Parler In diesem Netzwerk hat Trump die Wahl angeblich gewonnen

Falschmeldungen über die Wahl in den USA werden bei Twitter und Facebook mit einem Warnhinweis markiert oder geblockt. Die Plattform Parler nutzt die Chance und fischt Millionen Enttäuschte ab.
"Stop the Steal": Der Slogan der Trump-Fans (hier bei Protesten in Pennsylvania) ist zu einem Hashtag bei Parler geworden

"Stop the Steal": Der Slogan der Trump-Fans (hier bei Protesten in Pennsylvania) ist zu einem Hashtag bei Parler geworden

Foto: Syed Yaqeen / ZUMA Wire / imago images

Wer sich neu anmeldet beim sozialen Netzwerk Parler, wird zunächst einmal freundlich begrüßt: von Camille Wead. Der Account der Politik-Influencerin ist offiziell verifiziert. "Freie Meinungsäußerung hat sich niemals so gut angefühlt", sagt sie in einem kurzen Video, in dem die Nutzerin mit dem Pseudonym "Blonde Politician" die wichtigsten Parler-Funktionen erklärt.

Camille Wead ist hier und auf anderen Plattformen nicht nur für ihre Hochglanz-Modelfotos bekannt. Den größten Zuspruch erhält sie von Rechtspopulisten für die Meinung, die sie vertritt. Denn zwischen vielen Bildern von sich selbst postet die Influencerin auch immer wieder Falschmeldungen.

Markierte Trump-Tweets: Twitter, Facebook und Co. versehen unwahre und umstrittene Beiträge mit einem Hinweis

Markierte Trump-Tweets: Twitter, Facebook und Co. versehen unwahre und umstrittene Beiträge mit einem Hinweis

Foto: ROBYN BECK / AFP

Sie wirft großen Techkonzernen wie Facebook, Google und Twitter vor, die Meinung von Trump-Anhängern zu unterdrücken , benutzt Hashtags wie #bidencrimefamily und weist auf Petitionen hin, die Unterschriften gegen den vermeintlichen Betrug bei der US-Präsidentschaftswahl sammeln. Während ihr bei Twitter und Facebook lediglich einige Hundert Nutzer folgen, erreicht das Model bei Parler mehr als 100.000 Anhänger.

Paradies für Verschwörungstheoretiker

Bei Parler (französisch für "sprechen") gilt freie Fahrt für Falschnachrichten. Im Gegensatz zu anderen sozialen Netzwerken lassen sich hier ungehindert Verschwörungstheorien streuen. Lügen werden nicht mit Warnhinweisen markiert und mutmaßliche Wahlmanipulations-Behauptungen unter Slogans wie "Stop the Steal" nicht gelöscht. Ganz im Gegenteil: #StopTheSteal zählte am Donnerstag bei Parler mit mehr als 100.000 markierten Beiträgen zu den meistgenutzten Hashtags.

Die Plattform aus Nevada im US-Bundesstaat Texas gibt es schon seit zwei Jahren. Doch während Parler zu Beginn des Jahres nur etwa rund eine Million Mitglieder zählte, sind es mittlerweile rund acht Millionen. Allein am vergangenen Freitag seien etwa 4,5 Millionen neue Profile angemeldet worden, teilte Parler-Chef John Matze am Dienstag mit . Pro Tag sind demnach etwa fünf Millionen Nutzer aktiv.

Von den zwei Milliarden Nutzern bei Facebook ist Parler damit noch weit entfernt. Doch mit lockeren Regeln sollen weiter frustrierte Nutzer abgegraben und Kampagnen wie "Erasebook" und "Twexit" vorangetrieben werden. John Matze macht daraus keinen Hehl. In seinem Schreiben an die Mitglieder teilt er mit: "Die Unterdrückung von Wahlinformationen bei Facebook und Twitter hat wie ein Katalysator bei vielen Menschen gewirkt, die dadurch ihr Vertrauen verloren haben."

Corona-Pandemie sorgt für Nutzerzuwachs

Auch in den Nutzungsbedingungen  weist Parler darauf hin, dass man "nicht den Feed kuratiere", da man sich nicht anmaße, dazu qualifiziert zu sein. Lediglich "für ein Verbrechen, für Zivildelikte oder andere illegale Aktionen" dürfe Parler nicht benutzt werden. Verbotene Inhalte, die gelöscht würden, seien unter anderem Beiträge im Auftrag von Terrororganisationen, Kinderpornografie und Urheberrechtsverletzungen.

Der erste Schwung offenbar unzufriedener Nutzer war im Juni zu Parler gewechselt. Die Plattform verdoppelte damals die Nutzerzahl  innerhalb einer Woche auf zwei Millionen, nachdem Protestgruppen bei Facebook gesperrt worden waren, die sich gegen Corona-Regeln und die Black-Lives-Matter-Bewegung richteten. In den vergangenen Wochen waren es vor allem Trump-Anhänger, die von republikanischen Politikern wie Ted Cruz und konservativen Moderatoren wie Mark Levin zum Wechsel angespornt worden waren. Twitter hatte zuvor Beiträge von Levin mit Warnhinweisen gekennzeichnet und blockiert .

Unter den neuen Mitgliedern sind laut einem BBC-Bericht  auch Tausende Anhänger der gefährlichen Verschwörungsbewegung QAnon . Verfechter dieses Kults glauben unter anderem daran, dass Donald Trump einen Krieg gegen vermeintliche Geheim-Eliten führt, die angeblich Kinderblut trinken.

Lange Ladezeiten, stotternde Texteingaben

Auch wenn Parler mit Newsfeed, Kommentarfunktion und "Votes" genannten "Gefällt mir"-Angaben wirkt wie eine Mischung aus Facebook und Twitter, hinkt die Plattform seinen Vorbildern technisch deutlich hinterher. Lange Ladezeiten und stotternde Texteingaben erschweren die Nutzung. Die laxe Inhaltskontrolle bringt zudem eine Spamflut mit sich: Wer etwa Beiträge mit dem Hashtag #StopTheSteal sucht, bekommt neben Links auf rechtskonservative Seiten wie "Breitbart" auch zahlreiche Sex-Postings angezeigt, die das deplatzierte Hashtag als Marketingmittel missbrauchen.

Während die Parler-App in den USA mittlerweile die Spitze der Download-Charts erobert hat, spielt die Plattform in Deutschland bisher noch keine große Rolle. Inhalte auf Deutsch finden sich dort so gut wie gar nicht, selbst zum beherrschenden Thema der Corona-Pandemie tauchen fast keine deutschsprachigen Beiträge auf. Die bevorzugte Plattform für Verschwörungstheorien bleibt hierzulande wohl vorerst die Messenger-App Telegram.