Patrick Beuth

Tech-Firmen nach Attentat in Pittsburgh Erst das Geschäft, dann das Bedauern

PayPal und andere Dienstleister wollen sich vom Hass-Netzwerk Gab.com distanzieren, seit klar ist: Auch der Mörder von Pittsburgh war dort aktiv. Ihre Heuchelei darf man ihnen nicht durchgehen lassen.
Trauerbekundungen vor der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh

Trauerbekundungen vor der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh

Foto: BRENDAN SMIALOWSKI/ AFP

PayPals PR-Abteilung hat nach dem Massenmord in einer Synagoge am Samstag in Pittsburgh ein beinahe unerträglich heuchlerisches Statement an US-Journalisten  herausgegeben. Darin erklärt das Unternehmen die Aufkündigung seiner Geschäftsbeziehung mit den Betreibern der Website gab.com mit den Worten:

" PayPal hatte Gab genau beobachtet und war schon dabei, das Konto der Websitebetreiber zu kündigen, bevor es zu den tragischen Vorkommnissen kam.

Das Unternehmen nimmt Überprüfungen und Maßnahmen gegen Nutzerkonten gewissenhaft vor. Wenn eine Website Hass, Gewalt oder diskriminierende Intoleranz aufrechterhält, handeln wir sofort und entschlossen."

Den ersten Satz kann man glauben oder auch nicht. Die ehrliche Version des zweiten Teils würde in jedem Fall so lauten:

"Das Unternehmen nimmt Überprüfungen und Maßnahmen gegen Nutzerkonten vor, wenn der Imageschaden sonst zu groß wäre. Wenn eine Website Hass, Gewalt oder diskriminierende Intoleranz aufrechterhält, handeln wir, sobald es Tote gibt."

Nichts gelernt aus Charlottesville

Denn was auf Gab zu lesen und zu sehen war, muss PayPal seit zwei Jahren bekannt gewesen sein, also seit der Gründung der Website. Ihren Ruf als "Twitter für Rassisten" hatte die Seite praktisch vom ersten Moment an.

Die problematischen Verstrickungen von Tech-Firmen mit rechtsradikalen Kunden gerieten zudem schon vor einem Jahr in den Fokus, als es einen Rechtsextremisten-Aufmarsch in Charlottesville gab . Damals starb eine Gegendemonstrantin durch einen Autoanschlag. Das Opfer wurde auf einer rechten Internetseite verhöhnt, große Plattformen wie Google - und auch PayPal - entzogen in der Folge dem Angebot die Unterstützung.

Schon damals wollte PayPal daran arbeiten, "dass unser Angebot nicht genutzt wird, um Zahlungen zu akzeptieren oder Spenden für Aktionen zu sammeln, die Hass, Gewalt oder rassistische Intoleranz unterstützen". Im Fall von Gab reagierte PayPal dennoch erst jetzt.

Logo von Paypal am Times Square in New York (Archivbild)

Logo von Paypal am Times Square in New York (Archivbild)

Foto: Andrew Gombert/ dpa

Auch der Domain- und Hostingprovider GoDaddy und Joyent sowie der Bezahldienstleister Stripe haben nun angekündigt, Gab nicht weiter technisch zu unterstützen. Sie müssen sich genau wie PayPal fragen lassen, warum erst elf Menschen sterben mussten, bis sie tätig wurden.

Klar ist: Die Unternehmen wollen Geld verdienen und dabei möglichst nicht als Internetpförtner gelten, die auch mal jemanden vor der Tür stehen lassen. Die Meinungsfreiheit geht gerade in den USA sehr weit und es gehört erst einmal zum Selbstverständnis und daraus folgend zum Geschäftsmodell, mehr Inhalte zuzulassen als zum Beispiel strengere chinesische Anbieter.

Die neutrale Position verlassen

Doch wir leben in einer Zeit, in der erstens soziale Netzwerke und die für ihren Betrieb nötige Infrastruktur das Schlechteste im Menschen sichtbar machen, verstärken und sogar belohnen. Und zweitens darf es niemanden mehr überraschen, dass dieses Schlechteste aus dem Netz in die physische Welt übertragen wird. Schon 2016 etwa stürmte ein Mann eine Pizzeria in Washington, D.C. und eröffnete das Feuer , weil er die im Netz umhergehende Pizzagate-Verschwörungstheorie glaubte, nach der Hillary Clinton und ihr Wahlkampfmanager im Keller des Geschäfts Kinder missbrauchten.

Unternehmen, die diese Infrastruktur bereitstellen, haben nun die unangenehme Wahl, entweder glaubhaft gegen Hass, Hetze und Gewalt einzutreten und dafür die lang gehegte neutrale Position zu verlassen, die da lautet: "Wir stellen nur die Technik zur Verfügung und sind nicht dafür verantwortlich, was die Nutzer damit anstellen". Das hieße: weniger Geschäfte und mehr Zensurvorwürfe. Oben drauf gibt es garantiert medialen, politischen oder juristischen Ärger, sobald die entsprechenden Entscheidungen nicht transparent, konsequent und konsistent ausfallen.

Oder aber sie verteidigen die Meinungsfreiheit und die Unschuldsvermutung ihrer Kunden und nehmen dafür in Kauf, nach einem Verbrechen wie dem in Pittsburgh in einem Atemzug mit dem Täter genannt zu werden. Was sie sich dann aber sparen können, sind die erbärmlichen Versuche, sich nachträglich von dessen Umfeld zu distanzieren.

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