AOL-Tochter Patch Der Traum vom Web-Imperium für Lokaljournalismus platzt

Sie sollten den Lokaljournalismus in den USA revolutionieren, nun sind die meisten arbeitslos. Das noch zum AOL-Konzern gehörende Online-Portal Patch entlässt die Mehrheit seiner Redakteure. Damit ist die AOL-Strategie endgültig gescheitert, ein Lokalportal landesweit einzuführen.

Patch.com: Von knapp 1000 Lokalausgaben auf angeblich nur 250 geschrumpft

Patch.com: Von knapp 1000 Lokalausgaben auf angeblich nur 250 geschrumpft


New York - Das Experiment werbefinanzierter Online-Lokaljournalismus ist bei Patch gescheitert. Mehrere US-Mediendienste berichten, dass die noch zu AOL gehörende Firma am Montag weit mehr als die Hälfte der Angestellten entlassen hat, vor allem Redakteure. Angeblich sollen bis zu 80 Prozent der verbliebenen Angestellten entlassen worden sein. In 97 Sekunden teilt die Personalchefin den Betroffenen am Telefon mit, dass sie die Firma zu verlassen haben und ihre E-Mail-Konten am Spätnachmittag deaktiviert werden.

Jahre lang hat AOL-Chef Tim Armstrong das Onlinemedienportal Patch als Zukunft des Lokaljournalismus verkauft. Er hatte die Firma 2009 mitgegründet, weil er in seiner Heimatstadt Riverside Online-Lokaljournalismus vermisste. Armstrong wurde AOL-Chef, AOL kaufte Patch, baute die Kette von Lokal-Blogs in den gesamten Vereinigten Staaten aus. In Hunderten von Städten arbeiteten Lokaljournalisten und Anzeigenverkäufer für Patch, doch die Einnahmen habe nie ausgereicht, um die Kosten zu decken.

Mitte Januar hatte AOL die Mehrheit an Patch dem Investor Hale Global verkauft. Damals behauptete AOL, der neue Gesellschafter wolle alle 900 Lokalausgaben von Patch weiterlaufen lassen. Das dürfte mit einem Fünftel der Redakteure schwierig sein. Angeblich - das berichtet der US-Branchendienst Business Insider - sollen nur noch um die 250 Patch-Ausgaben weiter bestehen, die übrigen sollen Gratisinhalte aus dem Netz zusammensammeln oder von Lokalbloggern beziehen. AOL hatte bereits im August 2013 400 Patch-Mitarbeiter entlassen. Schätzungen des US-Fachblogs Techcrunch zufolge hat der Konzern über Jahre hinweg 200 bis 300 Millionen Dollar in Patch investiert.

Bei einer Minderheit der Patch-Lokalausgaben scheinen die Werbeeinnahme hoch genug zu sein, dass der Sanierungsspezialist Hale Global an eine profitable Zukunft glaubt. Der Fall von Patch zeigt: Für die Mehrheit der Gemeinden in den USA ist Lokaljournalismus selbst mit winzigen Redaktionen wie bei Patch nicht durch Onlinewerbung finanzierbar, von Profiten einmal ganz abgesehen.

Die AOL-Strategie, in kurzer Zeit eine Medienmarke in Hunderten von Städten zu etablieren, ist nicht aufgegangen. Das heißt nicht, dass lokaler Online-Journalismus nicht profitabel sein kann, vielleicht braucht es dazu aber in unterschiedlichen Gemeinden unterschiedliche Strategien.

Der Autor auf Facebook

lis

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.