Per Abstimmung Zeitung lässt Leser Titelseite zusammenstellen

Im Kampf um ihre Überlebensfähigkeit suchen Tageszeitungen nach immer neuen Wegen, auch die junge, Web-affine Leserschaft zu erreichen. Das "Wisconsin State Journal" hat sich dazu etwas Originelles ausgedacht - und macht zugleich klar, wo das Problem der Zeitungen liegt.


Das "Wisconsin State Journal" ist immerhin die zweitgrößte Zeitung des US-Bundesstaates Wisconsin (Auflage wochentags: 90.000), hat aber wie alle Zeitungen mit den Auswirkungen der Medienkrise zu kämpfen. Für Tageszeitungen hat diese vor allem zwei Facetten, die existenzbedrohend sind: Zum einen brachen in den letzten Jahren die Werbeeinnahmen ein, zum anderen blieben Leser fort, auf die man gerechnet hatte.

"Wisconsin State Journal": Regionalzeitung auf der Suche nach neuen Lesern

"Wisconsin State Journal": Regionalzeitung auf der Suche nach neuen Lesern

Denn über Jahrzehnte galt im Zeitungsgeschäft ein ehernes Gesetz: Die regelmäßige Leserschaft war eher älter als bei der Magazinpresse, geschweige denn den AV-Medien. Irgendwann aber zwischen Mitte und Ende Zwanzig wurden viele Menschen zu Zeitungslesern. Die Kundschaft kam spät, verhielt sich dann aber umso treuer.

Das aber gilt seit Ende der Neunziger nicht mehr. Die neuen, frischen Leser bleiben aus, die Leserschaft wird immer älter, während sich gerade die jungen und mittleren Generationen immer mehr dem Internet als Nachrichtenmedium zuwenden.

Menschen aber, so lautet ein unter Marketingfachleuten und Sozialarbeitern beliebtes Klischee, muss man da "abholen", wo sie gerade sind. In diesem Fall, entdeckte das "Wisconsin State Journal", ist das im Internet.

Und dachte sich eine pfiffige Idee aus, die über den Aufbau einer attraktiven Web-Präsenz hinaus geht. Warum sollte man neue Leser nicht locken und für die Zeitung interessieren, indem man die interaktiven Möglichkeiten des Internet nutzt?

Das klingt wie ein guter Plan. Ab sofort können beim "Wisconsin State Journal" die Leser zwischen 11 und 16 Uhr mitentscheiden, was am nächsten Tag auf der Titelseite der Zeitung landet. Natürlich stellt die Leserschaft dabei nicht die ganze Seite zusammen. Nur die populärste Online-Story schafft es auf den Titel.

Die Aktion, heißt es aus der Redaktion, wird gut angenommen. Auch die Redakteure lernen nun etwas über die Präferenzen ihrer Leserschaft. In Zukunft würden es wohl mehr Meinungsformate und Berichte aus subjektiven Perspektiven auf die Titelseite schaffen, glaubt man beim "Wisconsin State Journal".

Das wird mit Sicherheit so sein. Abgesehen davon, dass es nun also scheinbar vor allem "subjektivere" Formate sind, die es "nach vorn" schaffen, haben die erwählten Artikel aber noch eines gemeinsam: Sie sind alle von gestern.

Genau da aber liegt die Wurzel der Zeitungskrise.

Frank Patalong

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