformen wie Parler, Gab, »thedonald« oder 8kun sind für rechte und rechtsextreme Trump-Anhänger längst zu einer wichtigen Ausweichplattform geworden. Was die großen Techkonzerne sperren, wird hier besonders gern weitergereicht. Die Betreiber scheinen nahezu alle Inhalte zu erlauben, während Strafverfolgungsbehörden die Seiten offenbar nicht auf dem Schirm haben.

DER SPIEGEL

Schon Tage bevor am 6. Januar das Kapitol gestürmt wurde, sprachen Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook und Twitter, erst recht aber auf den alternativen Plattformen ganz offen darüber, dass sie genau das vorhaben. Manche diskutierten sogar, ob sie Waffen mitbringen sollten – und wenn ja, welche. Zusammen mit anderen rechtsextremen Gruppen und Milizen machten sie wenig später ernst und zogen aus einem wenig beachteten Internet-Paralleluniversum auf die große Weltbühne.

Dass die Polizei von Washington nun behauptet , man habe »keine Informationen über einen Angriff auf das Kapitol gehabt«, scheint absurd, wenn ein Blick in die Netzwerke genügt hätte, um davon zu erfahren. Es wirkt, als unterschätzten Sicherheitsbehörden die Bedeutung der radikalen, aber reichweitenstarken Szene rechter Onlinenetzwerke noch immer.

Diese Plattformen funktionieren ähnlich wie Facebook oder Twitter, doch die Sprache ist enthemmter, oft rechtsextrem, frauenfeindlich und antisemitisch. Zwar sind die Nutzerzahlen deutlich niedriger als bei den großen Techkonzernen, doch auch hier gehen die Aufrufzahlen inzwischen in die Millionen.

Trotzdem sind es für die meisten Menschen Nebenschauplätze des Internets, auf denen irre Verschwörungstheorien kursieren und die im Großen und Ganzen kaum ernst zu nehmen sind. So erklärt sich vielleicht, dass der Sturm aufs Kapitol öffentlich im Internet angekündigt und organisiert und trotzdem nicht verhindert wurde.

Erkennungszeichen für Eingeweihte

Seit Donald Trump 2016 die US-Wahl gewonnen hat, wurde viel diskutiert über den Einfluss von Facebook, YouTube und Twitter auf die Demokratie: Befeuern die großen sozialen Netzwerke die Radikalisierung einzelner Gruppen und Bürger? Sorgen sie für eine besonders große Verbreitung extremistischer Positionen und tragen sie in die Mitte der Gesellschaft?

Vier Jahre später stehen die großen Seiten zwar weiterhin für ein lasches Eingreifen gegen Hetze und Gewaltaufrufe in der Kritik, doch die Lage hat sich verändert: Populisten und Extremisten brauchen die großen Techkonzerne nicht mehr unbedingt, um mit Gewaltaufrufen, Falschinformationen und gefährlichen Verschwörungsmythen im Netz ein Millionenpublikum zu erreichen. Es bildet sich eine Szene, die offenbar wächst, und die den Hass aus dem Netz mehr und mehr auf die Straße trägt.

Dort gibt sie sich auch zu erkennen. Viele zeigen, wo sie herkommen: Beim Sturm aufs Kapitol waren verschiedene Symbole dieser Netzszene immer wieder prominent zu sehen. Manche der Angreifer trugen T-Shirts oder schwenkten Flaggen, wie die von Kekistan – ein Symbol aus einer rechtsextremen Foren-Subkultur, angelehnt an die Hakenkreuzflagge der Nazis. Die »Anons«, die in ihren Foren anonym kommunizieren, zeigten in Washington ihr Gesicht und trugen ihre »Memes« aus dem Netz ins Heiligste der amerikanischen Demokratie. So war der Sturm auf das Kapitol auch ein Sturm der Onlinetrolle. 

Noch sind es meist Erkennungszeichen für Eingeweihte; nach wie vor dürfte die breite Öffentlichkeit mit diesen Symbolen wenig verbinden. Seit aber die mächtigen Bilder aus Washington um die Welt gehen, werden auch die Symbole sichtbarer. Und die Trolle aus den Internetnischen können sich inszenieren und feiern als das, was sie schon immer sein wollten: eine Macht, mit der man rechnen muss.

Doch aus wem besteht diese Macht? Was passiert in den Netzwerken und Foren, in denen online der Boden für einen Angriff auf die Demokratie bereitet wurde? Wie reagiert man in der Netznische auf die Ereignisse vom 6. Januar – und wo befindet sich diese Nische überhaupt?

Ein Überblick über die wichtigsten alternativen Plattformen der rechten Netzszene in den USA:

»thedonald«: Der Trump-Fanclub

Bereits seit 2015 gibt es »thedonald« als Unterforum der Social-Media-Plattform Reddit. Das Forum begann als eine Art Netzsammlungsbewegung besonders militanter Trump-Anhänger mit dem Ziel, den Präsidentschaftswahlkampf von Trump mit Slogans und Memes zu unterstützen. Trumps inzwischen geschasster Wahlkampfmanager Brad Parscale sagte einmal , er schaue sich den Subreddit regelmäßig an. Und Donald Trump selbst griff immer wieder Bilder und Aussagen auf, die zuerst in dem Forum kursierten und die seine Gegner verächtlich machten. 

Die grüngesichtige Cartoon-Figur Pepe the Frog ist eines der zentralen Symbole der Anhänger von »thedonald«. Ursprünglich stammt das Symbol aus eher linken Kreisen, doch längst haben es sich Anhänger rechter Gruppen wie hier bei einer Pro-Waffen-Demonstration im Januar 2020 zu eigen gemacht

Die grüngesichtige Cartoon-Figur Pepe the Frog ist eines der zentralen Symbole der Anhänger von »thedonald«. Ursprünglich stammt das Symbol aus eher linken Kreisen, doch längst haben es sich Anhänger rechter Gruppen wie hier bei einer Pro-Waffen-Demonstration im Januar 2020 zu eigen gemacht

Foto: Chip Somodevilla / Getty Images

Im Jahr 2016, dem Jahr des US-Wahlkampfs, gewann die Seite mehr als 100.000 Anhänger. Unter den sehr aktiven Nutzerinnen und Nutzern des Forums waren schon früh rassistische, frauen- und islamfeindliche Parolen üblich. Auch gefährliche Verschwörungstheorien wie »Pizzagate« wurden unter den Donaldisten geteilt und weitergesponnen.

Laut dem Pizzagate-Mythos, der jeder faktischen Grundlage entbehrt, sollen demokratische Politiker angeblich einen Pädophilenring in einer Pizzeria in Washington decken oder sogar aktiv betreiben. Ein Anhänger der Verschwörung griff die Pizzeria Anfang Dezember 2016, wenige Wochen nach der US-Wahl, mit einer Waffe an. 

Reddit verhängte in den vergangenen Jahren zunächst einige Sanktionen, dann verbannte es den Subreddit im Juni 2020 ganz – allerdings hatten die Moderatoren da längst eine eigene Website gestartet. Sie hatten sich auf das sogenannte Deplatforming durch Reddit vorbereitet. Deshalb scheint der Bann der Seite auch nur bedingt geschadet zu haben, sie ist schon zu zentral verankert in der rechten Onlinesubkultur. Allein im Dezember 2020 verzeichnete die Seite laut Analysediensten mehr als zehn Millionen Zugriffe. 

Auf der eigenen Website halten die Anhänger von »thedonald« dem Präsidenten die Treue – bis heute. Seine Niederlage erkennen sie ebenso wenig an wie er selbst. »Kommt und seid wild«, hieß es dort wochenlang in dem Aufruf für die »Stop the steal«-Proteste in Washington.

Wer sich in den ersten Januartagen auf der Seite umtat, konnte bei den Vorbereitungen für den Dreikönigstag zuschauen, vieles davon fand offen statt, für jeden einsehbar. Schon Tage vor dem Termin gab es dort konkrete Marschbefehle mit Fantasien darüber, das Kapitol zu stürmen. 

Eine Demonstrantin trägt bei einem Protest gegen Corona-Maßnahmen im Mai im US-Bundesstaat Washington eine Maske von Pepe the Frog. Beim Sturm auf das Kapitol sangen Angreifer Lieder eines Musikers, der sich nach der bei TheDonald-Anhängern beliebten Comicfigur benannt hat

Eine Demonstrantin trägt bei einem Protest gegen Corona-Maßnahmen im Mai im US-Bundesstaat Washington eine Maske von Pepe the Frog. Beim Sturm auf das Kapitol sangen Angreifer Lieder eines Musikers, der sich nach der bei TheDonald-Anhängern beliebten Comicfigur benannt hat

Foto: Ted S. Warren / AP

Am Tag nach dem Angriff auf das Kapitol zeigt sich auf »thedonald« kein einheitliches Bild. Offenbar war dem Webhoster der Seite die Rolle der Plattform zu gefährlich – er räumte den Machern eine Frist von 21 Stunden ein, alle Gewaltaufrufe zu löschen. Die Moderatoren teilten das den Nutzern mit und wurden prompt beschimpft, sie seien »kompromittiert«. Womöglich muss »thedonald« also bald wieder weiterziehen, in eine andere Nische des Netzes.

Ohnehin scheint der erste Triumph über den vermeintlichen Coup der Stürmung zu verfliegen. Aufgrund der negativen Rückwirkungen spekulieren einige – natürlich völlig beleglos – darüber, es könne sich um das Werk von Agents provocateurs etwa aus der Antifa gehandelt haben. Andere unterstellen – wie in diesen Kreisen bei fast jedem Thema üblich – George Soros habe seine Hand im Spiel gehabt. Klein beigeben wollen viele aber noch immer nicht, im Gegenteil. Sie sehen die erschossene »Patriotin« als eine von ihnen und als Märtyrerin und rufen weiter zur Schlacht:  »Der erste Schuss in der neuen Revolution wurde von einem Regierungsmitarbeiter abgegeben«, schreibt einer unter dem Pseudonym »Joe Trump«, »Lebt frei oder sterbt !!!!!...es fängt jetzt an!!!!«.

8kun: Die QAnon-Zentrale

Wenn »thedonald« das Onlineforum der militanten und langjährigen Trump-Unterstützer ist, dann ist QAnon dessen junger Bruder, der noch wirrer und noch extremistischer hetzt. Wer an den Verschwörungsmythos QAnon glaubt, ist überzeugt, dass eine geheime Elite die Welt regiert. Politiker und demokratische Institutionen sind in diesem Weltbild mindestens korrupt, im schlimmsten Falle pädophile Kindsmörder. Einzig Trump gilt den Anhängern als Heilsbringer. (Lesen Sie hier mehr über die Bewegung und ihre deutschen Anhänger.)

Angreifer mit QAnon-Pullover

Angreifer mit QAnon-Pullover

Foto: Manuel Balce Ceneta / AP

Stichwortgeber für QAnon ist ein seit 2017 anonym postender Nutzer, der sich Q nennt. Doch längst haben sich die Botschaften von Q verselbstständigt und funktionieren wie eine Mitmach-Verschwörungstheorie. Die zentrale Website, auf der sich einige der treuesten Anhänger von QAnon versammeln und anonym austauschen, heißt 8kun.

Die Bilder vom Sturm auf das Kapitol werden auf 8kun begeistert kommentiert: »Q wollte, dass wir das Kapitol stürmen und wir haben es getan. Wenn Trump nicht im Amt bleibt, dann werden weitere Menschen sterben müssen.« Seit Wochen hatten Anhänger von QAnon den 6. Januar zu einem Tag der Hoffnung auserkoren, an dem Trump die Amtsübernahme von Joe Biden verhindern und seine Macht sichern würde. 

Auch vor dem Kapitol zeigten sich Trump-Anhänger mit dem Q-Symbol, ein Verweis auf den anonymen Stichwortgeber der QAnon-Bewegung

Auch vor dem Kapitol zeigten sich Trump-Anhänger mit dem Q-Symbol, ein Verweis auf den anonymen Stichwortgeber der QAnon-Bewegung

Foto: Ted S. Warren / AP

Beobachter warnen schon länger, dass QAnon eine Gefahr für die nationale Sicherheit ist. Wie real diese Gefahr ist, zeigt sich auch an der Unterstützung von Q-Anhängern beim Sturm auf das Kapitol. 

Denn dort waren einige Verschwörungstheoretiker an vorderster Front dabei. Auf Videos ist zu sehen, wie ein Mann mit dem für die Bewegung typischen Slogan »Trust the Plan« auf dem Shirt einen schwarzen Polizisten bedrängt und dabei eine Gruppe Eindringlinge immer tiefer in das Gebäude führt. Auch die Frau, die ihren Schussverletzungen erlag, hing wohl dem Irrglauben der Bewegung an – deren Thesen auch Leute aus dem direkten Umfeld des Präsidenten befeuern, etwa zwei seiner Anwälte.

Ein anderer QAnon-Unterstützer, Jake Angeli, posiert hinter dem Rednerpult des US-Senats in der Pose eines Bodybuilders. Mit halb nacktem Oberkörper steht der 32-Jährige, der als »QAnon-Schamane« bekannt ist, hinter dem Pult, zeigt seine Armmuskeln, ruft: »Wo ist Mike Pence? Komm raus!« Nachdem klar wurde, dass Vizepräsident Mike Pence sich gegen Trump stellte, war er auf 8kun und für QAnon-Anhänger vom Hoffnungsträger zum Verräter geworden. 

Betrieben wird 8kun von Jim Watkins von den Philippinen aus. Laut Analysediensten wird die Seite mehr als zwei Millionen Mal pro Monat aufgerufen. Die Attentäter von Christchurch und Poway und El Paso nutzten die Vorgängerseite von 8kun, um darüber ihre Pamphlete zu verbreiten. Auch für Stephan B., den Angreifer von Halle, spielte die rechtsextreme Onlinesubkultur rund um Seiten wie 8chan und 8kun offenkundig eine wichtige Rolle. 

Am Tag nach dem Sturm auf das Kapitol sind auf 8kun – neben den üblichen Hetzbotschaften – allerdings auch andere Töne zu vernehmen. So mehren sich die Beiträge von QAnon-Anhängern, die sich desillusioniert vom Glauben an Q abwenden, weil Trump es eben doch nicht geschafft habe, im Amt zu bleiben.

Parler: Das Anti-Facebook

Als die großen Plattformen während des Kapitolssturms hektisch versuchten, Accounts zu sperren, löscht oder sperrt auf Parler scheinbar niemand etwas. Parler ist eine Art alternatives Twitter, ein selbst ernanntes »Free Speech Social Network«. Hier sollen all jene eine Heimat finden, deren Reichweite von den großen Techplattformen eingeschränkt wird. Auf Parler schreiben offizielle Accounts der rechten »Proud Boys«, auf Facebook seit Monaten gesperrt, neben konservativen Politikern wie Ted Cruz und rechten Kommentatoren wie Tucker Carlson.  

Parler wurde 2018 von John Matze gegründet. Zu den ersten Investoren gehörte Trump-Unterstützerin Rebekah Mercer, Tochter des Hedgefond-Investors Robert Mercer. Der Zulauf zu der Plattform kam im Jahr 2020 in Wellen. Als Twitter seine Nutzerrichtlinien vor der US-Wahl verschärfte, hieß es immer öfter: Dann gehen wir halt zu Parler.

Ein Beitrag auf Parler über den Chef des Unternehmens John Matze

Ein Beitrag auf Parler über den Chef des Unternehmens John Matze

Foto: Parler

Kurz nach der US-Wahl, am 10. November , schrieb Unternehmenschef John Matze in einem inzwischen gelöschten Blogpost, dass innerhalb von fünf Tagen mehr als 4,5 Millionen neue Nutzer dazugekommen seien. Es ist schwer, diese Zahl zu verifizieren, aber: Am Tag der Veröffentlichung des Posts war Parler zwischenzeitlich die am häufigsten heruntergeladene kostenlose App im Google Play Store 

Gepostet werden darf auf Parler wohl fast alles. Inhalte würden nicht proaktiv geprüft oder moderiert, erklärte Unternehmenschef Matze am Donnerstag in einem Interview mit der »New York Times« . Lediglich einige freiwillige Juroren entschieden, ob gemeldete Inhalte illegal seien. Nach dem Sturm auf das Kapitol, in der Nacht von Freitag auf Samstag, gibt Apple Parler ein Ultimatum, Inhalte konsequenter zu löschen. Sonst fliege die App aus dem App Store.

Google hat die App inzwischen gesperrt. Sie kann damit zwar nicht mehr neu auf offiziellem Wege auf Android-Telefone geladen werden. Wer das Programm aber schon auf dem Telefon hat oder die Browser-Version nutzt, kann sich über das Netzwerk weiter austauschen.

Wer sich vor dem 6. Januar auf dem Netzwerk umgeschaut hat, konnte sehen, dass der Sturm aufs Kapitol unter anderem hier vorbereitet wurde. Auf der Plattform riefen Nutzer dazu auf, die Waffen vorzubereiten und die Gegner zu schnappen. »Findet die Verräter und bringt einen Strick mit«, schrieb einer. 

Andere User fragten nach Generatoren für Strom oder organisierten Kautionfonds für mögliche Festnahmen. Sie schrieben über Stände, an denen sie Wasser und Essen für andere Beteiligte verteilen wollten und gaben Verhaltenstipps für den Aufstand. Sowohl die Hashtags #FightBack als auch #StoptheSteal trendeten auf der Seite. 

Sobald am Mittwoch dann die ersten Barrikaden durchbrochen wurden, war man auf Parler live dabei, offenbar ohne Moderation: Rechte Streamer wie der Account »MurdertheMedia« posteten Videos mit unklaren Quellen, die Zehntausende Nutzer sahen, und teilten Links zu Livestreams mit »Korrespondenten« in DC. In Echtzeit verbreiteten sich hier Videos, die klar gegen die Richtlinien größerer Plattformen verstoßen: zum Beispiel davon, wie die 35-jährige Ashli Babbitt von Sicherheitskräften erschossen wurde. Die Links zu diesem Video kursierten dann auch auf Twitter. Während die Moderatoren dort noch versuchten, die Filme zu löschen, waren die Links zu Parler jedoch längst bekannt und in der Welt.

Lin Wood, ein Pro-Trump-Anwalt, dem am 5. Januar noch 1,15 Millionen Menschen auf Twitter folgten, bevor sein Account in der Nacht gesperrt wurde, schreibt einfach auf Parler weiter. 836.000 Menschen folgen ihm hier – er ist weich gefallen. Gegen Mitternacht schrieb er: »Macht die Waffen bereit. Pence ist als Erster dran.« 

Über die Nacht und den nächsten Tag wurde immer wieder gemeldet, auch Trump sei jetzt auf Parler und könne dort endlich wieder zu seinen Anhängern sprechen. Sowohl Facebook als auch Twitter hatten seine Accounts in der Nacht zum Donnerstag temporär gesperrt.

Gab.com: Die Twitter-Alternative

Auch Gab.com wartet auf Donald Trump. Dort steht ein Account bereit, mit schon fast 450.000 Followern. Der kopiert bisher allerdings lediglich die Tweets des offiziellen Twitteraccounts von Trump, »unzensiert«. In einem Blogpost mit dem Titel »Präsident Trump auf Gab« schreibt Andrew Torba, der Gründer der Plattform, er sei dabei, »sich mit Präsident Trumps Team in Verbindung zu setzen «, um ihm den Wechsel zu erleichtern. Schwer zu sagen, ob das stimmt oder nur ein plumper PR-Versuch für ein alternatives Netzwerk ist, das bislang nur ein Nischendasein fristet.

Nachrichten aus dem Netzwerk Gab.com auf einem iPhone

Nachrichten aus dem Netzwerk Gab.com auf einem iPhone

Foto: Jenny Kane / AP

Gab.com nennt sich »The Free Speech Social Network« und sieht aus wie eine Twitter-Kopie in Grün. Ebenso wie Parler machte Gab sich schnell einen Namen als sicherer Hafen für Rechte, Verschwörungstheoretiker und Antisemiten. Der Attentäter von Pittsburgh etwa postete, bevor er 2018 vor einer Synagoge elf Menschen ermordete, vorher auf Gab wochenlang ungestört antisemitische Hassnachrichten. Danach stellte PayPal die Zusammenarbeit mit der Plattform ein.

Apple und Google hatten bereits im Jahr davor die App aus ihren App Stores verbannt. Vielleicht ist Gab noch tiefer im Sumpf der rechten Parallelwelten zu verorten als Parler. CEO Torba bezeichnete den 6. Januar vor seinen 721.000 Followern als »glorreichen Tag.« 

Und während auf Parler noch Politiker Ted Cruz mit fast fünf Millionen Followern spricht, bezeichnet Gab sich als durch und durch »Anti-Establishment «. Am Freitag teilte CEO Torba einen Beitrag:  »Wenn sie die Parler-App entfernen (und das werden sie), wird der Massenzustrom zu Gab der Wahnsinn sein.«