Platinnetz-Aktkalender Sex sells - in jedem Alter

Zwölf Mitglieder der 50-plus-Plattform Platinnetz haben sich nackt fotografieren lassen. Mit ihrem Aktkalender wollen sie zeigen, dass Schönheit keine Frage von Jugend sein muss - die Aktion ist der neueste Höhepunkt einer Debatte um Sexyness im Alter.

Von Khuê Pham


"Anuschka" kichert, kokettiert und flirtet mit der Aufgekratztheit einer Jugendlichen, die vor kurzem ihr erstes Mal hatte. Ihr Name klingt frivol und erotisch, die neckischen Dessousfotos auf ihrer Profilseite bestätigen den Eindruck. In Wahrheit ist "Anuschka" eine 58-jährige Mutter von zwei erwachsenen Söhnen und Unternehmerin aus dem baden-württembergischen Reutlingen, zweimal verheiratet, zweimal geschieden.

Mit der letzten Scheidung begann ihre Metamorphose. Auf Anraten ihrer Söhne registrierte sich Anne S. im Sommer vergangenen Jahres als "Anuschka" bei Platinnetz, einem 120.000 Mitglieder starken Netzwerk für Menschen über 50. Dass sie sich eines Tages für diese Community ausziehen und nackt fotografieren lassen würde, hätte sie nicht gedacht. Doch als Platinnetz diesen Sommer zum Casting für einen erotischen Kalender aufrief, bewarb sie sich - und wurde genommen.

" Platinnetz hautnah" heißt der neue, seidenmatte Aktkalender, in dem sich Monat für Monat ein attraktiver "Platiner" dem Betrachter entblößt. Elf Frauen und ein Mann räkeln sich im Halbschatten der Sepia-getönten Fotos. Man sieht blanke Brüste, nackte Pobacken und klassische Erotikposen; man sieht auch Falten, Altersflecken und hervorstehende Adern, welche die Bildharmonie aber nicht stören.

Die Modelle wurden unter 150 Bewerbern ausgesucht. Die Vorentscheidung fällte die Platinnetz-Jury, die schönsten zwölf wählte die Community per Internet-Casting.

"Wir wollten zeigen, dass auch ältere Körper attraktiv und begehrenswert sind", sagt August-Model "Anuschka" SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen uns nicht verstecken." Es nervt sie, dass Menschen über 50 kein Sexleben zugetraut wird. Sie selbst habe ihre Sexualität erst vor kurzem neu entdeckt: "Wenn man älter ist, geht man damit unaufgeregter um, man kennt seinen Körper und kann seine Wünsche besser ausdrücken", sagt sie und kichert.

Nackte Senioren und die Schönheit

Das Thema Erotik im Alter erregt Aufsehen. Als die Kosmetikfirma Dove 2007 begann, mit nackten, älteren Frauen ihre Produkte großflächig zu bewerben, war sofort von "Tabubruch" und "Skandalkampagne" die Rede. Doch die "Pro Age"-Aktion erwies sich als PR-Coup, Kunden waren begeistert, es gab Auszeichnungen.

Furore machte auch Andreas Dresens Film "Wolke 9", der über 60-Jährige beim Sex zeigt. "Die nackten Körper am Anfang des Films wirken doch nur deshalb erst einmal erschreckend, weil wir alle Angst vor Verfall und Tod haben", sagte der Regisseur SPIEGEL ONLINE zum Kinostart Anfang September. "Aber auch das gehört zum Leben dazu, das sollten wir in unserer angeblich so aufgeklärten Welt ruhig zur Kenntnis nehmen."

Platinnetz führt die Medialisierung von Alterssexualität mit seinem Aktkalender fort. Doch neu ist diese Idee nicht. In den vergangenen drei Jahren gab es bereits erotische Kalender von strippenden Sportlern, freizügigen Bibelfans und - zur Unterstützung des diesjährigen Hessen-Wahlkampfes - dezent enthüllten SPD-Politikerinnen um die Landtagsabgeordnete Heike Hambermann. Dass auch ältere Damen Pin-ups sein können, zeigte schon vor vier Jahren der Film "Kalender Girls" von Nigel Cole.

Kollektiver Kraftakt

Jüngstes Beispiel für den Boom ist der diesjährige Kalender der Studentenplattform StudiVZ, nach Firmenangaben "ein voller Erfolg". "Eleganz bei Nacht" setzt je zwölf Studentinnen und Studenten im poppigen Männermagazinstil erotisch in Szene.

Platinnetz verfolgt einen anderen Ansatz: "Wir wollten eine andere Ästhetik, die unserer Altersgruppe gerecht wird", sagt Platinnetz-Geschäftsführerin Heike Helfenstein SPIEGEL ONLINE. "Wir wollten keine langweiligen jungen Models zeigen, sondern Menschen, die vom Leben positiv gezeichnet sind."

Helfenstein hofft, dass der am Mittwoch erschienene Kalender die Platinnetz-Community enger zusammenschweißen wird. Das Casting im Sommer hatte auf der Seite Klickstürme und Debatten in den Foren ausgelöst – gleichzeitig entsprang aber eine Neiddebatte, die tiefe Gräben durch die virtuelle Gemeinde zog.

"Ich frage mich, wo dieses Selbstbewusstsein hergenommen wird, sich derart zu präsentieren", lästerte damals eine "Platinerin" über die Casting-Kandidaten, "einige machen sich doch echt zum Affen." Und nachdem der Kalender erschienen ist, resümiert nun ein anderes Mitglied: "Das war das Peinlichste, was bisher auf dieser Seite abgegangen ist."

Männerträume vom Modeln

Unter den Anfeindungen hatte vor allem ein Kalendermodell zu leiden: Frederik Jilek, 57. Der Rentner aus Hamburg ist der Dezember-Mann und laut Community-Casting die schönste Person im Platinnetz. "Die Schmutzkampagne hat mich beinahe dazu veranlasst, von dem Shooting zurückzutreten", sagt Jilek SPIEGEL ONLINE. Er hatte sich für den ursprünglich geplanten Männerkalender beworben, doch seine Geschlechtsgenossen sprangen wegen der Lästereien alle ab - Jilek wurde als einziger Mann in den Frauenkalender aufgenommen.

"Ich bin froh, dass ich es doch gemacht habe", sagt er heute, "es hat viel verändert." Jilek erzählt stolz von Casting-Agenturen, die ihn als 50-plus-Model buchen wollen. Der freie Fotograf hat nie daran gedacht, aus seinem Aussehen Kapital zu schlagen. Jetzt bewirbt er sich wieder bei einem Internet-Casting - der Gewinner wird den Titel eines Kataloges für Sanitätsartikel zieren.



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