Personalisierte News Internet-Ausdrucker wollen die Zeitung retten

Ein paar News aus der "Frankfurter Rundschau" und der "taz", dazu Blogeinträge und Facebook-Nachrichten: Zwei Berliner Jungspunde erfinden die krisengeschüttelte Zeitung neu. Jeder Abonnent wählt sich seinen eigenen Inhalts-Mix - das freut auch die Werbekunden.
Von Ralf Grötker
"Niiu"-Gründer Tiedemann und Oberhof: Mit einem Klick zum eigenen Blatt

"Niiu"-Gründer Tiedemann und Oberhof: Mit einem Klick zum eigenen Blatt

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Halb zehn Uhr morgens, der Océ JetStream 2200 schweigt. Vor einigen Stunden noch sind 150 Meter Papier pro Minute durch den riesigen Tintendrucker gejagt - für "Niiu", eine neue Zeitung in Berlin, die in der Nacht Premiere hatte. Die Sektflaschen, mit denen die Belegschaft den gelungenen Druck in den frühen Morgenstunden gefeiert hat, sind längst abgeräumt.

Lediglich ein paar Stapel Probeexemplare liegen noch auf dem Tisch. "Die landen im Papierwolf", erklärt Martin Trutt, Geschäftsführer der RT Reprotechnik, die den Océ JetStream 2200 betreibt. Einfach ins Altpapier werfen reicht nicht, die Zeitungen enthalten persönliche Daten: Auf jedes Exemplar ist die Adresse des Empfängers gedruckt. Hinzu kommen künftig - je nach Wunsch - Mitteilungen aus der privaten Facebook-Community, die der Abonnent sich in seiner Zeitung ausdrucken lassen will.

"Niiu" ist die erste Zeitung der Welt, deren Inhalt sich jeder Leser selbst zusammenstellt: Politik aus der "Welt", "New York Times" oder "Prawda", Wirtschaft vom "Handelsblatt", Lokales aus "Tagesspiegel", "Bild" oder "Morgenpost". Oder andersherum: Jeder nach seiner Fasson. Damit wird das billige Massenprodukt Tageszeitung zum einzeln gefertigten, individuellen Maßartikel. Und entsprechend teuer?

Keineswegs - "Niiu" kostet im Abonnement 1,80 Euro pro Ausgabe. "Erst auf der letzten drupa wurden Digitaldruckmaschinen vorgestellt, die preiswert genug arbeiten, um damit eine Zeitung zu einem üblichen Endpreis zu drucken", erklärt Wanja Oberhof, einer der beiden "Niiu"-Gründer. "Außerdem spielte die Geschwindigkeit für uns eine Rolle." Sieben Stunden bleiben dem Team von der Lieferung der letzten Daten durch die News-Lieferanten bis zur Auslieferung der fertigen Zeitung an den Zusteller.

Möglich wird dies durch ein Arsenal neuer Technologien, mit denen sich noch ganz anderes realisieren ließe als "Niiu". Lokalzeitungen könnten für jedes Viertel der Stadt eine andere Ausgabe anbieten, Kundenmagazine speziell auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten werden. Deshalb ist "Niiu" ein von der gesamten Branche mit Spannung beobachteter Testballon dafür, wie das Zusammenspiel von Drucktechnologie, Softwareentwicklung und innovativen Werbemodellen in naher Zukunft den Markt gedruckter Medien neu definieren könnte.

Digitaldruck ist günstiger bei kleinen Auflagen

Selbst wenn der Tod der Tageszeitung seit ein paar Jahren immer wieder verkündet wird: Papier ist - immer noch - der wichtigste Infoträger der Finanz- und Wirtschaftskommunikation. Zudem hat, was gedruckt ist, psychologisch betrachtet mehr Gewicht. "Print ist glaubwürdiger", meint Oliver Baar, Entwicklungsmanager im Bereich Digitaldruck bei Hewlett-Packard. Und selbst wenn sich E-Book oder Tablet-PC stärker durchsetzen sollten, sieht er darin Vorteile: "Das E-Book hilft uns, weil es den Trend zu niedrigeren Auflagen verstärkt. Davon profitiert der Digitaldruck."

Überhaupt hat der Digitaldruck in Sachen Geschwindigkeit, Qualität und Kosten so weit aufgeholt, dass er dem herkömmlichen Offset-Zeitungsdruck nun ernsthaft Konkurrenz macht. Aufwendig herzustellende Druckplatten entfallen, und die erst seit Kurzem mögliche Umstellung vom Bogen- aufs Rollenformat beschleunigt das Tempo enorm. Ein "Kreuzwender" genannter Mechanismus sorgt bei den neuen Maschinen dafür, dass die 52 Zentimeter breite Papierbahn im laufenden Betrieb gewendet wird, ohne dabei zu zerreißen.

Durch die Verwendung von Tinte anstelle von Toner konnten die Materialkosten noch einmal stark gesenkt werden. Der Verbrauch ist erstaunlich gering: Kaum mehr als ein, zwei Liter groß sind die Behälter mit Farbflüssigkeit, die an die riesige Druckanlage angeschlossen sind. Bei "Niiu" reicht ein Set solcher Flaschen für mehrere Tage. Ein weiterer Vorteil der Technik: Tinte verteilt sich relativ großflächig auf dem Papier. Dadurch ist es möglich, bei einer Punktdichte von 600 dpi (dots per inch) Ergebnisse zu erzielen, die denen des herkömmlichen Offsetdrucks mit 2400 dpi optisch nahezu gleichkommen.

Auf den Charts, die Herr Baar auf seinem Notebook mit sich führt, ist zu sehen, ab wann sich der Digitaldruck lohnt: Bei einem Prospekt ist der Digitaldruck bei einer Auflage unter 1500 identischen Exemplaren rentabler als der herkömmliche Offsetdruck; bei einer Postkarte lohnt sich der Digitaldruck bis zu einer Auflage von 22.000 Kopien. Und die Entwicklung geht weiter: Auf den letzten Branchenmessen, der Print in Chicago und der Düsseldorfer drupa, hat Hewlett-Packard den "T300 Colour Inkjet" vorgestellt: einen digitalen Tintenstrahldrucker, der ebenso wie der Océ-Drucker ganze Rollen in schnellem Tempo bedruckt, sogar bis zu 76 Zentimeter breit. Kostenpunkt: 2,7 Millionen Euro. Ähnlich viel müssen Käufer für den Océ-Drucker auf den Tisch legen. Nun suchen neue Spieler im Mediengeschäft nach kreativen Geschäftsmodellen, um mit möglichst breitem Portfolio die Maschinen auslasten zu können.

Hewlett-Packard plant schon seit Längerem ein Projekt mit dem Kölner Uni-Spin-off "Medieninnovation", das sich darauf spezialisiert hat, Web-Inhalte grafisch in Zeitungsformate zu übersetzen, automatisch zu layouten und für den Druck vorzubereiten. Die Technik lässt sich ebenso wie für den Digitaldruck auch fürs E-Book verwenden. Und die Softwareschmiede Syntops aus Augsburg will bald - ähnlich wie "Niiu" - eine individualisierte Zeitung mit dem Namen "PersonalNews" anbieten, vorerst aber noch nicht in gedruckter Form. Die Leser erhalten lediglich ein PDF-Dokument zugeschickt - aber dafür nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit. Im vergangenen Jahr hatte Syntops bereits Erfahrungen mit einer personalisierten Zeitung in der Schweiz gesammelt, die allerdings, ohne den Einsatz großer Digitaldruck-Maschinen, nur in einer auf Copyshop-Maschinen gedruckten Auflage von hundert Stück erschien.

Anzeigenschaltung ähnlich wie bei Google

Anders als die Syntops-Macher sind die Gründer von "Niiu", Wanja Oberhof und Hendrik Tiedemann, Newcomer im Mediengeschäft. Seit zweieinhalb Jahren arbeiten die beiden Mittzwanziger, die an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht studieren, an ihrem Projekt. Die Idee hatten beide unabhängig voneinander: Bei Tiedemann war es das Interesse an zielgruppenorientierter Werbung, das ihn zu "Niiu" führte, bei Oberhof der Verdruss über den Stapel verschiedener Zeitungen im eigenen Briefkasten. Auf Investoren konnte das Duo verzichten: Tiedemann brachte eine Erbschaft und sein Einkommen als Geschäftsführer der elterlichen Grundstücksverwaltung in die Gründung der gemeinsamen InterTi GmbH ein.

"Niiu" hat nicht den naheliegenden Weg eingeschlagen und die bereits existierenden Unternehmen Syntops und Medieninnovation an Bord geholt. "Allein auf zwei, drei geniale Köpfe zu setzen erschien uns als ein zu großes Risiko. Deshalb haben wir uns für eine größere Firma entschieden." Die InterTi GmbH gab die notwendige Software bei dem Schweizer Unternehmen Previon in Auftrag. Die Anforderungen waren breit gefächert: Das System muss in der Lage sein, Web-Inhalte wie Blogs oder Facebook-Seiten auszulesen und daraus automatisch Zeitungseinträge zu erstellen - ohne dass es hinterher auf der gedruckten Seite von sonderbaren Zeichenketten wimmelt, die für die Web-Darstellung notwendig sind, im Print aber nichts zu suchen haben. Dann muss sie die von den Verlagen in unterschiedlicher Qualität gelieferten PDF-Dateien so aneinander angleichen und optimieren, dass ein annehmbares und gleichmäßiges Druckbild entsteht. Und schließlich muss der persönliche Nachrichten-Mix jedes Lesers auf genau 20 Seiten untergebracht werden.

Der gesamte Prozess ist eine heikle Angelegenheit. Anders als bei einer herkömmlichen Zeitung sind Fehler bei Druck oder Verarbeitung nicht leicht wieder gutzumachen: Dazu müsste der Druckauftrag für das jeweils verunglückte Exemplar mitsamt der Empfängeranschrift auf der Titelseite neu in das System eingespeist werden - das ist in der Hektik des Drucks praktisch nicht zu leisten.

Auch Werbung wird individualisiert

Damit das Ergebnis stimmt, müssen alle beteiligten Partner Hand in Hand arbeiten. Previon hat seine Software speziell für den Einsatz im Océ JetStream 2200 entwickelt. RT Reprotechnik hat die Anschaffung der kostspieligen Digitaldruckmaschine in Berlin nur wagen können, weil mit "Niiu" bereits ein Teil der Auslastung garantiert war - der Rest, hofft RT-Reprotechnik-Geschäftsführer Trutt, soll über den Nachdruck historischer Zeitungen kommen oder den individuellen Druck von Gebrauchsanweisungen.

Als größte Herausforderung für die Software stellte sich bereits im Vorfeld das Anzeigenmanagement heraus. Jeweils die beiden vorletzten Seiten einer "Niiu" sind für Werbung reserviert. Diese kann individualisiert gebucht werden: Ein Werbekunde kann etwa eine Anzeige bei allen weiblichen Leserinnen im Bezirk Mitte schalten, die sich für Politik interessieren. Bei Anzeigen, die in einer niedrigen Auflage erscheinen, ist die übliche Akquise per Telefon zu aufwendig. "Bei uns funktioniert das über ein Portal, ähnlich wie bei 'Google AdWords', erklärt Oberhof. Der Werbekunde lädt selbst seine Anzeige hoch und wählt die Zielgruppe aus." In der Menge ist die Planung solcher Anzeigen auf dem Raum von zwei zur Verfügung stehenden Seiten jedoch eine ungeheuer komplexe Angelegenheit.

"Wir haben Tage damit verbracht, allein die Regeln zu diskutieren, die hinterher mit der Software umgesetzt werden sollten", erzählt Previon-CEO Roger Wernli. "Was macht man zu Beispiel, wenn plötzlich neue Abonnenten hinzukommen - und damit das Anzeigenvolumen und somit auch der Anzeigenpreis steigt?" Oder: "Wenn ein Kunde beispielsweise die Zielgruppe der 20- bis 30-Jährigen für seine Kampagne gebucht hat und ein Branchenkonkurrent für den gleichen Zeitraum eine Anzeige an alle Frauen in einem bestimmten Wohnbezirk schalten will, dann muss das System ihm signalisieren, dass die 20- bis 30-jährigen Frauen bereits ausgebucht sind."

Eine Renaissance der Lokalzeitung

Werbung ist auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht ein heißes Thema: Wie weit können die im Vergleich zum Offset-Massenprodukt immer noch relativ hohen Herstellungskosten beim Digitaldruck durch Werbeeinnahmen wieder ausgeglichen werden? Knapp neunzig Cent kostet der Druck einer 20-seitigen "Niiu" - gut 20 Cent mehr als die Produktion einer ungleich umfangreicheren gewöhnlichen Tageszeitung. Wie viel auf den Leser zugeschnittene Werbung den Anzeigenkunden wert sein wird, darüber kann man nur mutmaßen. Oberhof und Tiedemann haben in ihrem Geschäftsplan für "Niiu" die gleichen Anzeigenpreise zugrunde gelegt, die auch sonst im Zeitungsgeschäft bezahlt werden. Bei einer Berliner Tageszeitung sind das knapp 20 Cent pro ganzseitiger Anzeige und Exemplar. Serdar Azar, der bei Syntops in Augsburg das Projekt "PersonalNews" betreut, glaubt hingegen, dass die Anzeigenpreise in der personalisierten Zeitung mindestens so hoch ausfallen werden wie bei Werbebrief-Aktionen: "Mindestens ein bis zwei Euro pro Anzeigenexemplar." Der Juwelier um die Ecke, der sich speziell an gut verdienende Frauen im Viertel wendet, könnte sogar bereit sein, "fünf bis zehn Euro" pro Exemplar zu investieren.

Unter dem Strich bleiben um die 70 Cent pro Exemplar für die InterTi GmbH - davon müssen Oberhof und Tiedemann allerdings noch die Inhalte der Zeitung bezahlen. Die Verlage zur Kooperation zu bewegen, erzählt Oberhof, sei "ein langer Weg" gewesen. Ähnliche Erfahrungen hat auch das Augsburger Syntops-Team mit "Per sonalNews" gemacht: "Anfangs waren die Verlage sehr skeptisch", räumt Azar ein, "doch mittlerweile sehen sie, dass wir einen ernsthaften Vertriebskanal für sie schaffen wollen."

Knapp tausend Exemplare betrug die Startauflage von "Niiu". In sechs Monaten will der Kleinverlag 5000 verkaufte Exemplare erreichen - damit, meint Oberhof, könne die Firma mittelfristig profitabel wirtschaften. Dafür muss die Qualität aber noch steigen. Anfangs liest sich das neue Printprodukt wie ein bunt zusammengewürfelter Haufen loser Zeitungsseiten. Eine Seite vier des Lokalteils der "Morgenpost" kommt vor der Seite zwei; von einer Doppelseite erscheint nur die eine Hälfte; die Auszüge aus den Blogs stehen voll unleserlicher Sonderzeichen; Verfasser der Texte sind unkenntlich; und auf der Titelseite prangt wochenlang täglich dasselbe Foto.

Vielleicht hätten erfahrene Zeitungsprofis dem Berliner Duo mehr Nullnummern für ihr Printprodukt empfohlen, bevor sie damit an den Markt gehen. Doch da sind die Jungspunde anderer Auffassung: "Das System lernt autonom. Aber das kann es erst im Live-Einsatz", erklärt Toni Kaufmann, der die technische Seite des Projekts bei der Softwarefirma Previon verantwortet.

Das Geschäftsmodell lässt hoffen

Doch das Geschäftsmodell lässt hoffen. Der nächste Schritt könnte eine Zeitung sein, die nicht aus fertigen Seiten anderer Blätter besteht, sondern aus einzelnen Artikeln neu zusammengesetzt ist. Auch wäre es möglich, Community-Magazine in kleiner Auflage zu erstellen - Syntops will so etwas zukünftig anbieten. Über den von Hewlett-Packard betriebenen Internet-Service MagCloud ist es heute schon möglich, im Selbstverlag ein richtiges Hochglanz-Magazin mit eigenen Inhalten zu erstellen und drucken zu lassen. Zwanzig US-Cent pro Seite zahlt der Auftraggeber allerdings für die Herstellung eines solchen Magazins, Inhalt nicht gerechnet.

Ob Digitaldruck-Medien künftig über die Zweitvermarktung anderweitig erschienener Beiträge hinauskommen werden, hängt davon ab, ob es gelingt, hochwertige Inhalte mit drucktechnisch preiswerten Formen zu verknüpfen. Eine Renaissance der Lokalzeitung beispielsweise wäre mit Digitaldruck denkbar. In den USA stellt die Firma Printcasting.com eine Plattform für Regionalzeitungen im Selbstverlag bereit. Auch große Tageszeitungen könnten auf kleinräumigste Bezirke zugeschnittene Mini-Lokalbeilagen erstellen, so wie dies die "Chicago Tribune" seit einiger Zeit unter dem Titel "TribLocal" praktiziert.

Die Texte, die meisten aus der Hand von Bürger-Journalisten, stehen zunächst auf der Webseite der Zeitung und werden nach Popularität, geografischem Bezug und Länge der Beiträge für eine der mehr als 20 "TribLocal"-Ausgaben wöchentlich auf 18 Seiten zusammengestellt. Um so etwas zu realisieren, braucht es nicht einmal viel Personal. Als die "Chicago Tribune" noch zehn reguläre Lokalausgaben unterhielt, beschäftigte sie dafür insgesamt 120 Redakteure. Heute reicht ein Mitarbeiter pro Mikro-Ausgabe von "TribLocal".


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