Peinlich-Werbung Fremdschämen mit Microsoft

Ein Werbeclip preist Windows mit schiefen Reimen und Quietsch-Gesang. Das sei "Selbstironie" und ein "internes Video für Verkäufer", erklärt Microsoft. Der Clip erfreut bei Youtube Millionen – die Tiefpunkte der Computer-Werbung sind aber noch viel peinlicher.

Der Videoclip ist nur drei Minuten lang, aber schon die sind kaum zu ertragen. Ein Detail ist peinlicher als das andere: Der Schenkelklopfer-Name der auftretenden Microsoft-Band (Bruce ServicePack und die Vista Street Band).

Die gezwungenen Reime, in denen die Microsoft-Verkäufer ein Loblied auf Windows Vista singen. Die US-Flagge, die sich der Gitarrist als Kopftuch umgebunden hat. Die ungelenken Tanzbewegungen, mit denen die Protagonisten sehr bemüht Freude über die Verkaufszahlen und generelle Windows-Begeisterung andeuten.

Dieses Werbefilmchen ist so peinlich, dass das "Wall Street Journal" mit ironischer Anspielung auf die Watergate-Affäre von einem " Videogate " schreibt. Eine Microsoft-Sprecherin hat dem Wirtschaftsblatt die Echtheit des Clips bestätigt, wies aber darauf hin, dass der Film nur für die eigenen Mitarbeiter aus der Verkaufsabteilung bestimmt war. Dumm gelaufen: Jetzt sieht ihn jeder (siehe unten).

Dem IT-Fachdienst Cnet erklärte ein Microsoft-Mitarbeiter, das Ganze sei selbstironisch gemeint. Ein Spaß auf eigene Kosten, über den jetzt auch ein paar Millionen Microsoft-Kunden lachen können.

Kulisse und Kostüme mögen albern sein, die Botschaft des Clips ist aber ganz ernst: Mit dem Sercive Pack, dem neuen Verbesserungspaket für Windows Vista, haben die Verkäufer ein neues Argument, um bislang zögerlichen Firmenkunden das neue Betriebssystem endlich zu verkaufen.

If they have been waiting / (Wenn sie gewartet haben)
No more hesitating / (Gibt es nun kein Zögern mehr)
They'll see the value to their businesses / (Sie sehen den Nutzen für ihre Firma)
Quota is where your focus is / (Ihr konzentriert euch auf die Verkaufsquote)
Gotta get those bonuses / (Um an die Bonuszahlungen zu kommen)

Diese internen Einschwörungsvideos mit peinlicher Optik und harter Botschaft für die US-Verkäufer haben bei Microsoft Tradition – in älteren Werbevideos haben schon rappende Professoren und der brüllende Brachial-Ballmer die Vorteile der neusten Microsoft-Programme angepriesen.

Debiles Grinsen, dämliche Reime und Microsoft-Chef Ballmer in Karos - SPIEGEL ONLINE zeigt die peinlichsten Tiefpunkte der Computer-Werbung.

Brachial-Ballmer flippt wegen Windows 1.0 aus

Microsoft-Manager Steve Ballmer (seit 1980 dabei, seit 2000 Geschäftsführer) steht in einem Karojackett neben einem Computer und flippt aus: Seine Stimme überschlägt sich, als er die vielen wunderbaren Funktionen von Windows anpreist, er schreit, er quiekt, er macht einfach weiter: "Sie bekommen Write, Paint, ein Adressbuch, einen Kalender, eine Uhr, die MS-DOS-Eingabeaufforderung, ein Kontrollfeld und, können Sie es glauben, Reversi!"

Nein, das ist nicht ernst gemeint. Dieser Spot lief nicht im Fernsehen, sondern lediglich auf Microsoft-Versammlungen für die Verkäufer. Ein interner, selbstironischer Film mit Verkaufsbotschaft (Windows bietet alles und kostet 99 Dollar!) also.

Der Unterschied zum "Bruce ServicePack"-Filmchen: Steve Ballmer ist wirklich witzig, wenn er peinliche Auftritte hinlegt.

Der MS-DOS-Rap

Sehr witzig: Ein Wicht in weißem Laborkittel und dicker schwarzer Brille rappt die Vorteile der neuen MS-DOS-Version (5.0!) vor, begleitet von drei Sängerinnen, die im Gegensatz zu ihm ein gewisses Gespür für Rhythmus und derlei beweisen.

Die Werbebotschaften sind plump, die Reime holpern auf Kindergarten-Niveau dahin, fünf peinliche Minuten lang. Kostprobe des DOS-Raps:

The MS-DOS Upgrade is a hit / (Das MS-DOS-Upgrade ist ein Hit)
and no PC Should be without it (Jeder sollte es haben)
DOS hat 60 Million users waiting / (60 Millionen DOS-Nutzer warten)
Time for them all to be upgrading (Es wird Zeit für sie alle, zu aktualisieren)
It's gonna be a cash machine for you / (Das wird ihr Umsatzbringer sein)
Upgrading is the natural thing to do (Denn es liegt auf der Hand, zu aktualisieren)

Dagegen sind Bruce ServicePack und die Vista Street Band eine Wonne.

Peinlich sind auch andere - Commodore-Besitzer grinsen debil

Wie konnte der C64 nur zu einer Legende werden – angesichts von Werbespots wie diesem? Der Computerhersteller Commodore versuchte Mitte der achtziger Jahre die Menschheit tatsächlich davon zu überzeugen, dass man als Besitzer des C64 jederzeit debil grinst, als habe man Ecstasy-Pillen eingeworfen.

Schlimmer noch: Alle Commodore-Besitzer grüßen sich mit diesem Erkennungszeichen: Mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger kurz an die Stirn tippen. Und nach Meinung von Commodore haben C64-Besitzer offenbar auch im Schwimmbad auf Wasserrutschen mehr Spaß als andere. Warum? Warum auch immer.

Atari zerstört das Familienwochenende

Peinlich, aber eine Perle: Atari amüsiert sich in diesem Clip über eine Spießerfamilie auf dem Weg ins Wochenende: Papa ("Ich bin eine Führungskraft!") im Pullunder kutschiert Frau und die zwei Kinder im Kombi, der Seitenscheitel-Sohn schiebt die Brille genauso affektiert hoch wie der Vater, Mutter und Tochter tragen natürlich beide Pink, und plötzlich schüttelt eine Riesenhand die vier in Rennautos - und das aufregende Computerspiel beginnt.

Und hier wird der Clip unfreiwillig komisch: Man sieht die meiste Zeit echte Rennwagen herumrasen, die kurz dazwischen geschittenen Szenen aus dem eigentlichen Spiel sehen flächig und ungelenk bunt aus wie in einem Malbuch.

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