Phlow.net Magazin im Blog-Pelz

Das Webzine "Phlow" propagiert eine neue Form des subjektiven Journalismus - und erschließt die Welt der so genannten Netlabels. Die Gegenkultur zur Medien- und Entertainment-Industrie lebt von Kreativität und Enthusiasmus - und davon, dass ihre Macher ihre Brötchen anders verdienen.

Von Mario Gongolsky


Phlow: Freches Webmag mit viel legalen Musik-Downloads im Angebot

Phlow: Freches Webmag mit viel legalen Musik-Downloads im Angebot

Ein angenehmer Sommerabend in der City, unter dem breiten Sonnenschirm der Außenterrasse vermengt sich das Gemurmel des Publikums mit den Downbeats, die aus dem Innenbereich des Cafés ins Freie drängen. Zu Gast an diesem Abend ist Moritz Sauer, Gründer und Macher von Phlow.net, einem E-Zine über Musik- und Netzkultur, der zum Favoritenkreis der Nominierten des diesjährigen Online-Grimme-Awards gezählt werden muss.

Etwas unsicher räkelt sich der 29-jährige Medienpädagoge auf dem Stuhl. Nein, Interviewtermine sind für ihn noch weit davon entfernt, Routine zu sein.

Den ersten Kontakt zur journalistischen Arbeit bekam der Musikfreund Sauer beim kleinen Kölner Musikblatt "Klangwelt". Dem Einstieg folgte nach dem Studium ein Aufstieg zum Redakteur der Onlineplattform popkomm.de, den offiziellen Seiten des großen Musikevents. "Im Grunde war das ein typisches Start!-Up", bewertet Sauer nachträglich und meint damit wohl das Missverhältnis zwischen überschwänglichen Ideen und geschäftlicher Realität. Letztlich haben wie so oft die geschäftlichen Realitäten gesiegt und Moritz verlor 2002 seinen Job.

Phlow soll rauschen

"Eigentlich sollte meine Seite ja Moritz-Sauer.de heißen, aber die Domain war schon weg", sagt er. Was aber ist Phlow? "Rauschen ist irgendwie ein schöner, ein flüssiger Zustand. Nun war Flow aber auch schon vergeben und deshalb ist daraus eine HipHop-Variante geworden, also "Phlow".

Phlow bietet ein breites Themenspektrum von Konzert- und Filmkritiken bis hin zur Netzkultur. Ein ganz wichtiger inhaltlicher Akzent sind die so genannten Netlabels. Während Phlow einzelne Künstler dieser Netlabels vorstellt, erreicht man aus der Phlow-Navigation heraus zugleich den Netlabelkatalog, einen umfangreichen Wegweiser in eine neuartige Musikszene, bei der legale Musikdownloads zum eigenen Selbstverständnis gehören.

Inkubator der Netlabel-Szene

Bei einem Netlabel im Internet werden keine Platten gepresst und keine CDs gebrannt. "Das Thema ist klar im Vorwärtsgang", freut sich Sauer. Geld zu verdienen ist damit indessen kaum. "Die Musiker haben die Möglichkeit, bekannt zu werden, bei Live-Events aufzulegen und mit viel Glück im Radio gespielt zu werden."

Hier greift das Open-Source-Prinzip: Lohn der Arbeit ist Lob statt Gehalt. "Trotzdem wächst hier, besonders für DJ-Mixe und den Bereich der elektronischen Musik, ein Gegengewicht zur konventionellen Musikindustrie heran. Mehr noch: Viele Netlabels sind nicht einmal Gema-Mitglieder. Das bedeutet eine völlige Abkehr von herkömmlichen Verwertungsmodellen." Phlow.net ist zu einer Art Schaltstelle und Inkubator der Netlabel-Szene geworden.

Subjektivität heißt Ehrlichkeit

Trotz weiter Strecken der Alleinunterhaltung ist Phlow kein Blog. Sauer: "Ich sehe aus wie ein Blog, bin aber ein Magazin. Die Inhalte machen den Unterschied. Verweise auf Meldungen Dritter sind eher die Ausnahme. Wir veröffentlichen Artikel."

Und dabei hat Phlow einen sehr eigenen Stil gefunden. "Es ist eine Art subjektiver Journalismus", erklärt Sauer: "Wenn unsere Filmkritikerin Anke Gröner einen Streifen erbärmlich findet, dann kann man bei uns diese Kritik in der Ich-Form finden. Im traditionellen Journalismus wäre das ein Fehltritt. Ich finde das hingegen ausgesprochen wohltuend, grenzt es doch für jeden Leser klar erkennbar Fakten von subjektiven Einschätzungen der Autorin ab."

Überzeugungstäter: Moritz Sauer

Überzeugungstäter: Moritz Sauer

Genau das macht die Qualität von Phlow aus. Besonders die Film- und Musikkritiken heben sich durch Ausdrucksstärke und Emotionalität erfrischend vom PR-Blabla der kommerziellen Konkurrenz ab.

Gern Geld, aber nicht gegen Kompromisse

Seinen Lebensunterhalt muss der Phlow-Gründer dennoch als freier Journalist bestreiten. Die wenigen Mitautorinnen und -Autoren erhalten ebenfalls keine Honorare. Der Gedanke an eine Kommerzialisierung von Phlow bereitet einiges an Kopfzerbrechen: "Also, 468 x 60 Pixel-Banner kommen bei uns nicht in Frage. Das zerhackt das Webdesign", wiegelt Sauer energisch ab. Sponsoring wäre hingegen denkbar: "Sollen sich doch Firmen damit brüsten, Phlow zu unterstützen." Auch Merchandising-Artikel kann sich Moritz Sauer vorstellen. Zum Leben wird das kaum reichen.

Vielleicht wird alles besser und einfacher, wenn Phlow wirklich den Online-Grimme 2004 absahnt. Wie wäre es also mit Prestige statt Gehalt für den journalistischen Überzeugungstäter und seine tapferen Komplizen? "Mal langsam", bremst Sauer die Erwartungen und nestelt etwas nervös an seiner Brille herum: "Die Nominierung war schon eine Überraschung. Der Preis wäre ein Wunder."



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