Gesperrtes Protestvideo gegen "GNTM" Ein schlechter Vorgeschmack auf Upload-Filter

RTL bremst unabsichtlich eine feministische Kampagne gegen die Fernsehsendung "Germany's Next Topmodel" aus. Der Fall zeigt, wie machtlos Künstler und Aktivisten gegen Pannen bei automatischen Upload-Filtern sind.
Protestaktion "Not Heidis Girl" von Pinkstinks

Protestaktion "Not Heidis Girl" von Pinkstinks

Foto: Markus Abele / Pinkstinks / DPA

Plötzlich ist die Luft raus aus der Viralkampagne: Sieben Stunden lang ist das Musikvideo "Not Heidi's Girl" auf YouTube nicht mehr zu erreichen. Das ist ärgerlich für die Protestgruppe Pinkstinks. Denn am Tag zuvor war die Regisseurin des Videos noch zur Gast in der RTL-Sendung "Guten Morgen Deutschland", um über das Projekt zu berichten - in der Hoffnung auf noch mehr Aufmerksamkeit für ihr Anliegen.

In dem knapp dreiminütigen Musikvideo  wettern Hamburger Schülerinnen gegen die Heidi-Klum-Sendung "Germany's Next Topmodel", die auf ProSieben läuft. Mit Textzeilen wie "Ich bin mehr als mein Aussehen, ich kann mehr anbieten, als diese Deppen mich zeigen lassen" kritisieren sie den Schönheitswahn, der jungen Frauen mit der "Horrorshow" vermittelt werde.

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Wer sich den Clip am Tag nach der RTL-Sendung zwischen 1.47 Uhr und 8.32 Uhr auf YouTube anschauen wollte, wurde enttäuscht. Das Video wurde von Google Mitte Februar vorübergehend gesperrt. Das Problem: Der Google-Filter Content ID hatte das Video als urheberrechtlich geschütztes Bildmaterial des Senders RTL eingeordnet. Ein Fehler im System, von dem auch RTL selbst erst später erfährt.

Mehr als 700.000 Nutzer haben sich das Video mittlerweile angeschaut. Dabei könnten es weitaus mehr sein, sagt die Pinkstinks-Chefin Stevie Schmiedel. "Wir haben den Einbruch deutlich gemerkt." Und das, obwohl der Clip nur wenige Stunden offline war. "Für große Unternehmen wie RTL sind sieben Stunden gar nichts, für virale Kampagnen wie unsere kann es das Ende bedeuten."

RTL entschuldigt sich für den Vorfall

Content ID schützt die meisten Sendungen, die auf RTL gezeigt werden. Damit keine illegalen Kopien der Shows im Internet auftauchen, übermittelt RTL mit den Fernsehbildern automatisch eine Art digitalen Fingerabdruck an YouTube-Mutter Google. Sobald das Material unerlaubt von einem anderen Nutzer hochgeladen und erkannt wird, aktiviert Content ID den Sperrmechanismus.

Auf Nachfrage von Pinkstinks am drauffolgenden Morgen schaltete RTL den Clip wieder frei und entschuldigte sich bei der Künstlergruppe. Ein RTL-Sprecher teilte SPIEGEL ONLINE mit: "Wir haben entsprechende Vorkehrungen getroffen, damit solche Fälle nicht mehr eintreten sollten." Es habe sich bei der bedauerlichen Sperrung um einen Einzelfall gehandelt.

Doch aus Kreisen des Senders klingt das anders. Dort heißt es, so etwas passiere ständig. Immer wieder gebe es Videos, die zu Unrecht auf YouTube blockiert werden. Der Grund: Der Algorithmus ordnet gezeigte Ausschnitte aus fremden Videos dem Sender zu, obwohl der die Rechte gar nicht besitzt.

Google hält sich aus der Filterdiskussion heraus. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagt ein Sprecher lediglich, dass man Urhebern mit Content ID eine Plattform biete, um Inhalte zu kontrollieren. Wenn ein Nutzer glaube, dass sein Video fälschlicherweise beanstandet wurde, könne er die Sperrung anfechten. Rechtliche Fragen sollen Urheber unter sich klären.

Sperrfilter sind nur schwer zu kontrollieren

Der Fall könnte Kritikern zufolge einen Vorgeschmack darauf geben, wozu Upload-Filter führen könnten, die mit der EU-Urheberrechtsreform eingeführt werden sollen. Mit der Reform könnten künftig alle großen Onlineplattformen dazu verpflichten werden, sämtliche Inhalte zu scannen, bevor sie hochgeladen werden. Kritiker befürchten, dass darunter vor allem unabhängige Künstler leiden könnten, wie etwa die Protestgruppe von Pinkstinks.

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zweifelt IT-Anwältin Barbara Rudnick am Nutzen solcher Filter. Ihren Angaben zufolge habe RTL mit der Sperrung des Videos nicht nur das Urheberrecht verletzt, sondern auch in die Meinungsfreiheit eingegriffen. "Dieser Fall zeigt, dass mit automatisierten Filtern nicht nur rechtswidrige Inhalte gesperrt werden, sondern auch sinnvolle Videos."

Der Rechtsexpertin zufolge sind solche Filter kaum zu kontrollieren, da keine neutrale Stelle die Sperrfunktion überprüfe. "Diese Filter könnten Medienanstalten dazu verleiten, ihre eigenen politischen Interessen durchzusetzen", sagt Rudnick. Wenn es nach ihr geht, sollte sich das Netz selbst regulieren. Durch die Filter werde "das Netz nicht gerechter".

Stevie Schmiedel von Pinkstinks fühlt sich machtlos gegen die Filterwillkür. "Dieses Content-ID-Verfahren macht große Probleme, die Technik ist viel zu fehlerhaft", sagt die Aktivistin. Sie sehe bei der totalen Automatisierung der Upload-Filter die Gefahr, dass viele weitere Onlineprotestaktionen im Keim erstickt werden könnten, obwohl kein Verstoß gegen geltendes Recht vorliegt. "Wir kämpfen als kleine Gruppe gegen Goliath."