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03. November 2014, 18:03 Uhr

Onlinejournalismus

Konfetti für den Weilchenbeschleuniger

Ein Essay von Peter Glaser

SPIEGEL ONLINE wird 20 Jahre alt - Zeit für einen Blick auf den Wandel im Onlinejournalismus als Ganzes. Denn dieser ist zum Dauerzustand geworden. Und die Branche selbst hat einiges verschlafen.

Im Herbst 1998 lernte Ralph Terkowitz in einer Garage in Menlo Park im Silicon Valley zwei junge Unternehmensgründer auf der Suche nach Geldgebern kennen, Sergey Brin und Larry Page. Terkowitz gehörte zur Führungsriege der traditionsreichen "Washington Post", er war Chief Technical Officer, zuständig für die Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf das Verlagsgeschäft. Er ließ seinen Wagen mit dem Fahrer draußen warten und unterhielt sich mit den beiden über deren Idee, aus der gerade die Firma Google Inc. hervorging. Eine Investition in die Suchmaschine zu dieser Zeit hätte die "Washington Post" - die 2013 für einen Schnäppchenpreis an Amazon-Chef Jeff Bezos verkauft wurde - mit einer formidablen Zukunftsperspektive ausgestattet. Aber nichts geschah. "Wir haben es versiebt", sagt Terkowitz.

Zu der Zeit war, was Zeitungen und das Internet angeht, bereits einiges deutlich geworden. 1993 hatte der Verlag des "Miami Herald" Nachforschungen über die ungenehmigte digitale Verbreitung der populären Kolumne des Pulitzer-Preisträgers Dave Barry angestellt. Es zeigte sich, dass es, neben eigens eingerichteten Dave-Barry-Newsgroups und Mailinglisten, die von Tausenden Fans gelesen wurden, auch einen Teenager im Mittleren Westen gab, der die Kolumnen von Hand im Netz weiterverteilte. Er mochte Barrys Texte so sehr, dass er bereit war, alles dafür zu tun, damit möglichst jeder sie lesen konnte. Gordon Thompson, damals zuständig für den Internetzugang der "New York Times", erkannte: "Wenn ein 14-jähriger Junge in seiner Freizeit dein Business hochgehen lassen kann - und zwar nicht, weil er dich hasst, sondern weil er dich liebt -, dann hast du ein Problem."

Kybernetische Konfetti im Weilchenbeschleuniger

Heute läuft das, was der Junge vor zwei Jahrzehnten begonnen hat, zu großer Form auf. Immer mehr Onlineleser landen auf digitalen Zeitungsseiten, weil sie auf Facebook oder Twitter dem Hinweis eines anderen Individuums auf einen einzelnen Artikel nachgehen. Wie aus gewaltigen Staudämmen herab rauscht so aus den sozialen Netzen immer kraftvoller der begehrte Klickstream in die Turbinen journalistischer Websites.

Der digitale Medienfluss, der Stream, ist dabei, sich in eine Umweltbedingung zu verwandeln. In etwas, das überall und immer da ist. Früher öffnete sich einmal pro Abend mit der Tagesschau das Nachrichtenfenster in die Welt. Heute fließen Meldungen, Informationen, Unterhaltung permanent. Etwas so Sonderbares wie "Sendeschluss" kennen junge Mediennutzer nicht mehr. Das Netz vibriert vor Mitteilsamkeit, ständig geht es vor sich und aktualisiert sich. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand.

Hier im Online-Universum wird auch der Journalismus heimgesucht von etwas, das die einen für eine fundamentale Neuordnung halten, andere für eine Katastrophe. Die altgedienten Moleküle, zu denen Kulturprodukte zuvor verbunden waren, zerfallen in Folge der Digitalisierung wieder in ihre Atome (und wollen nichts heftiger, als sich neuerlich zu Molekülen verbinden). Das Musikalbum ist atomisiert zu einzelnen Tracks, Filme zerfallen zu YouTube-Clips und auch die Weltordnung der Zeitung löst sich auf in einzelne Artikel, die als kybernetische Konfetti durch die Weilchenbeschleuniger im Netz sausen.

"Für mich als Österreicher ist Aggregation nichts Neues"

So ergibt sich ein neues Gewebe aus Nachrichten, das mit der konventionellen Anordnung von Information nur noch wenig zu tun hat. Es ist eine Art flüssige Zeitung. Und es zeigt neue, übergeordnete Qualitäten, die eine einzelne Zeitung gar nicht leisten kann - eben weil sie nur eine ist. Dieses neue Gewebe lässt sich von Aggregatoren zusammenfügen - von menschlichen wie beim "Perlentaucher" oder von einem Algorithmus wie bei den heiß umfehdeten Google News, die im Nachgang zum 11. September 2001 entstanden, als der Google-Mitarbeiter Krishna Bharat es einfach nicht fassen konnte, dass zu einem solchen Ereignis nicht auch irgendwo die ganze Vielfalt an Stimmen zum Thema zu finden war.

Für mich als Österreicher ist Aggregation nichts Neues. Seit jeher weiß ich die Zeitungstische in Kaffeehäusern zu schätzen, und im Grunde genommen ist auch Google eine österreichische Erfindung. Noch heute kann man sich etwa im Cafe Griensteidl in Wien in Wissenszweifelsfällen mit einer Sachfrage an das Bedienungspersonal wenden, das dann auf zwei vorrätige "Brockhaus"-Gesamtausgaben zurückgreift, um eine Antwort servieren zu können.

Sechsmal Post pro Tag

Überinformation ist der Smog des Informationszeitalters. Je kompakter und intelligenter jemand heute Information aufbereitet, desto wertvoller wird sein Beitrag. "Elektrisch zusammengezogen ist die Welt nur mehr ein Dorf", schrieb Marshall McLuhan 1964. "Es ist dies das Zeitalter der Angst, weil die elektrische Implosion uns ohne Rücksicht auf 'Standpunkte' zum Engagement und zur sozialen Teilnahme zwingt." Manche Angst, etwa die, nicht mehr Schritt halten zu können mit der forcierten Nachrichtengeschwindigkeit, erweist sich bei näherer Betrachtung aber als alter Hut. Zu Lebzeiten der Schriftstellerin Jane Austen (1775-1817) wurde in London sechsmal pro Tag Post zugestellt. Auch Zeitungen zirkulierten zügig, die "Neue Zürcher Zeitung" etwa erschien bis 1969 dreimal täglich.

Mit dem Internet hat heute jeder von uns eine Nachrichtenlage, wie sie noch vor ein paar Jahren nur Regierungen, Wirtschaftsführern und Redaktionen mit teuren Agenturtickern zur Verfügung stand - mit Wikileaks und Cryptome gibt es nun sogar so etwas wie Bürgergeheimdienste dazu. Viele neue Stimmen machen die Welt unübersichtlicher und bringen sie uns zugleich auf nie gesehene Weise nahe. Ein Mensch mit einer Uhr weiß immer wie spät es ist. Ein Mensch mit vielen Uhren ist sich nie sicher. Wenn aber die Uhr des Menschen mit nur einer Uhr falsch geht, ist er aufgeschmissen. Der mit den vielen Uhren dagegen hat gute Chancen, zu erkennen, dass etwas falsch läuft. Onlinejournalismus ist an der Zeit.

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