Plagiatsaffäre Guttenbergs Fans entdecken das Netz

Karl-Theodor zu Guttenberg steht in der Kopier-Affäre mächtig unter Feuer, doch jetzt formieren sich seine Fans: Per Facebook und Twitter rufen sie zu Solidarität mit dem Minister auf, Zehntausende haben sich bereits der Aktion angeschlossen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Initiator.
Facebook-Seite von Guttenberg-Unterstützern: Mehr als 50.000 Fans in zwei Tagen

Facebook-Seite von Guttenberg-Unterstützern: Mehr als 50.000 Fans in zwei Tagen

Hamburg - Tobias Huch dürfte zufrieden sein. Minute für Minute schließen sich ihm weitere Guttenberg-Anhänger an. Sie wollen sich mit dem Verteidigungsminister solidarisch erklären, ihr Sammelplatz ist das Soziale Netzwerk Facebook. In der Nacht zum Freitag hatte der Mainzer Medienunternehmer dort eine Fan-Seite mit dem Titel " Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg " eingerichtet und Gleichgesinnte zum Klick auf den "Gefällt mir"-Knopf aufgerufen.

Huchs Initiative steht beispielhaft dafür, wie unterschiedlich die Menschen in Deutschland auf die Vorwürfe gegen Guttenberg (CSU) reagieren, wie gespalten die Gesellschaft ist. Der Verteidigungsminister hat große Teile seiner Doktorarbeit aus verschiedenen Quellen abgeschrieben ohne die entsprechende Passagen korrekt zu kennzeichnen. Nach SPIEGEL-Informationen hat der CSU-Abgeordnete auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine Doktorarbeit in Anspruch genommen - immerhin stammten die Ausarbeitungen von einem zweifach promovierten Beamten.

Einer von der "Bild am Sonntag" in Auftrag gegebenen Emnid-Studie zufolge wollen nun 47 Prozent der Bundesbürger, dass Guttenberg seinen Doktortitel zurückgibt. Trotzdem sind 58 Prozent der 500 Befragten der Ansicht, dass Guttenberg kein Schwindler sei.

Und ebenso wie in der Politik darüber gestritten wird, wie mit den Vorwürfen umzugehen ist, welche Konsequenzen gezogen werden müssen, tobt auch im Netz ein Kampf der beiden Lager. Bisher waren dabei vor allem die Kritiker zu hören, die Guttenbergs Rücktritt fordern oder sich über die Affäre lustig machen. Aber in der Pro-Guttenberg-Seite auf Facebook haben nun auch die Befürworter des CSU-Politikers ein Forum gefunden. Und das findet enormen Zuspruch.

Wo bleibt die Welle?

Am Freitagmorgen um 2:43 Uhr war Huch noch stolz darauf, binnen vier Stunden die ersten 232 Fans gefunden zu haben, doch schon da gab er sich zuversichtlich, noch viel mehr Facebook-User hinter sich versammeln zu können. "Morgen will ich eine gute 4-stellige und übermorgen eine 5-stellige Mitgliederzahl sehen", schrieb der Administrator an die digitale Pinnwand und rief dazu auf, den Link zu seiner Aktion per Twitter zu "TEILEN, TEILEN, TEILEN!".

Die von ihm erhoffte Twitter-Welle blieb allerdings aus, mehr als ein paar hundert entsprechende Tweets findet man nicht. Doch das hat offenbar schon ausgereicht, um Massen zu mobilisieren. Am Sonntagvormittag nämlich hatten weit über 50.000 Fans des Freiherrn zu Guttenberg den "Gefällt mir"-Knopf angeklickt, sich dadurch mit der Aktion verbunden und all ihren Facebook-Freunden gezeigt, dass sie allen Plagiatsvorwürfen zum Trotz weiterhin zum Verteidigungsminister stehen.

"Damit habe ich nicht gerechnet"

Über den enormen Zuspruch habe er sich dann doch gewundert, sagt der Unternehmer SPIEGEL ONLINE: "Mit vielleicht 20.000 habe ich sicher gerechnet, nicht aber mit 50.000 binnen drei Tagen". Die Aktion sei für ihn "eine Art Demonstration".

Huch machte in den vergangenen Jahren bereits als Anbieter von Altersverifikationssystemen für Erotik-Webseiten mit aufsehenerregenden Prozessen und mit der Offenlegung eines Datenskandals bei der Telekom , von sich reden. Die Facebook-Seite habe er spontan ins Leben gerufen, davon erhoffe er sich eine "Versachlichung der Diskussion um zu Guttenberg", sagt Huch.

Populistische Phrasen

Aber auch ohne solche Schützenhilfe kann sich der Verteidigungsminister nicht über mangelnde Popularität im Netz beklagen. Allein auf seiner eigenen Facebook-Seite hat sich die Zahl seiner Fans in der vergangenen Woche nahezu verdoppelt. Rund 75.000 Nutzer haben Guttenberg bis zum Sonntagmittag ge-"liked" - ungeachtet des Verdachts bezüglich seiner Dissertation. Ungeachtet der Vorwürfe, er habe sich beim Verfassen seiner Doktorarbeit von einem Ghostwriter helfen lassen. Ungeachtet des Umstands, dass er die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine Doktorarbeit in Anspruch genommen. Ungeachtet des Ärgers, dass er eine wichtige Erklärung zu den Plagiatsvorwürfen nur einer ausgewählten Journalistenschar mitteilte.

Als Information zu Sinn und Zweck der Guttenberg-Fan-Seite heißt es bei Facebook nur: "Dr. Karl-Theodor ist und bleibt unser Bundesverteidigungsminister!" Die Plagiatsvorwüfe werden als "Hetze der Opposition" beschrieben und argumentiert: "Eine 'Summa cum laude'-Doktorarbeit wird noch lange nicht zum Plagiat, wenn ein paar Fußnoten fehlen." Zudem wird ein Kommentar mit dem Titel " Eine Doktorarbeit ist kein Kriminalroman" ins Feld geführt, der angeblich von einem Tübinger Informatikprofessor stammt und in dem die seitenweise Übernahme fremder Texte in einer Doktorarbeit als gängige Praxis in wissenschaftlichen Arbeiten verteidigt wird.

Die Plagiatsjäger machen Überstunden

Andernorts wird noch eifrig daran gearbeitet, alle nicht korrekt gekennzeichneten Zitate in Guttenbergs Dissertation aufzufinden, zu überprüfen und zu dokumentieren. Die Mitstreiter des GuttenPlag Wiki  haben inzwischen auf 267 Seiten der Guttenbergschen Doktorarbeit, das sind 67,9 Prozent des Gesamttextes, Textstellen gefunden, die sie als Plagiate identifiziert haben. Bestätigt sind diese bislang nur in Teilen.

Vom Umfang der damit verbundenen Arbeit ist der Initiator der Gemeinschaftsaktion, der nur unter dem Pseudonym PlagDoc auftritt, offenbar überrascht worden. Seinen am Samstag veröffentlichten Zeitplan , der eine Veröffentlichung eines Abschlussberichts am Montag vorsah, musste er mittlerweile überarbeiten. Obwohl seinen Angaben zufolge bereits Hunderte Freiwillige an dem Projekt mitwirken, sucht er weiter nach Helfern. Die sollen sich daran beteiligen, die bisher gemeldeten Fundstellen zu verifizieren und zu dokumentieren.

Nur ein Indiz

Für den Sonntagabend ist nun zumindest die Präsentation einiger "interessanter Kennzahlen" geplant, statt eines Abschlussberichts will PlagDoc nun am Montagabend einen Zwischenbericht veröffentlichen. Wann der Abschlussbericht folgen wird, lässt er offen.

Unternehmer und Guttenberg-Unterstützer Huch beobachtet die Arbeit der Plagiatsjäger nach eigenem Bekunden mit Interesse, ist aber der Meinung, "dass die Masse nicht immer recht hat" und ergänzt, das könne sowohl auf seine "Facebook-Seite zutreffen als auch auf das GuttenPlag Wiki". Das Internet sei eben kein "Allheilmittel, sondern nur ein Indiz, um sich eine Meinung zu bilden".

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