PDA-Papa Palm-Erfinder Hawkins programmiert das Software-Hirn

Er entwickelte viele Visionen, doch nur eine wurde zum Kassenschlager: Jeff Hakwins erfand den Tablet-PC, eines der ersten Smartphones und vor 15 Jahren den Ur-PDA. Zum Hit wurde aber nur sein legendärer Palm Pilot. Heute konzentriert sich Hawkins auf sein Hobby - Hirnforschung.

Jeff Hawkins, heute 50, war immer etwas zu früh dran. 1980 stand er, damals gerade mal 23 Jahre jung und schon Ingenieur bei Intel, in einer Forschungsabteilung für Künstliche Intelligenz des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) und bewarb sich: "Ich wollte das Gehirn erforschen und herausfinden, wie es arbeitet", erzählte er dem Geschichtsprojekt "Computerworld Honors Program" und beschreibt die Reaktion so: "Sie hielten das für Zeitverschwendung" ( PDF-Dokument )

So wurde Hawkins mit 23 nicht zum Hirnforscher. Stattdessen arbeitete er weiter als Ingenieur und entwickelte vor 15 Jahren den ersten "persönlichen digitalen Assistent" (PDA), den Zoomer.

Zu früh. Dieser Ur-PDA verkaufte sich kaum. Erfolg hatte Hawkins erst Jahre später mit dem Palm Pilot. Bis dahin musste der in einem Hafenstädtchen bei New York (sein Vater konstruierte dort Schwimmbühnen) aufgewachsene Ingenieur einige Misserfolge einstecken.

Tablet-PC, Smartphone, PDA - SPIEGEL ONLINE zeigt die Visionen und Flops des Palm-Erfinders Trip Hawkins.

GridPAD, der erste Tablet-PC - ein Flop

Hawkins erstes visionäres, aber erfolgloses Produkt war der Tablet-PC GridPAD: Der zweieinhalb Kilo schwere Unterwegs-Rechner hatte einen Touchscreen, auf dem man per Stift schreiben, zeichnen oder Zahlen eingeben konnte. Die Inspiration für die Schrifterkennungs- Software holte Hawkins sich bei einem Doktoranden-Seminar (Biophysik) an der University of California in Berkeley - dort entwickelte er entsprechende Algorithmen.

Von 1989 an verkaufte Hawkins Arbeitgeber, das kalifornische Unternehmen Grid (eine Tochter des Elektronik-Konzerns Tandy-Radioshack) sein GridPAD. Es war wohl erste Tablet-PC überhaupt. Erst 13 Jahre später feierte Bill Gates Nachfolgemodelle von Hawkins Ur-Tablet-PCs auf der Technikshow CES als " bedeutende Entwicklung ".

Der Erfolg der neuen Tablet-PCs ist allerdings genauso beschränkt wie der von Hawkins Original: Zu den ersten Nutzern des GridPAD gehörten laut einem Artikel der "Financial Times" von 1991 Lieferanten von Bäckereien, die Auslieferungen und Bestellungen damit aufnahmen. Und auch heute sind Tablet-PCs vor allem im Außendienst, in Krankenhäusern oder Logistikzentren im Einsatz.

Warum Tablet-PCs Nischenprodukte blieben? Vielleicht aus demselben Grund wie das GridPAD. Es war, zitierte das Nachrichtenmagazin "Time" 1988 einen sehr selbstkritischen Hawkins, schlicht zu groß und zu teuer. Sein Vorschlag damals: "Hemdentaschen-Größe".

Apple überrollt den Ur-PDA Zoomer

Die Entwicklung von Hawkins Hemdentaschen-Rechner zum Verwalten von Adressen, Terminen und Notizen begann in einer denkbar ungünstigen geschäftlichen Konstellation: Nach dem GridPAD-Flop zögerten Grid und die Konzernmutter Tandy bei dem Digital-Notizblock-Projekt. Nach langem Hin und her gründete Hawkins 1992 frustriert eine eigene Firma, Palm. Allerdings durfte das Unternehmen anfangs selbst keine Hardware produzieren – ein Zugeständnis an den Investor Tandy.

Der Hemdentaschen-Rechner wurde von einem Konsortium entwickelt: Palm lieferte einen Teil der Software, vor allem die Handschrifterkennung, GeoWorks steuerte das Betriebssystem bei, Casio sollte die Geräte bauen und Tandy übernahm die Vermarktung.

Als 1993 endlich Hawkins "Zoomer" getaufter PDA in den Vereinigten Staaten verkauft wurde, trat das Gerät gegen mächtige Konkurrenz an: Kurz vor dem Zoomer kam Apples PDA Newton in die Läden. Darüber ärgert sich Hawkins heute noch im Interview mit dem Geschichtsprojekt "Computerworld Honors Program". Über das Konsortium schimpft er: "Wir haben nichts geschafft, konnten uns auf nichts einigen. Es war unsere Idee, aber Casio hatte das Sagen und sie sagten uns, was wir zu tun haben". Und dann, so Hawkins, kam Apple und habe den Newton erfunden. "Ein Zufall, aber Apple machte die große Show, reklamierte den Begriff PDA und bekam all die Aufmerksamkeit."

Allerdings blieb Apples erster Newton erfolglos, angeblich sollen nur 80.000 der Geräte verkauft worden sein – vom "Zoomer" soll Tandy allerdings noch weniger abgesetzt haben. Beide Geräte krankten an träger Software. Tandy besserte nie nach, Apple aber entwickelte Nachfolgemodelle des Newtons.

Ironie der Geschichte: Hawkins Schrifterkennungsprogramm Graffiti verbesserte die Bedienbarkeit des Newton erheblich. Palm verdiente noch Jahre, nachdem der Zoomer beerdigt war, Geld mit dem Verkauf der Graffiti-Zusatzsoftware für den Ex-Konkurrenten Newton.

Ein Erfolg: der Palm Pilot

Beim zweiten Versuch jedoch hatte Jeff Hawkins Erfolg damit, seine Vision eines Notizbuch-Computers zum Produkt zu machen: Touchdown war der Arbeitstitel des neuen PDAs – Touchdown wie die schwierigste und am höchsten honorierte Art, beim American Football Punkte zu erzielen.

Der von Hawkins selbst immer wieder erzählten Legende nach ging er bei der Entwicklung des Erfolgsgeräts einen damals ungewöhnlichen Weg: Zuerst entwarf er das Gehäuse, legte die Größe und die Bedienelemente fest. Danach mussten die Ingenieure die Technik dieser Form anpassen. Jeff Hawkins trug wochenlang ein aus Basaltholz geschnitztes Modell seines Wunsch-PDAs mit sich herum und tat in Konferenzen so, als würde er Termine und Notizen eintragen.

Gut eineinhalb Jahre dauerte die Entwicklung, dann stellte Palm das Gerät Anfang 1996 der Presse vor. Im März wurden die ersten Palm Pilots verkauft, Ende 1996 hatte Palm mehr als 350.000 Geräte verkauft. Der 160 Gramm leichte "Palm Pilot 1000" wurde zum Bestseller.

Apple hörte im Februar 1998 auf, Newtons zu produzieren und der SPIEGEL bilanzierte , jetzt mache Palm niemand "mehr den Rang des coolsten Elektronik-Accessoires streitig. Marktführer waren die "PalmPilot"-Modelle ohnehin schon." Damals kostet das neue Spitzenmodell Palm III 899 Mark. Die zwei Megabyte Speicher sollten für "6000 Adressen, etwa fünf Jahre Terminkalender, 1500 Memos und 200 E-Mail-Nachrichten ausreichen".

Visionäre Verlustbringer: Visor und Treo

Nachdem der 3Com-Konzern Palm aufgekauft hatte, verließ Hawkins die Firma und machte Palm 1999 mit Handspring Konkurrenz. Die Handspring-Produkte waren ihrer Zeit voraus: Der PDA Visor zum Beispiel konnte über eine Universal-Erweiterungsschnittstelle mit GPS-Empfängern, Digital-Kameras oder einer Handy-Erweiterung aufgemotzt werden.

Für solche Modul-Konzepte werden heute Firmen wie Bug Labs als innovativ gefeiert (siehe Fotostrecke unten). Hawkins trieb bei Handspring auch die Entwicklung von Smartphones voran, lange bevor diese Geräte als potentielle PDA-Killer erkannt wurden. Das erste PDA-Handy, den Treo 180, führte Handspring Ende 2001 vor.

Hawkins Vision machte Handspring allerdings nicht besonders profitabel - das Unternehmen machte 2000 mehr als 60 Millionen, 2001 gut 126 Millionen Dollar Verlust. Im August 2003 fusionierte dann Palms Hardwaresparte mit Handspring und Hawkins arbeitete wieder für die Firma, die er einst gegründet hatte.

Foleo-Flop - der Beinahe-EeePC

Mit diesem Konzept wurde der Asus EeePC 2008 (siehe Fotostrecke unten) zum Bestseller: Ein leichtes (knappes Kilo) und günstiges Subnotebook mit Flash-Speicher, W-Lan, Linux-Betriebssystem und einer Auswahl vorinstallierten, einfach bedienbarer Programme. Jeff Hawkins hat solch einen Knuddelcomputer allerdings schon etwas eher in Mache. Im Gespräch mit News.com  schwärmte Hawkins im Mai 2007 von seiner neuen Entwicklung, einem Kleincomputer namens Foleo: "Er ist einfach, er ist klein, er ist schnell, er hat eine Flash-Festplatte, ist sofort an- oder ausgeschaltet."

500 Dollar sollte der Foleo kosten - mit W-Lan, Bluetooth und einem 10-Zoll-Bildschirm (der EeePC hat nur 8), aber nur 256 Megabyte freiem Flash-Speicher. Hawkins gab sich im Gespräch mit News.com zuversichtlich, spekulierte, der Foleo könne eine ganz neue Produktart definieren – so wie es der EeePC später tatsächlich getan hat. Der Foleo kam nie in die Geschäfte (im Video unten preist Hawkins das Gerät).

Kurz vor dem erwarteten Verkaufsbeginn teilte Palm im September 2007 mit, man werde den Foleo nicht veröffentlichen. Palm-Geschäftsführer Ed Colligan schrieb im Firmenblog : "Wir müssen unsere Bemühungen auf eine Plattform fokussieren." Tests hätten gezeigt, dass man den Foleo noch verbessern müsse, um ein "Weltklasse-Produkte" daraus zu machen.

Diesen Aufwand könne Palm sich nicht leisten. Aber, so Palm-Boss Colligan: "Jeff Hawkins und ich glauben weiter daran, dass die vom Foleo definierte Produktart großes Potenzial hat."

Das hat der EeePC inzwischen demonstriert.

Hawkins konzentriert sich auf die Hirnforschung

Seit dem Foleo-Flop konzentriert sich Hawkins auf sein Hobby, die Hirnforschung. Schon zuvor hatte er bei Palm nur in Teilzeit gearbeitet, viel Zeit mit der Arbeit an seinen Hirnforschungs-Projekten verbracht:

  • 2002 gründete Hawkins das "Redwood Neuroscience Institute" (gehört seit 2005 zur University of California in Berkeley).
  • 2004 wurde sein Buch "On Intelligence" ein Bestseller in den Vereinigten Staaten (in Deutschland als "Die Zukunft der Intelligenz" erschienen).
  • 2005 gründete er das Software-Unternehmen Numenta, das Künstliche Intelligenz entwickeln soll.

Bei Numenta versuchen Programmierer, Software lernfähig zu machen: Programme sollen Muster erkennen, sich erinnern und – so Hawkins Ziel auf lange Sicht – irgendwann nach denselben Mustern arbeiten wie das menschliche Hirn (das Video unten zeigt Hawkins bei einer Rede zur Hirnforschung).

Ob Hawkins mit diesem Vorhaben wieder zu früh dran ist?

Nach seinen eigenen Maßstäben wohl kaum – schließlich ist er 25 Jahre vor der Numenta-Gründung mit derselben Idee schon einmal beim Massachusetts Institute of Technology gescheitert.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.