Pay-TV im Internet BBC plant Frontalangriff auf Privatsender

Die BBC hat eine der größten Online-Redaktionen der Welt. Ihre Dominanz im Web empfinden Großbritanniens Verleger, Privatsender und Web-Publisher seit langem als erdrückend. Um so mehr fürchten sie die neuesten Pläne des öffentlich-rechtlichen Riesen: Pay-TV-Angebote zum Downloaden.

Hamburg - Öffentlich-rechtlich organisiert darf sich die BBC in Großbritannien weder durch Werbung noch durch Abo-Angebote refinanzieren. Im World Wide Web sieht das anders aus: Ab Januar 2007 soll es eine kommerzielle BBC-Seite für den Rest der Welt geben.

Großbritanniens Verlage und Privatsender empfinden die neue Online-Strategie des gebührenfinanzierten Senders als Frontalangriff. Schon in der Vergangenheit sah sich die BBC - weit mehr noch als die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland - mit dem Vorwurf konfrontiert, dass gegen sie kein kommerzieller Konkurrent bestehen könne.

Kein Wunder. Genießen die Nachrichten- und Dokumentationsangebote, die die BBC-Sender für das Fernsehen produzieren, schon höchstes Ansehen, setzt BBC Online schlicht Standards: Was dort an programmbegleitenden, Programme vorbereitenden, an Bildungs-, Informations- und Entertainment-Inhalten veröffentlicht wird, ist nahezu beispiellos. Das Nachrichtenangebot wird nicht nur für das heimische Publikum in verschiedenen Info-Bouquets aufbereitet, sondern auch gezielt für verschiedene Regionen der Welt - und zudem in 33 Sprachen.

Das alles präsentiert die "größte Zeitung der Welt" (aktuelle Reichweite: 13,2 Millionen Nutzer) nicht nur in schriftlicher Form im Web, sondern zunehmend multimedial: Was die BBC an Radiosendern unterhält, ist auch online zu hören - live und on demand (aktuelle Reichweite Audio: 8,2 Millionen Nutzer).

Die Digitalisierung der BBC-Landschaft hat längst auch die entlegendsten Regionen erreicht. Manch regionales und lokales Studio veröffentlicht online heute schon mehr, als es im klassischen Rundfunk bietet. Das geht hin bis zur Einbindung des hobbyfilmenden Publikums als Zulieferer für die digitalen Programme.

Die Diskussion darüber, ob und wie wünschenswert das alles ist, ob Grenzen gesetzt werden sollten und wie es künftig weitergehen soll, läuft seit Ende der Neunziger. Zum zweiten Mal seit Entstehung von BBC Online legte Mitte März die britische Regierung ihre Erkenntnisse und Entscheidungen zu diesem Thema in einem Weißbuch dar: Die Zukunft der BBC, ist da zu lesen, liegt in einem Ausbau unterhaltender Formate - und durchaus in der Forcierung ihres digitalen Engagements innerhalb definierter Grenzen.

Strenge Regeln - nur für den heimischen Markt

Die Refinanzierung des BBC-Angebots ist an die sogenannte "TV Licence" gebunden - ein Äquivalent zur GEZ-Gebühr. Ihre Inhalte darf sie werbend nicht vermarkten, kommerziell operierenden Konkurrenten durch gebührenfinanzierte Angebote das Wasser nicht abgraben. Diese Auflagen sollen künftig stärker überwacht werden.

International jedoch steht es der BBC frei, Inhalte und Programme zu verkaufen und auch werblich zu vermarkten. Das tut die "alte Tante" zum Beispiel durch die Lizenzierung der beliebten BBC-Naturdokus oder durch Werbeschaltungen und Abo-Verkäufe bei der kommerziellen Tochter BBC World. Aber dabei soll es nicht bleiben.

Bis Januar 2007 will die BBC ein neues Internet-Angebot fürs Ausland  etablieren. Ähnlich dem Auslands-Sender BBC World soll der neue Web-Channel Werbung enthalten und Video-on-Demand gegen Bezahlung offerieren. Kurzum: Pay-TV im Internet.

Private Konkurrenten hatten das bereits Anfang März befürchtet - sie sehen in den BBC-Plänen nicht weniger als den Beginn eines mit Gebühren finanzierten Strukturwandels der BBC hin zu einem übermächtigen, kommerziell operierenden Medienkonzern.

Muss die BBC ab 2016 ohne Gebühren arbeiten?

Das alles ist weit mehr als das Gerangel um die Nebengeschäfte der Öffentlich-Rechtlichen, wie man es auch aus Deutschland kennt. Was die BBC hier online vorbereitet, könnte tatsächlich auf einen totalen Strukturwechsel hinaus laufen. Eine für den öffentlich-rechtlichen Sender womöglich lebenswichtige Revolution, denn der BBC steht die Drohung ins Haus, nur noch bis 2016 Gebühren kassieren zu können.

Der Hintergrund: Großbritanniens Politikern reißt angesichts des BBC-Expansionsdranges offenbar langsam der Geduldsfaden. Mitte März drohte James Purnell, Staatsminister für Medien und Tourismus, mit einem Ende der Gebührenfinanzierung, falls die BBC nicht aufhöre, sich als medialer "Imperialist" zu gerieren.

Der scharfe Ton gegen die im Lande von vielen geliebte Institution BBC hat zwar auch damit zu tun, dass derzeit das Maß der nächsten Gebührenerhöhung verhandelt wird. Trotzdem steckt dahinter wohl mehr: Purnells Drohung wurde als äußerst ungehaltener Verweis auf die Expansion der internationalen BBC-Angebote, von BBC-Generaldirektor Mark Thompson forciert, verstanden.

Die Sache scheint klar, analysierte Emily Bell im "Guardian": Die BBC habe sich innerlich bereits von den Gebühreneinnahmen verabschiedet und dafür entschieden, als konkurrenzfähiges Unternehmen zu expandieren und entsprechend aggressiv aufzutreten.

Die Pläne der BBC, über News on demand hinaus gegen Zahlung auch Unterhaltungsangebote über Breitbandverbindungen anzubieten, werden vor allem als Versuch der medialen Expansion Richtung USA verstanden: Dort lockt ein riesiger Markt, mit einer Affinität zu allen Formen der Kabel- und Pay-TV-Kultur.

Wie man Online Geld verdienen kann, übt die BBC in Großbritannien nicht nur in Betatests mit eigenen TV-on-demand-Angeboten via Internet, sondern auch durch die Lizensierung entsprechender on-demand-Programmbouquets an die British Telecom, wie diese Woche bekannt wurde.

Expansion in asiatische Märkte

Bereits in der letzten Woche erfuhr die "Financial Times", dass die BBC sich auch in Richtung Osten streckt. Über Europa hinaus versuche sie, sich im boomenden asiatischen Markt noch stärker zu positionieren. Vor allem Indien hätten die BBC-Oberen im Blick. Sie versuchen laut "Financial Times" zur Zeit, einen 350 Millionen Pfund schweren Kredit für ihre Expansionspläne zu bekommen. Der Verbreitungsweg der Wahl für die multimedialen Angebote der BBC werde künftig hier wie dort vor allem das breitbandige Internet sein - und die verlockendste Vertriebsform wohl die des on-demand-Angebotes.

All das ist vielleicht sogar zwangsläufig so. Selbst der gigantische Korpus der BBC wäre mittelfristig als reines öffentlich-rechtliches, live "funkendes" Netzwerk kaum konkurrenzfähig. Der Trend geht hin zu zeitunabhängigen Auslieferungsformen, über vielfältige Vertriebswege und auf vielfältige Endgeräte. Die großen TV-Sender in Großbritannien spüren das längst, verlieren ständig an Reichweite. Im März verbuchte die BBC mit einer bis dato populären Abendshow einen peinlichen Negativrekord: die niedrigste je für ein BBC-Programm gemessene Zuschauerquote zur Prime-Time - knapp zwölf Prozent.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Rundfunkten in Großbritannien bis vor wenigen Jahren mit der BBC, ITV, Channel 4 und einigen regionalen Programmen nur wenige Sender, ist das Angebot inzwischen vielfältiger als irgendwo sonst in Europa. Und nicht etwa "free" und analog, sondern digital und als Pay-TV: 70 Prozent der britischen Haushalte sind hier bereits "online". Was das heißt, hat die BBC offenbar verstanden: Der Zuschauer macht sich sein Programm selbst, "Sender" machen Zulieferungs-Angebote.

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